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Es war schon spät. Der Himmel färbte sich von rosa in blau, dann in blauschwarz und brachte immer weitere kleine Lichtpunkte hervor. Ich und Noah saßen auf meinem Dach, als Noah ein Päckchen aus seiner linken Hosentasche zog und mich fragte, ob ich Lust hätte. Ich hatte zwar erst gestern geraucht, aber was solls, dachte ich, wird ja nicht schaden. Also rauchten wir gemeinsam und blieben noch eine Weile draußen sitzen. „Der erste richtige Sommertag ist angebrochen, oder?", frage Noah. „Ja, wunderschön, nicht? Ich hab's so vermisst hier mit dir die Nächte zu verbringen." er lächelte – ich auch – und ich ließ mich, ein wenig benebelt wie ich war, in seine Arme gleiten. Dieser Platz war der Schönste, den es für mich gab. So sicher, geborgen, verstanden und gut aufgehoben fühlte ich mich glaube ich noch nie. Noah gab mir das Gefühl nicht allein und vor allem nicht verrückt zu sein. Dafür liebte ich ihn so.
„Amelie? Kann ich dich was fragen?", diese Frage klang äußerst bedrückt, also stimmte ich sofort zu. „Was ist denn?" „Würdest du mich vermissen, wenn ich nicht mehr da wäre?" „Aber klar!", ich blickte ein wenig erschrocken auf und in seine tiefgrünen, großen Kulleraugen. Hach, wie sehr ich dieses Augenpaar liebte, dachte ich. Schon wieder total vergessen, was er gesagt hatte. Das bemerkte er auch relativ schnell, denn langsam aber sicher kannte er mich gut. „Ja und...interessiert dich nicht, wieso ich dich das frage?" „Aber klar!", wir beide grinsten. „Wieso fragst du mich das, Liebster? Wieso fragst du dich sowas überhaupt? Sollte dir das nicht eigentlich schon klar sein? Ich vermisse dich sogar jetzt schon, obwohl du noch bei mir bist, einfach weil ich weiß, dass du bald wieder gehst." „Ja, genau. Und das macht mir Kopfweh." „Dann übernachte doch heute hier. Meine Mom wird bestimmt nichts dagegen haben." – Sie schläft eh schon, dachte ich. Und morgen früh würden wir gemeinsam zur Schule gehen, noch bevor sie für die Arbeit aufwacht. Also alles bingo. „So meine ich das nicht, Amelie." Ich fand es immer wieder komisch, wenn er mich bei meinem Namen nannte. Ich wusste, dass er die Dinge wirklich ernst meinte, wenn er mich direkt ansprach. „Wie denn dann?" Langsam machte ich mir Sorgen. Stimmte etwas nicht? Er würde doch nicht hier und jetzt Schluss machen, oder? „Ich will...nein, ich muss hier weg. Ich meine, das weißt du schon. Das wollen wir beide. Aber heute habe ich die Chance dazu bekommen, quasi eine Einladung. Diese Chance ist einmalig, sehr wichtig und ich wäre sehr lange weg. Vielleicht sogar für immer." Ich traute meinen Ohren nicht. Woher kam das denn jetzt? Wieso sprach er es erst jetzt an, wo er doch gleich wirklich gehen würde? Ich wusste nicht, was ich antworten sollte und vergrub meinen Kopf noch tiefer in seiner Brust. „Kleines, willst du nichts darauf sagen?" „Ich weiß nicht was, Noah. Das kommt gerade sehr überraschend. Was denn für eine Chance und wer hat sie dir überhaupt angeboten? Und wohin würdest du gehen, wieso für immer?" Ich konnte kaum damit aufhören ihm fragen zu stellen, so viele befanden sich in meinem Kopf. „Ich kann, ich meinte, ich darf dir nicht mehr dazu sagen. Du weißt, dass ich dir mein Leben anvertraue. Daher glaub mir, wenn ich dir sage, dass du genug weißt, als du wissen solltest. Eigentlich dürfte ich dir gar nichts verraten, aber ich kann nicht einfach verschwinden und dich so ahnungslos zurück lassen. Du solltest nicht noch einmal so plötzlich allein gelassen werden." „Noah...ich verstehe gerade nichts mehr. Was genau willst du mir damit sagen, du darfst mir eigentlich gar nichts sagen? Veräppelst du mich gerade?" „Natürlich nicht, Kleines." Es war das erste Mal, seit wir uns kannten, dass ich es nicht mochte, dass er mich so nannte. Es passte gerade irgendwie nicht. „Aber was meinst du dann damit? Du kannst doch nicht gehen. Vor allem so plötzlich, vollkommen aus dem Nichts. Und vor allem nicht ohne mich. Ich kann nicht glauben, was du mir da gerade gesagt hast. Willst du überhaupt gehen? Ich meine, so hat es sich zumindest angehört. Ich bin total verwirrt." Er strich mir mit seinen zarten Fingern über die Wange und wischte dabei die Tränen weg, die mir das Gesicht hinab liefen. Danach küsste er mich auf den Kopf und drückte mich noch fester an sich. Dabei tropfte mir etwas auf die Schulter. Regen? dachte ich und blickte hoch, doch danach sah es nicht aus. Ich bemerkte, dass Noah weinte. Noah weint. Damit hätte ich im Leben nicht gerechnet. Ich sprang sofort auf und umarmte ihn so fest wie ich es nur konnte und ich hätte in diesem Moment schwören können, dass er spürte, wie geschockt ich darüber war. „Noah...was ist los? Du weinst. Wie ernst ist es? Was ist passiert?" „Amelie, eigentlich dürfte ich dir das nicht sagen, wie schon erwähnt. Aber ich kann dich nicht einfach so zurück lassen." „Du gehst also wirklich?" Ich entfernte mich langsam aus der Kuhle seines Nackens, in die ich mich zuvor gedrückt hatte, um ihm ganz nah zu sein. Ich schaute ihm nun tief in die Augen, die mich fragend anblickten. Dabei hätte ich so schauen müssen, aber ich versuchte ruhig zu bleiben und zu verstehen, worum es hier ging. „Ich muss. Es ist unglaublich wichtig. Ich will dich nicht verlassen, Amelie. Und ich werde dich unglaublich vermissen. Beinahe hätte ich Mr. Revo nicht zugesagt, wegen dir." Ich sah, dass er diesen Satz gar nicht beenden wollte, er ihm aber heraus gerutscht war; das verriet sein erstarrter Gesichtsausdruck. „Mr. Revo? Du gehst mit Mr. Revo weg? Einem Mann, den du seit drei Monaten kennst? Und dann auch noch für immer? Noah, was zum Teufel läuft denn hier?"

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