●14 - mein Name ist Cassiel und ich bin eine Glühbirne

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Etwas später war mir wieder etwas schwummerig geworden und ich war wohl auch wieder kurz durchsichtig gewesen...
Ganz im Ernst, ich war viel zu ruhig für meine Verhältnisse. Mittlerweile war ich einfach nur fertig mit der Welt. Wie schaffte es Fen, weiterhin einen kühlen Kopf zu bewahren?
Ich wartete nur noch auf meinen Nervenzusammenbruch.

Gedankenverloren rupfte ich Gras vom Boden.
Ich dachte eine Weile über meinen Namen nach. Und je länger ich das tat, desto unlogischer wurde es.
Wieso hieß ich, wie ich hieß? Das war so ziemlich meine Hauptfrage. Den Grund hatte Mama mir zwar schon oft gesagt, doch irgendwie ergab es keinen Sinn, zumindest nicht mehr.
Es war in der katholischen Gesellschaft definitiv nicht normal, sein Kind nach einem Engel zu benennen... Und meine Mutter war versessen auf die »religiöse Korrektheit«.
Wieso also ›Cassiel‹...?

Der Erzengel Cassiel ist einer der höchsten Engel der Sieben Himmel. Er regiert sogar über den siebten, welcher vermeintlich der schönste und beste Himmel ist.
Die Geschwindigkeit Gottes... Der Engel des Saturns und der Engel der Trauer, des Leidens. Man betet zu ihm, wenn man nicht mehr weiterweiß – So hatte meine Mutter es mir erzählt.

Das Lustige: Wann immer ich zu Cassiel betete, bekam ich nie eine Antwort, sondern fühlte mich einfach nur einsam, als würde ich Selbstgespräche führen. Dieses Gefühl hatte ich sonst aber nie bei Gebeten. Das war der Grund, weswegen ich den Engel eine lange Zeit nicht mochte. Ich habe mich ignoriert gefühlt.

Fen und Odin, die sich gerade noch angeregt über Kriegsführung – Ich hinterfragte das einfach mal nicht – unterhalten hatten, verstummten plötzlich.
Erst Fen, welcher mich mit weit aufgerissenen Augen entsetzt anstarrte; dann Odin, welcher Fens Blick gefolgt war und nun eher gelangweilt oder genervt aussah, wie in »Ich wusste, das würde nochmal passieren«.

»Was ist?«, fragte ich unbeholfen; mit meiner Hand voll Gras, welches ich abwesend abgerissen hatte, hielt ich nun mitten in der Bewegung inne.

»Du leuchtest wieder«, hauchte Fen.
»Diesmal aber um einiges heller«, fügte Odin hinzu, nahm meine Hand und hielt sie mir vor das Gesicht.

Ich riss die Augen auf, ich sprang auf.
»Ich bin eine Glühbirne!«, kreischte ich.
Ich starrte auf meine Hände.
Licht ging von ihnen aus, war grell, tat fast weh in meinen Augen.
Panisch begann ich im Kreis zu laufen, immer schneller und stur weiter auf meine Hände starrend.
Ich biss die Zähne zusammen, wollte durchatmen, doch japste nur vor mich hin. Meine Haut leuchtete frech weiter.
Durch das Im-Kreis-Laufen wurde mir immer schwindeliger und meine Beine gaben nach.

Jetzt befand ich mich auf dem Boden, den Blick immer noch starr auf meine Hände gerichtet.

Ich fing an zu winseln und Tränen entkamen meinen Augen.
»Was passiert mit mir?«, schluchzte ich.

Ich hielt mir mit den leuchtenden Händen die Augen zu.
Ich wollte nichts mehr sehen.
Ich wollte mich nicht mehr sehen.

Ja... Da war der Nervenzusammenbruch, auf den ich gewartet hatte...

»Was passiert mit mir?!«, wiederholte ich.
Ich fing an zu weinen. Bitterlich zu weinen.

»Tu doch was!«, sagte irgendwer angespannt, aber es klang weit weg.
»Was soll ich denn machen? Ich kenn mich mit dem da nicht aus. Der letzte Leuchtende, den ich kannte, starb wegen eines Asts.«
»Was eine herzlose Weise, Balders Tod zu beschreiben...«

»Hilf mir...«, flüsterte ich durch die Tränen.
»Hilf mir!«

»Soll ich dich umarmen?«, fragte jemand, Fen, vorsichtig. Ich nahm meine noch immer leuchtenden Hände vor meinen Augen weg und schaute Fen an, welcher sich vor mich hingekniet hatte.

Ich zog meine laufende Nase hoch und nickte langsam und kaum merklich. Mein Kopf dröhnte vom Weinen fürchterlich.

Fen nahm mich in den Arm, nur ganz leicht lagen seine Arme um mich und ich fing wieder an, zu weinen. Bitterlich zu weinen.
Sanft streichelte seine Hand über meinen Rücken und ich konnte spüren, wie sein Kiefer zuckte.

Wie das verängstigte Kind, das ich war, klammerte ich mich an ihn, wie an eine Mutter.
Oh nein, wenn ich jetzt noch anfing, an meine Mutter zu denken... Wie sie warscheinlich grade zu Hause saß und sich fragte, wo ich war.
Was würde ich ihr erzählen... Falls Fen und ich es je wieder zurückschafften?
Ich schluchzte laut auf und Fen drückte mich an sich.

»Cassi?«, fragte Fen leise, an meinem Ohr.
»Fen?«, antwortete ich zittrig.

»Alles wird gut«, sagte er und ließ mich langsam los, um mir in die Augen sehen zu können.
»Ich weiß nicht...« Ich ließ den Kopf hängen.
»Wir kennen uns erst seit fünf Tagen und schon ist alles so... seltsam.«

»Eigentlich sind es nur vier«, korrigierte mich Fen und lachte unbehaglich.

Ich ließ meinen Kopf gegen seine Brust fallen. »Feeen!«, murrte ich verzweifelt.
Er lachte leise.
»Tut mir leid.«

»Kräääh!«, ertönte es plötzlich.

»Hm, was?!«, ich schaute verwirrt hoch zu Fen.
Fen zog beide Augenbrauen hoch und blickte nach links, wo vor ein paar Minuten noch Odin mit seinen Raben gesessen hatte.

Jetzt saß da im Gras nur noch ein Rabe und hüpfte hin und her.
Er krähte ein weiteres Mal.

»Odin ist gegangen?«
»Scheint so. Was ist mit dem Raben?«, fragte ich.
Er krächzte noch einmal in unsere Richtung.
»Munin. Ich bin Munin«, murmelte Fen überrascht.
»Was?!« Ich war verwirrt.
Fen zeigte auf den Vogel.
»Er sagt: Ich bin Munin.«
»Du sprichst Rabe?!«
»Keine Ahnung?« Fen schaute mich verzweifelt an.
»Aber du hast verstanden, was der Rabe –«
Fen unterbrach mich: »Munin.«
»... Munin, äh... gesagt hat«, beendete ich meinen Satz.

Der Rabe meldete sich wieder zu Wort.
»Warte, was? Langsamer!«, meinte Fen genervt zu dem Vogel. Er hatte die Augenbrauen zusammengezogen und beugte sich zu dem Tier herunter.
Munin wiederholte sein Krächzen, dieses Mal langsamer.
»Ein Kampf?! Wo?« Fen hatte sich jetzt vor den Raben gekniet und schaut konzentriert den schwarzen Vogel an.
Wieder krähte Munin.

»Hast du gar keine Kopfschmerzen mehr?«, fragte ich Fen.
»Wenn sie nicht durcheinander krähen und langsam genug sprechen, geht es. Und es ist ja gerade nur der eine. Außerdem sagt er, wir sollten ihm folgen und er bringe uns zu dem Kampf, zu dem Odin verschwunden wäre; es sei wohl wichtig für unsere Prophezeiung.«

»Müssen wir auch kämpfen?«, fragte ich bedrückt.
»Ich denke mal ja, in der Prophezeiung ist ja auch die Rede von Kämpfen und einem Krieg.«
»Sonst noch was...?«, fragte ich müde.
»Jain... Ich denke, ich habe Munin einfach nur falsch verstanden«, sagte Fen nachdenklich, stand auf und half mir hoch. Er hob seinen goldenen Speer auf.
Ich wartete kurz, hoffte, er würde von sich aus sagen, was Munin noch gekräht hatte, doch er blieb still. Also fragte ich nach.

»Ich glaube, gehört zu haben, wie er mich ›Sohn des Meisters‹ genannt hat... Aber wie gesagt, ich bin noch nicht sonderlich geübt in ›Rabe‹«, lachte Fen unbehaglich.
»Vielleicht lässt auch der Sprachen-Zauber von Loki nach.«

Zwei Welten - Wie im Himmel so in Midgard Where stories live. Discover now