4.06. Wichtige Besucher an der Zelle

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Das Studieren der Sonntagszeitungen nimmt bereits eineinhalb Stunden in Anspruch. Es ist unbequem auf dem Etagenbett. Der Zwischenraum zwischen den Betten ist für Filipinos und nicht für über 1,80 Meter große Europäer bemessen. Auch die mit Undefinierbarem verschmutzten Pappen stören mich. Vielleicht kann Michael später eine Decke oder Matte bringen. Dann können diese widerlichen Pappen entsorgt werden.

Ungeduldig schaue ich auf die Armbanduhr und hoffe, Michael möge mit den Müttern bald aufkreuzen. Ich versuche ein Sudoku aus der Zeitungen zu lösen. Wie nett, dass Kagawad Jacub Castro mir gestern seinen Stift überlassen hat. Den Kagawad vermisse ich. Der scheint klar zu sehen und das wirklich Wichtige. Auf den scheine ich mich verlassen zu können.

‚Und Franco?', frage ich mich und komme zum Ergebnis: ‚Der ist noch sehr jung und im Leben unerfahren. Das erklärt sicherlich seine erheblichen Stimmungsschwankungen, die teilweise merkwürdigen Reaktionen und Handlungsweisen. Nun hat sich auch das Abhängigkeitsverhältnis zwischen euch radikal geändert. Zuvor habe ich Franco unterstützt, auch wenn es vornehmlich fürs Studium und ein wenig für den Lebensunterhalt gewesen ist. Nun ist es Franco, der mich versorgen muss. Möglich, dass ihn die neue Situation überfordert.' Ich beende das ergebnislose Grübeln. 'Aber, dass er sofort 2000 Piso vom ATM-Geld abgezweigt und per Western Union an seine Schwester gesendet hat!', stößt mir bitter auf. ‚Das darf nicht noch einmal passieren', denke ich mit einem Anflug von Ärger: ‚Hätte Kagawad oder Michael den Franco begleitet, wäre das nicht passiert. Da bin ich mir ganz sicher!'

Im linken oberen Quadrat des Sudokus, stehen zwei Neunen. Frustriert gebe ich auf. Es schwirrt zu viel im Kopf umher. Es sind zu viele ungelöste Probleme.

Ich komme erneut in die Gedankenspirale: ‚Mit zwei Anwälten habe ich geredet. Anwalt Pizzaro in seiner arroganten Art scheidet aus. Oder ist in dem, was er gesagt hat, eine versteckte Botschaft? Warum hat der sofort über die krassen Strafen schwadroniert? Soll das Angst einjagen? Was bezweckt Pizzaro damit?
Dann dieser geölte Anwalt De Baron. Klappern gehört zum Handwerk, heißt es so schön. Das beherrscht De Baron perfekt. „Er kennt sie alle", waren seine Worte. Der Typ ist schmierig, aber irgendwo auch witzig und ich muss gestehen, auch ein wenig sympathisch. Und was ist, wenn der wirklich alle kennt und das Problem durch die Hintertür lösen kann? Warum nicht? Dann ist da noch der Anwalt aus Sendong City. Padernesto, komischer Name. Der soll schon sehr alt sein. Aber alt ist auch gleich erfahren? Ja, und dann noch die deutsche Botschaft. Vielleicht haben die eine Liste von Anwälten. Ich muss später bei den Polizistinnen nach dem Handy fragen. In Deutschland ist es jetzt noch früher Morgen.'

Auf dem Zellenvorplatz ist es ruhig geworden. Es geht gegen 14:30 Uhr. Ich hoffe, die Eltern und Michael mögen bald kommen und tatsächlich, der Wachmann ruft kurze Zeit später in die Zelle: „Sir Heger, Besuch!"

Sogleich höre ich das so schnell liebgewonnene Knacken des Schlosses und das Quietschen der sich öffnenden Zellentür.

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In Michaels Begleitung sind die Mütter Rica und Lang. Nur wenigen Stühle sind vakant und Michael zückt schon beim Hinsetzen die Marlboroschachtel. Der Wachmann nimmt dankend an, ich lehne dankend ab, vielleicht später.

„Hier Tommy, wir haben Fisch für Dich frittiert", beginnt stolz Lang das Gespräch und ordnet sich unbeholfen das störrische Haar.

Rica ergänzt mütterlich: „Und Reis, Tommy, und scharfe Sojasoße und ein paar Mangos und Bananen."

Michael holt aus seiner Tüte eine große Flasche Coca-Cola und Becher. Die Cola ist erfrischend kühl.

‚Das Rauchen und Colatrinken nimmt in letzter Zeit wirklich bedrohliche Ausmaße an', kommt es mir in den Sinn.

REISE INS VERDERBEN - by NOKBEW™Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt