●13 - Ich lerne den zweiten Gott, diese Woche, kennen

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»Und wer seid ihr?«, fragte der Mann. Moment, lag Fen also richtig? War das Odin?
Ich erinnerte mich dumpf an den Geschichtsunterricht der siebten Klasse. Ja, die Beschreibung passte: zwei Raben, gekleidet wie ein Wanderer, der Stab...

»Mein Name ist Fenris Nygård«, sagte Fen.
Der letzte Gott, dem wir begegnet waren, war quasi unberechenbar. Ich erwartete das schlimmste, obwohl uns Loki die meiste Zeit geholfen hatte.

»Ich bin Cassiel Weiß«, sagte ich, sehr leise, eingeschüchtert von der Situation.

Ganz plötzlich wurde mir schwindelig.
Ich versuchte noch, mich an Fens Arm festzuhalten, doch mein Körper gehorchte mir nicht mehr: Ich fiel zu Boden.
Dann, vermutete ich, war es Fen, der sich über mich beugte und etwas sagte, doch meine Sicht war verschwommen.

Alles wurde erst weiß wie Schnee, dann einfach schwarz.
Ich öffnete meine Augen, glaubte ich zumindest. Um mich war alles auf einmal wieder weiß und es erinnerte mich an einen der Albträume, die ich früher oft hatte.

Ich spürte ein seltsames Gewicht an meinen Rücken. Ich versuchte herauszufinden, was da so schwer war, aber erschrocken musste ich feststellen, dass ich mich bei diesem Versuch selbst nicht sehen konnte... Nicht einmal meine Hände waren mir sichtbar!

Panisch sah ich mich um. Weiß, alles war weiß! Weiß, weiß, weiß...
Ich drehte mich im Kreis, oder doch nicht? Es war schwer zu unterscheiden, wenn alle Seiten komplett einfarbig waren...

Mir wurde wieder schwindelig. Doch ich blieb wach.
Als ich mich umdrehte (oder vielleicht auch nicht), erschien, etwas entfernt von mir, ein gigantisches, goldenes Tor. Es sah aus wie eines, das man vor einem Palast erwartete.

»Komm zurück! Komm heim!«, ertönte eine glockenhelle Stimme, die vom Tor auszugehen schien.
»Wer ist da?«, rief ich in Richtung des Tores. Aber meine Stimme klang seltsam, nicht wie meine eigene.
»Du musst dich erinnern, Cassiel! Erinnere dich an dich selbst!«
»Wer ist da?«, rief ich erneut, diesmal lauter.
Woher kannte diese Stimme meinen Namen? Kannte ich sie oder ihn?
»Komm bitte heim! Er vergibt dir! Er hat dir vergeben, Cassiel. Du kannst heim kommen. Du musst dich nur erinnern!«

Der Schwindel wurde stärker. Ich hatte das Gefühl, erbrechen zu müssen.
»Erinnere dich!«, schrie die Stimme ein letztes mal.

Ich riss die Augen auf, ich übergab mich zur Seite ins Gras.
Jemand strich mir meine Haare aus dem Gesicht, hinter meine Ohren, damit sie nichts abbekamen. Ich denke, es war Fen, der mir nun auch seine kühle Hand in den Nacken legte.
Als ich aufgehört hatte zu spucken, atmete ich schwer, aber versuchte dann, mit meinem Handrücken meine Mundwinkel zu säubern.
Der Gestank des Erbrochenen biss in meiner Nase.

Was war das gerade bitte?

Fen schob mit seiner anderen Hand mein Gesicht nach rechts, sodass ich ihn anschaute.
Er war kreidebleich und hatte einen sorgenvollen Blick.
»Geht's wieder?«, fragte er.
»Ich glaube schon...« Meine Stimme zitterte bei jedem einzelnen Wort.

»Ich hab noch nie 'nen Jungen leuchten und durchsichtig werden sehen«, meinte Odin. Er hatte sich etwas von uns entfernt in das Gras gesetzt und pulte sich den Dreck unter den Fingernägeln weg.
»W-was?«, fragte ich leise.

»Du bist umgefallen wie einer nach einem Horn Met zu viel«, sagte Odin schmunzelnd; er schien zu wissen, wie das aussah.
»Wie einer gereiert hast du auch.«
Ich murrte. Mein Kopf hatte sich wieder beruhigt. Und ich versuchte aufzustehen, doch Fen packte meine Schultern und drückte mich sanft nach unten, sodas ich nicht aufstehen konnte.
»Bleib sitzen, ich will nicht, dass du dir doch noch wehtust.«

»Na schön...«, verschränkte ich die Arme.
»Danke«, sagte Fen und tat etwas extrem unerwartetes. Er küsste mich auf die Wange.
Ein Schauer lief mir den Rücken herunter und ich wusste, dass ich etwas rot geworden sein musste.

»Odin«, fragte Fen, »hast du Wasser bei dir?«
»Du, Bursche, kannst froh sein, dass die letzte Familie, bei der ich unterkommen konnte, darauf bestand, dass ich Wasser von ihnen annehme«, sagte der Gott und zog eine dunkle Glasflasche aus seinem Mantel. Er reichte sie Fen und Fen reichte sie mir.

Mit noch etwas zittrigen Fingern nahm ich einen Schluck vom Wasser. Es war noch etwas kühl und schmeckte frisch. Ich atmete tief durch und wollte die Flasch Odin zurückgeben. Dieser winkte jedoch ab: »Behalt das Zeug. Brauch ich nicht.«

Nun fiel Odins Blick auf Fens Speer, den dieser von Loki bekommen hatte. Der Mann zog eine Augenbraue hoch.
»Wer hat dir den gegeben?«, fragte er.
»Ähm, das war Loki; er hat uns bisher oft geholfen. Ohne ihn wären wir bestimmt schon tot«, meinte Fen und ich musste schlucken, denn er hatte recht. Wir hätten es ohne Loki nie so weit geschafft.
Odin zog nun beide Augenbrauen nach oben und begann zu lachen.

»Loki? Freiwillig helfen? Das glaub ich euch nicht. Ich kenn die alte Silberzunge doch schon 'ne ganze Weile, und jemals etwas ohne bösen Hintergrund hat er nie getan. Ihr müsst ihm irgendwie nützlich gewesen sein«, vermutete Odin und lachte erneut.
»Nicht, dass ich wüsste«, sagte Fen und der Gott nickte.

»Man mag ja viel über Loki erzählen, aber eins muss man ihm lassen: Ein Auge für schöne Waffen hat er« meinte Odin und griff nach Fens Speer. Er schaut ihn sich genau an, begutachtete jeden Winkel der Waffe.
»Da war ein Profi am Werk, die Spitze erinnert mich an die von Gungnir.«
»Hmm.« Fen war sich wohl nicht direkt sicher, was er antworten sollte.

»Dieser Speer wird dir eine treue Waffe sein.«
»Ich bezweifle, dass meine Mutter mich den Speer behalten lässt...«
»Was hast du nur für eine Mutter?«, fragte Odin entsetzt.
»Eine, die es nicht gerne hat, wenn Waffen im Haus sind...«, gab Fen zurück, als er den Speer von Odin zurücknahm.
»Seltsame Mutter hast du.«
»Sie ist eigentlich eine recht gute Mutter«, erwiderte Fen und friemelte an den Dekorationen des Speers herum.

Zwei Welten - Wie im Himmel so in Midgard Where stories live. Discover now