Nagender Zweifel

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Der Mond war bereits aufgegangen, als ich gestern nach Hause kam. Meine Mutter war entrüstet, dass ich so lange weg gewesen war.

Aber natürlich hatte sie nichts gesagt. 

Davor hatte ich mir natürlich schnell wieder diesen Rock angezogen, damit Mutter nichts merkte. Und heute sollte ich für sie einkaufen gehen, neuen Nachschub an Zutaten für ihren Apfelmost besorgen. 

Ich schnappte mir den Geldbeutel und den Korb. Dann rannte ich wie immer zur Nische und streifte mir die Hose über. Und wie immer sahen mich die Leute wegen meiner Hose komisch an. 

Manche aber sahen mich nur beiläufig kurz an und dachten sich wohl, dass ich ein Kerl war. 

Mir machte es nichts aus als Junge gesehen zu werden, doch es kratze etwas an meiner Würde als Mädchen... 

Aber man kennt sich ja inzwischen im Dorf. Jeder kennt jeden um genauer zu sagen. Umso schlimmer wäre es, wenn jemand erfahren würde, dass ich eine Drachenritterin werden will. 

Das würde sich schneller herum sprechen als ich ' Apfelmost' sagen kann. 

Ich drängte mich in Gedanken versunken in den Gassen an Leuten vorbei, Richtung Marktplatz. 

Der Marktplatz war eine große, bepflasterte Fläche, umgeben von Läden und Schenken. Einzelne Händler priesen ihre Waren lauthals an und ich musste zur Seite springen, damit mich ein mit Obst gefüllter Karren nicht anfährt. 

Ich fluchte dem Handelsmann hinter her, der einfach stumm seinen Karren weiter schob. 

Ich schüttelte darüber den Kopf und drängte mich weiter zu einen der Ständen. 

Heute ist ungewöhlich viel los auf dem Markt. Die Händler sind früher als sonst in unserem Dorf eingetroffen. 

Ich legte die Stirn in Falten, griff an einem Stand nach einer kastanienbrauner Seide und ließ sie schließlich wieder sinken. 

So eine feine Seide konnte ich mir nicht leisten. 

Seufzend ging ich weiter. 

Ich ging an eingewickelte Äpfel in Kisten vorbei, hielt abrupt an und drehte mich zu den Äpfeln. Mit prüfenden Blicken suchte ich die Äpfel nach faulen Stellen ab. Nahm dann sechs Stück, bezahlte und packte sie in den Korb. Dann kaufte ich noch ein Laib Brot und machte mich auf  nach Hause. Dabei nahm ich eine Abkürzung. 

Ich trat in eine enge Gasse, sprang über einen kleinen Wasserweg hoch auf eine Steinmauer und balancierte auf diese an engen Hauswänden vorbei. 

Diese Abkürzung kannte nur ich und eine Freundin von mir. 

Ich sprang zurück auf das Pflaster. 

Rannte einem schmalen Weg zwischen der Metzgerei und der Bäckerei entlang, welcher mit wucherndem, hüfthohem Unkraut zugewachsen war und zu keinem der beiden Grundstücke gehörte. 

Vor drei oder vier Generationen hatte sich über diesen Streifen Grünzeug eine Familienfehde entwickelt, vier Menschen waren dabei getötet worden. Der damalige Bürgermeister hatte als Richter beide Nachbarn für verrückt, und den schmalen Streifen zwischen ihren Grundstücken zu Allgemeinbesitz erklärt. 

Da dieser Streifen aber als Sackgasse am Kanal endete, wird er von den Bewohnern eigentlich nicht sonderlich benutzt. 

Nach wenigen Augenblicken erreichte ich den breiten Kanal, der an den Fluss Zurin mündete. 

Die Mauer des Kanals war schon alt und durch die Nähe zum Wasser feucht, der Verputz bröckelte. 

Ich bog ab und ging einen holprigen Weg entlang, zu einer Brücke über den Kanal. Dort setzte ich mich auf die Kante und ließ meine schmerzenden Schultern kreisen. 

Ich schaute hoch in den Himmel. 

Um diese Zeit sollte sie eigentlich fertig sein und langsam kommen... und was hatte ich gesagt, ich hörte bereits ihre Stimme. 

,,Aya!" 

Rasch drehte ich mich zu ihr um. 

,,Hey, Diana!" 

Ich winkte sie zu mir. 

,,Na , was macht deine Mutter so ?" fragte sie mich scherzhaft. 

,,Verschwendet ihre Zeit mit Apfelmost, wie sonst auch," antwortete ich mit rollenden Augen und einen Blick auf die Äpfel in meinem Korb. 

Sie beugte sich an der Kante vor und starrte in das trübe Wasser, unter der Brücke. 

,,Und hast du dich endlich entschieden dem Orden einen Brief zu schreiben? Du solltest es echt machen. Es ist eh unfair das nur Männer im Orden arbeiten dürfen. Was für mich völlig Humbug ist. Schließlich sind wir Frauen doch viel belastbarer und scharfsinniger. Vielleicht werden sie ja wach gerüttelt, wenn ein gewisses Mädchen sich endlich traut," sie wackelte mit ihren Augenbrauen.

,,Vielleicht hast du Recht. Ach ich weiß auch nicht. Da ist so ein...Zweifel in mir." 

Gemeinsam grübelten wir nach. 

,,Hey, wie wäre es, wenn du einfach so tust als seist du ein Junge?" 

,,Pff tolle Idee. Ich könnte mich auch gleich den tollwütigen Wölfen zum Fraß vorwerfen," brummte ich und schaute sie vorwurfsvoll an. 

Sie erwiderte den Blick kühl. 

Verdammt, sie machte es schon wieder. 

Ich kannte Diana nun mein ganzes Leben lang. Und sie kann echt stur-köpfig sein. Wenn sie wollte. Man konnte ihr dann einfach nicht mehr widersprechen. 

Liegt wohl in der Familie.

Seufzend hob ich die Hände. 

,,Na gut, ich werde es versuchen. Jedoch werde ich dich als Geist heimsuchen, wenn es schief geht. "

Sie zwinkerte mir lächelnd zu. 

Dann drehte sie sich um, hob eine Hand zum Abschied.

,,Du schaffst das schon. Erzähl mir morgen mehr. Ich muss schon etwas früher wieder nach Haus. Mein Vater plant irgend so ein Bankett mal wieder. Auf dann."

,,Echt jetzt? Wieder eins?! Ihr Reichen und eure Feiern!" 

Ich stand auf der Kante der Brücke auf und rief ihr diese Worte noch an den Kopf, ehe sie hinter einer Hauswand verschwand.

Trübsinnig steckte ich meine Hände in die Taschen, sprang leichtfüßig hinunter und legte den Kopf in den Nacken. 

Als die Sonne schon langsam unterging fühlte ich mich benommen. 

Ich hatte Zweifel. 

Sollte ich wirklich einen Brief schreiben und mich als Jungen ausgeben? Und was dann? Wenn ich beim Orden antanze merken die doch gleich welchem Geschlecht ich angehöre! Und was ist eigentlich damit, dass ich meine Mutter und das Dorf dann verlassen muss? Ich kannte nur das hier. Jedoch brannte der Wunsch in mir, etwas zu erreichen und das konnte man am allerbesten als Drachenritter. Außerdem war da etwas in mir...das bei dem Gedanken auf einem Drachen zu reiten mein Herz schneller schlagen ließ. 

Gedanken verloren stapfte ich die karg beleuchtenden Straßen entlang, ging an Wirtshäusern vorbei, worin man deutlich das ausgelassene Gelächter von angetrunkenen Männern hörte. 

Ich biss mir auf die Unterlippe. 

Ein leichter Anflug von Dilettantismus überkam mich. 

Ich schüttelte den Kopf und wandte mich ab von dem Wirtshaus. Ich sollte nicht mal an sowas denken. Schnell ging ich weiter den nur leicht beleuchtenden Straßen entlang. 

Ich seufzte und kratzte an einer Schorfwunde am Ellbogen, die ich mir beim heimlichen trainieren im Wald zugezogen hatte.

Ich kann's  ja einfach versuchen. Es besteht sowieso nur eine geringe Chance, dass der Brief überhaupt ankommt oder gar beachtet wird. Schließlich bekommt der Orden sicher tagtäglich solche Briefe um die Ohren.

Seufzend dachte ich an Dianas eisigen Blick, der mich sogar jetzt noch heimsuchte. Na gut, ich werde diesen verfluchten Brief schreiben!



Aya -Tochter der DrachenLies diese Geschichte KOSTENLOS!