5.00. Ärger am Morgen

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Am fünften Tag in Haft bist du genau um fünf Uhr wach. Es ist, bis auf einige frühe Vögel, die noch verhalten zwitschern, still. Sie warten wohl auf das Tageslicht, um ihr Konzert erklingen zu lassen. Du blickst durch die Zellentür und kannst in der einsetzenden Dämmerung den neuen Tag erahnen. Deine Blase meldet sich und dir bleibt nichts weiter übrig, als erneut in eine Plastikflasche zu pinkeln. Gut, dass Kagawad Jacub Castro an eine Flasche Äthylalkohol gedacht hat. Der Alkohol duftet frisch auf Händen, Gesicht und Haaren und vermittelt ein - wenn auch trügerisches - Gefühl von Hygiene. Dein Körper schreit nach Koffein, aber du hast weder Tasse noch heißes Wasser und auch keinen Kaffee.

Erneut das Realisieren deiner Situation: Abgeschnitten vom bisherigen Leben, abhängig von irgendwelchen Personen, nicht mehr Herr über sich selbst sein und keine eigenen Entscheidungen mehr treffen zu können. Selbst das Kaffeekochen ist unmöglich. Deine Situation ist irreal, ein Alptraum, du bist im falschen Film, an einer falsch gestellten Weiche versehentlich auf das falsche Gleis abgebogen. Jetzt fährst du auf dem falschen Gleis dahin. Das ist vollkommen irreal, weil das falsche Gleis zur Realität geworden ist und das parallele Gleis (also dein vorheriges Leben), das ist jetzt in der irrealen Welt.
Dir wird schwindelig an der Zellentür und du flüsterst leise: "Tommy, werde endlich wach. Wache aus diesem Alptraum auf."
Aber nichts passiert. Die reale irreale Welt ist und bleibt, wie sie ist.

Mit der Leuchtdiode am Feuerzeug löst du das dritte und schwerste Sudoku. Endlich ein Erfolgserlebnis. Vielleicht bringt der fünfte Tag in Haft die Erlösung, die Freiheit, die Weiche zurück auf das richtige Gleis?

Um sechs Uhr, es ist inzwischen taghell, kommt der gut beleibte Wachmann. Er trägt von seiner Uniform nur die zerknitterte Hose. Ansonsten Badelatschen ohne Socken und ein verschwitztes T-Shirt, in dem er bestimmt die Nacht verbracht hat. Im Mundwinkel die obligatorische Kippe. Er ist unrasiert und die Haare hängen ihm in Strähnen über die Stirn.
"Sir Heger, Sie sind der erste mit Toilette."
Seine Körperfülle vor der Gitterstabtür nimmt fast das gesamte Licht aus der Zelle. Er lässt dich diese wunderbaren Geräusche hören. Das Knacken des Schlosses und das Quietschen der sich öffnenden Gitterstabtür.

Du atmest tief die frische kühle Morgenluft ein. Mit einem zackigen "Danke, Sir!" huschst du in das kleine Bad, eine kleine Tüte mit den Waschutensilien in der Hand, das Handtuch um den Hals. Der Wasserhahn befindet sich auf Höhe deiner Waden. Daran befestigt ist ein mehrfach geflickter kurzer Gartenschlauch. Der endet in der riesigen Tonne. Die Plastiktonne ist außen mit Urin-, Seifen- und Kalkflecken verschmutzt. In der Tonne schwimmt eine Schöpfkelle, die zur Klospülung und als Dusche verwendet wird. Die Toilette ist absolut nötig und die Dusche tut ausgesprochen gut.

Auf dem Zellenvorplatz läuft bereits Zelle Nummer 2 (die Zelle rechts neben deiner Zelle) im Kreis. Die Männer trotten langsam dahin, schweigen und blicken müde zu Boden. Du reihst dich in die wankende Zombiegruppe ein und bist froh, dass dich keiner blöd anquatscht. Der gut Beleibte liegt mehr auf dem Stuhl, als dass er sitzt, raucht, beobachtet die Szene und weist die Toilettenbenutzer mit gespielter Strenge an, schnell zu machen, denn er habe ja schließlich nicht den ganzen Tag Zeit.

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Du traust deinen Augen nicht, aber Michael steht plötzlich am Maschendrahtzaun. In der einen Hand zwei Becher Kaffee, in der anderen Hand eine Papiertüte. Sicherlich Pandesalbrötchen.
Michael ist sofort mit dem Verteilen von Zigaretten an die bemitleidenswerten Arrestierten beschäftigt. Schnell ist die Packung More leer. Ihr genießt den Kaffee und die ofenfrischen, sehr leckeren Pandesalbrötchen. Der gut beleibte Wachmann und Michael rauchen von deinen Marlboro aus der Zelle. Das Rauchen ist für dich wirklich noch zu früh.

Michael wirkt übernächtigt und unkonzentriert. Seine Kleidung ist zerknittert und schmutziger als gestern. Du bemerkst, dass er gar keine Wechselwäsche aus Sendong City mitgebracht hat und setzt auf deine gedankliche Merkliste, Hose und T-Shirt für Michael kaufen (kaufen lassen).
"Michael, stimmt etwas nicht?", fragst du direkt in rudimentärem Englisch.
Michael druckst herum, als drücke er sich vor der Antwort. Er schaut verlegen. Als Asiat kann er eine Frage nicht unbeantwortet lassen. Du entspannst die Situation damit, dass du dir eine Zigarette anzündest und dazu sein Feuerzeug verlangst. Das beendet seine Misere. Schließlich antwortet Michael: "Franco, Tommy."
"Was ist mit Franco?" fragst du besorgt.
"Er hat mich nach Geld gefragt. Ich habe Franco 350 Piso gegeben. Er sagt, er habe von Dir nur ganz wenig Geld bekommen."
Du bist ein paar Sekunden so verwirrt, dass dir keine Antwort einfällt. Um Zeit zu gewinnen, trinkst du den letzten Schluck Kaffee, der plötzlich bitter schmeckt: "Aber ich habe Franco doch 500 Piso gegeben und der hat 2000 Piso für die Schulgebühren genommen, also bekommen, wollte ich sagen."
Michael schaut zu Boden. Er sucht wieder nach den passenden Worten. Du siehst ihm an, dass er angestrengt nachdenkt.
Vor Nervosität zerfleddert Michael den Pappbecher: "Ich war zuerst in der Born Again Kirche. Habe auf Franco und den Pastor gewartet. Pastors Frau hat gesagt, die zwei sind bei Attorney De Baron. Kamen dann spät, Pastor betrunken und Franco kein Geld mehr. Ich habe 350 gegeben. Habe dann von Lang, Rica und Silvia erzählt, dass De Baron einen schlechten Ruf hat. Der Pastor und Franco sind wild geworden. Pastor hat rumgebrüllt, hat gesagt, das geht mich nichts an und ich soll den Mund halten."
Michael richtet den Zopf am Hinterkopf, zündet sich die nächste an und berichtet weiter: "Bin dann weg und habe auf dem Platz 'Plaza' gegenüber der Polizeistation geschlafen. Kein Problem, Tommy. Alles in Ordnung. Im Dorf schlafen wir auch oft draußen, in den Booten oder in Hängematten." Michael grinst unsicher und verlegen und zieht kräftig an der Zigarette.

"Shit!', rutscht es dir heraus. "Das kann ich gerade nicht brauchen. Bitte, Michael, Ihr dürft Euch nicht streiten. Ich muss hier raus, Michael."
"Ja, natürlich, Tommy!" Michael streift die Asche der Zigarette am Rand des demolierten Kaffeebechers in den Becher hinein. Seine Finger zittern dabei.
"Michael, ich mache Dir ja gar keinen Vorwurf. Aber verstehe mich, ich sitze im Knast und ich brauche Euch, Euch alle!"
Dich nervt die Situation gerade gehörig, du brauchst Luft, einen Themenwechsel, springst auf und wendest dich an den Wachmann: "Sir, könnte mein Freund schnell duschen und das WC benutzen?"
"Wenn er schnell macht", grinst der nette dicke Kerl.
Michael ist überrascht und verneint das Benutzen der Toilette zwar zuerst, sein Widerstand ist aber schnell gebrochen.

"Sir, kann ich hier irgendwo Kaffee und Pandesal kaufen? Also kaufen lassen, wollte ich sagen."
Sofort pfeift der Wachmann einen zufällig vorbeikommenden Student der Polizeischule herbei. Du gibst dem jungen Mann 500 Piso und deine Order. Der Student scheint froh zu sein, dir helfen zu dürfen, denn schon zehn Minuten später und zeitgleich mit Michael, der gerade aus der Dusche kommt, kommt auch der Student mit deiner Order zurück. Er freut sich riesig über 50 Piso Trinkgeld.

Gemeinsam mit dem Wachmann genießt ihr den frischen heißen Kaffee und das Pandesal.
"Michael, hier sind 1000 Piso. Kaufe Dir Hose und T-Shirt und neue Islander Flip-Flops. Und dann sende an Franco eine SMS. Ich möchte ihn sprechen, er soll sofort kommen."
Es geht gegen acht Uhr. Die Arrestierten haben fast alle geduscht. Michael macht sich auf den Weg und du darfst noch sitzen bleiben, bis auch der Letzte geduscht hat.

'Krisenmanagement', kommt es dir in den Sinn. Das brauchst du jetzt und hoffst, dass auch diese neue negative Entwicklung wieder einmal nur ein Missverständnis ist.

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