4.05. TV, Hühner, Menschen und Geld

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Der junge Officer stellt mir ungefragt eine Tasse heißes Wasser und ein Tütchen zuckersüßen Kopiko-Fertigkaffee hin.

Zum Fernsehschauen komme ich wirklich selten auf den Philippinen. Dann und wann einmal, um die Zeit im Hotel vor einem Flug totzuschlagen oder bei einer Einladung, zu einem Video- und Fernsehabend.

Ich zappe die Sendeliste durch.

Neben einigen philippinischen Sendern, dort wird überwiegend gesungen und getanzt, sind die üblichen Verdächtigen vertreten: CNN (es gibt sogar einen philippinischen Ableger von CNN), BBC, Al Jazeera, Disney Channel, Cartoon Network, Discovery Channel, National Geographic und ein paar Basketballsender. Es gibt eine Hand voll religiöser Sender und noch einige andere ausländische Sender aus China, Australien und Korea. Die Deutsche Welle ist nicht in der Senderliste. Philippinischen Nachrichtensender berichten in der Landessprache „Tagalog," das stark mit englischen Wörtern durchsetzt ist. Einige Sender bringen ältere sogenannte „Tagalog-Movies." Ein paar wenige dieser Filme kenne ich von Nachbar Kandayos Filmabenden im Dorf. Das sind absolut billige Produktionen. Extrem wüste und zumeist sehr grob gestrickte Handlungen. Die Männer schreien wie Primaten. Die Frauen sind zur Staffage, zum Kreischen und bitterlichen Heulen degradiert. Schlägereien, Schießereien, wilde Verfolgungsfahrten, Explosionen, fertig.

Zurück zur Senderliste.

Halt, was ist das? Ein Hahnenkampfsender? Hahnenkämpfe sind mir aus dem Dorf bekannt. Aber ein Sender, der nichts anderes sendet? Ein Kampf folgt dem anderen. Zu sehen sind jeweils zwei Hähne, die in einer Art Arena aufeinander losgelassen werden. Für einen der aggressiven Vögel endet das Gemetzel stets im Kochtopf. An einem Bein der Hähne ist eine halbmondförmige, rasiermesserscharfe Klinge angebracht. Der Kampf dauert dann auch nicht länger als etwa drei Minuten. Im Hintergrund die johlende adrenalingesteuerte Masse, im Ausnahmezustand des Wettfiebers. Was für ein abartiges Spektakel!

Schnell weitergezappt und ich bleibe beim englischsprachigen CNN-Philippines hängen. Auch nach etwa 20 Minuten keine Silbe über meine Verhaftung. Der entgangene Schlaf holt mich ein und es fallen mir die Augen zu.

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Ein Traum von blutüberströmten Federvieh. Die Hühneraugen starren mich an. „Tommy, Tommy", schreit der sterbende Hahn, „hilf mir hier raus!"

„Tommy, Tommy", ruft es erneut, diesmal von irgendwo anders her, „aufwachen! Wir können essen."

Verwirrt öffne ich die Augen. Franco öffnet gerade die Tüten mit den gegrillten Hühnern, die trotz des Alptraums verführerisch duften. Franco gießt soeben Cola in ein Glas. Kühl, erfrischend und belebend rinnt das Getränk durch meine Kehle. Den Alptraum verscheuche ich mit einem heftigen Kopfschütteln.

Franco fragt: „Tommy, bist du okay?"

„Bin okay, blöd geträumt."

„Oh, ich habe tatsächlich etwa eine halbe Stunde auf der Holzbank geschlafen", stelle ich mit Blick auf die Armbanduhr fest.

Franco grinst breit.

Der junge Begleitoffizier bringt Teller und Besteck. Gemeinsam mit dem dir unbekannten Officer von Pangutanas Schreibtisch verspeisen wir die leckeren Hühner und den Reis.

„Der Attorney hat kurz ins Büro geschaut. Wir wollten Sie aber nicht wecken", berichtet der junge Officer mit vollem Mund und laut schmatzend.

„Ach, schade, ich hätte gerne erfahren, was der Attorney von Ma'am Papillio erfahren hat. Andererseits gibt es, denke ich, nichts Neues", entgegne ich.

Franco nimmt einen großen Schluck Cola: „Tommy, als ich zurückgekommen bin, habe ich Attorney De Baron an seinem Auto getroffen. Er hat mir gesagt, Du brauchst Dir absolut keine Sorgen zu machen. Es gäbe keine klaren Aussagen der Kinder. Wichtig sei nun, dass Du ihn schnellstens beauftragst, sodass er sofort tätig werden kann. Du musst so schnell wie möglich die 80.000 Piso bereitstellen."

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