5.00. Ärger am Morgen

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Am fünften Tag in Haft bin ich genau um fünf Uhr wach. Es ist, bis auf einige frühe Vögel, die noch verhalten zwitschern, still. Ich blicke durch die Zellentür und erahne in der einsetzenden Dämmerung den neuen Tag. Meine Blase meldet sich und ich muss erneut in eine Plastikflasche pinkeln. Gut, dass Kagawad Jacub Castro an eine Flasche Äthylalkohol gedacht hat. Der Alkohol duftet frisch auf Händen, Gesicht und Haaren und vermittelt ein - wenn auch trügerisches - Gefühl von Hygiene. Mein Körper schreit nach Koffein, aber weder Tasse noch heißes Wasser noch Kaffee sind verfügbar.

Erneut das Realisieren der desolaten Situation: 'Abgeschnitten vom bisherigen Leben, abhängig von irgendwelchen Personen, nicht mehr Herr über mich selbst zu sein und keine eigenen Entscheidungen mehr treffen zu können. Selbst Kaffee ist unmöglich.'

Vom Nichtstun kommen mir seltsame Gedanken: 'Meine Situation ist irreal, ein Alptraum. Bin ich im falschen Film? An einer versehentlich falsch gestellten Weiche auf ein unbekanntes Gleis abgebogen, auf dem ich nun, parallel zum realen Leben, dahin fahre?'

Mir wird schwindelig an der Zellentür und ich führe schon leise Selbstgespräche: „Tommy, wache endlich aus diesem Alptraum auf." Es passiert nichts, denn ich schlafe nicht. Die irreale Welt ist verdammt real und bleibt wie sie ist.

Die Leuchtdiode am Feuerzeug gibt ausreichend Licht, um damit das dritte und schwerste Sudoku zu lösen. Endlich ein Erfolgserlebnis. Vielleicht bringt der fünfte Tag in Haft die Erlösung, die Freiheit, die Weiche zurück auf das richtige Gleis?

"Tommy, werde aktiv! Tue etwas! Die haben kein Recht mich zu demütigen und in diesem mittelalterlichen Kerker schmoren zu lassen", sage ich mit fester Stimme zum Spinnwebenteppich über mir.

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Um sechs Uhr ist es bereits taghell und der gut beleibte Wachmann erscheint endlich. Seine Körperfülle vor der Gitterstabtür nimmt fast das gesamte Licht aus der Zelle. Er lässt mich diese wunderbaren Geräusche hören: Das Knacken des Schlosses und das Quietschen der Gittertür beim Öffnen. Von der Uniform trägt er nur die zerknitterte Hose. Ansonsten Badelatschen ohne Socken und ein T-Shirt, in dem er bestimmt die Nacht verbracht hat. Im Mundwinkel die obligatorische Kippe. Er ist unrasiert und Haare hängen ihm in Strähnen über die Stirn.

„Sir Heger, Sie sind der erste mit Toilette."

Ich atme tief die frische kühle Morgenluft ein. Mit einem zackigen „Danke, Sir!" husche ich in das kleine Bad, eine kleine Tüte mit den Waschutensilien in der Hand und das Handtuch um den Hals. Der Wasserhahn befindet sich auf Höhe meiner Waden. Daran befestigt ist ein mehrfach geflickter kurzer Gartenschlauch, der in einer riesigen Tonne endet. Die Plastiktonne ist außen mit Urin-, Seifen- und Kalkflecken verschmutzt. In der Tonne schwimmt eine Schöpfkelle, die zur Klospülung und als Dusche verwendet wird. Die Toilette ist jetzt auch nötig und die Dusche tut ausgesprochen gut.

Auf dem Zellenvorplatz läuft bereits Zelle Nummer 2, die Zelle rechts neben meiner Zelle, im Kreis. Die Männer trotten langsam dahin, schweigen und blicken müde zu Boden. Ich reihe mich in die wankende Zombiegruppe ein und bin froh, dass mich keiner blöd anquatscht. Der gut Beleibte liegt mehr auf dem Stuhl, als dass er sitzt, raucht, beobachtet die Szene und weist die Toilettenbenutzer mit gespielter Strenge an, schnell zu machen, denn er habe ja schließlich nicht den ganzen Tag Zeit.

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Ich traue meinen Augen nicht, aber plötzlich Michael steht am Drahtzaun. In der einen Hand zwei Becher Kaffee, in der anderen Hand eine Papiertüte. Sicherlich Pandesalbrötchen. Michael ist sofort mit dem Verteilen von Zigaretten an die bemitleidenswerten Zombies beschäftigt. Schnell ist die Packung More leer. Wir genießen den Kaffee und die ofenfrischen, sehr leckeren Pandesalbrötchen. Der gut beleibte Wachmann und Michael rauchen von meinen Marlboro, die ich noch in der Zelle hatte. Für mich ist das Rauchen wirklich noch zu früh.

Michael wirkt übernächtigt und unkonzentriert. Seine Kleidung ist zerknittert und schmutziger als gestern. Ich bemerke, dass er gar keine Wechselwäsche aus Sendong City mitgebracht hat und setze das auf meine gedankliche Merkliste: 'Hose und T-Shirt für Michael kaufen (von Michael kaufen lassen).'

„Michael, stimmt etwas nicht?", frage ich ihn direkt in rudimentärem Englisch.

Michael zögerrt, als drücke er sich vor der Antwort. Er schaut verlegen. Als Asiat kann er eine Frage nicht unbeantwortet lassen. Ich entspanne die Situation damit, dass ich mir nun doch eine Zigarette anzünde und dazu sein Feuerzeug verlange. Das beendet die unangenehme Situation. Schließlich antwortet Michael: „Franco, Tommy."

„Was ist mit Franco?", frage ich besorgt.

„Er hat mich nach Geld gefragt. Ich habe Franco 350 Piso gegeben. Er sagte, er habe von Dir nur ganz wenig Geld bekommen."

Ein paar Sekunden bin ich so verwirrt, dass mir gar nichts dazu einfällt. Um Zeit zu gewinnen, trinke ich den letzten Schluck Kaffee, der plötzlich bitter schmeckt: „Aber ich habe Franco doch 500 Piso gegeben und der hat 2000 Piso für die Schulgebühren genommen, also bekommen, wollte ich sagen."

Michael schaut zu Boden. Er sucht wieder passenden Worten und denkt offensichtlich angestrengt nach. Vor Nervosität zerfleddert Michael unbewusst den Pappbecher: „Ich war zuerst in der Born Again Kirche. Habe auf Franco und den Pastor gewartet. Pastors Frau hat gesagt, die zwei wären bei Attorney De Baron. Kamen dann spät zurück, Pastor betrunken und Franco kein Geld mehr. Ich habe 350 gegeben. Dann habe ich das erzählt, was Lang, Rica und Silvia über Attorney De Baron erzählt haben, das der einen schlechten Ruf habe. Der Pastor und Franco sind wild und laut geworden. Pastor hat rum gebrüllt, hat gesagt, das ginge mich gar nichts an und ich solle den verdammten Mund halten."

Michael richtet sich den Zopf am Hinterkopf, zündet die nächste an und berichtet weiter: „Bin dann weg und habe auf dem Platz gegenüber der Polizeistation geschlafen. Kein Problem, Tommy. Alles in Ordnung. Im Dorf schlafen wir auch oft draußen, in den Booten oder in Hängematten." Michael grinst unsicher und verlegen und zieht kräftig an der Zigarette.

„Shit!', rutscht es mir heraus. „Das kann ich gerade nicht brauchen. Bitte, Michael, Ihr dürft Euch nicht streiten. Ich muss hier raus, Michael!"

„Ja, natürlich, Tommy!" Michael streift die Asche der Zigarette am Rand des demolierten Kaffeebechers in den Becher hinein. Seine Finger zittern.

„Michael, ich mache Dir ja gar keinen Vorwurf. Aber verstehe mich, ich sitze im Knast und ich brauche Euch, Euch alle!"

Mich nervt die Situation gerade gehörig, ich brauche Luft, einen Themenwechsel, springe auf und wende mich an den Wachmann: „Sir, könnte mein Freund duschen und das WC benutzen?"

„Wenn er schnell macht", grinst der nette Kerl.

Michael ist überrascht und verneint das Benutzen der Toilette zwar zuerst, sein Widerstand ist aber schnell gebrochen.

„Sir, kann ich hier irgendwo Kaffee und Pandesal kaufen? Also kaufen lassen, wollte ich sagen."

Sofort pfeift der Wachmann einen zufällig vorbeikommenden Student der Polizeischule herbei. Ich gebe dem jungen Mann 500 Piso und meine Bestellung. Der Student scheint froh zu sein, mir helfen zu dürfen, denn keine zehn Minuten später und zeitgleich mit Michael, der gerade aus der Dusche kommt, ist auch der Student mit der Bestellung zurück und freut sich riesig über 100 Piso Trinkgeld.

Wir genießen den heißen Kaffee und das frische Pandesal.

„Michael, hier sind 1000 Piso. Kaufe Dir Hose und T-Shirt und neue Flip-Flops. Und dann sende an Franco eine SMS. Ich möchte ihn sprechen, er soll sofort herkommen."

Es geht gegen acht Uhr. Die Arrestierten haben fast alle geduscht. Michael macht sich auf den Weg und ich darf noch vor der Zelle sitzen bleiben, bis auch der Letzte geduscht hat.

‚Krisenmanagement', kommt es mir in den Sinn. Das brauche ich jetzt und hoffe, dass auch diese neue negative Entwicklung wieder einmal nur ein Missverständnis ist.

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