Marie IV

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Montag, 17. Oktober 2010 • 00.30 Uhr

Lange bevor der Counter unbarmherzig die Million erreicht hatte, war Marie dem stickigen Kommandowagen entflohen. Deutlich länger als sonst hatte sie ihrer Platzangst getrotzt, doch schließlich hatte sie die unerträgliche Atmosphäre, die nach Schweiß riechende Luft und vor allem die beklemmende Enge zermürbt. Man hatte kaum Notiz von ihr genommen, als sie wortlos aufstand und leise den Kommandowagen verließ. Alle ihre guten Vorsätze, helfen zu wollen, waren wie ausgelöscht.

‚Was konnte sie schon tun? Wie sollte sie in diesem Szenario irgendwie von Hilfe sein?'

Marie wollte nur noch eines, diesen entsetzlichen Ort so schnell wie möglich verlassen.

Die kalte Nachtluft, die ihr vorher so zugesetzt hatte, empfand sie wie eine Befreiung. Zitternd stieg sie die Stufen hinab. Ziellos stapfte sie zu einem provisorisch aufgebautem Unterstand aus einer einfachen Zeltplane. Es roch nach Kaffee. Einige Polizisten, die gerade Pause machten, hatten sie aus dem Kommandowagen kommen sehen und stellten daher keine Fragen. Wortlos bot man ihr einen Klappstuhl an, den sie dankend annahm. Einige Meter entfernt, an einer der beiden offenen Seiten des Unterstandes, nahm sie schließlich darauf Platz.

Immer wieder atmete sie tief durch, füllte ihre Lungen mit Sauerstoff und schloss dabei die Augen. Kälte und Erschöpfung ließen sie Ort und Zeit vergessen.

Als das Chaos um sie herum ausbrach und sie unsanft in das Hier und Jetzt schleuderte, hatte sie jegliches Zeitgefühl verloren.

Der laute Donner von mehreren Explosionen fuhr ihr so heftig in die Glieder , dass sie reflexartig zusammenzuckte und sich auf die Knie warf. Dichte Rauchschwaden zogen an ihr vorüber und verdunkelten die Scheinwerfer. Menschen schrieen. Absperrgitter krachten irgendwo in der Nebelwand auf den Boden. Männer mit schmerzverzerrten Gesichtern stürmten aus dem Schleier hervor wie wilde Horden einer apokalyptischen Dystopie. Voller Zorn schlugen sie mit Knüppeln und Eisenstangen auf alles ein, was sich ihnen entgegenstellte. Der Unterstand krachte dabei wie ein Kartenhaus zusammen und begrub einige Polizisten unter sind,

doch Marie, die außerhalb der Plane am Boden kauerte, nahmen sie nicht wahr. Blind vor Wut stürmten sie an ihr vorbei. Dann erbebte die Erde und dort, wo der eingenebelte Turm in den Himmel ragte, erhellte eine Feuerball die Nacht. Vor ihren Augen wurde einer der Schläger durch einen Gesteinsbrocken von den Füßen gerissen und blieb mit blutendem Gesicht reglos auf dem Boden liegen, Glassplitter pfiffen unsichtbar durch die Luft und zerrissen Textilien wie Papier. Ein langhaariger Mann mit einem Peace-Zeichen auf dem T-Shirt hielt sich schreiend die Hände an den Genitalbereich, bis ein SEK-Mann in Kampfuniform ihn brutal mit einem Knüppel zu Boden streckte.

Doch dann geschah etwas, was Marie all das Grauen um sie herum vergessen ließ. Es war nur ein Hauch von einer Bewegung, irgendwo vor ihr im auflösenden Nebel. Es war eine Bewegung, die ihr vor langer Zeit sehr vertraut war.

Jaulend und mit eingezogenem Schwanz war der braune Hund mit den Schlappohren vor dem Krawall in Deckung gegangen. Immer und immer wieder rieb er am Boden kauern und jaulend mit den Pfoten sein Augen. Auch er hatte wohl das Reizgas in die Augen bekommen und war orientierungslos. Ein torkelnder Polizist übersah in der Hektik den kleinen Hund und stieß ihm ungewollt einen Kampfstiefel in die Flanke. Panisch sprang der Hund auf und prallte blindlings gegen ein anderes Paar Beine.

Marie zögerte keine Sekunde, doch der Hund war mindestens 20 Meter von ihr entfernt - und noch immer tobte um sie herum das Inferno. Doch wie durch ein Wunder gelangte sie unversehrt zu dem zitternden, braunen Leib, dessen Fell über und über mit Schlamm bespritzt war. Sie kniete sich hinab und nahm den verängstigten Hund so fest in ihre Arme, dass sie sein wild pochendes Herz spüren konnte.

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