Zoé Pilar Perez

„Wo willst du hin?“, fragte mein Vater sofort harsch, als ich an diesem Abend durch unseren Hausflur huschte und mir mein einziges Paar an Pumps anzog.

„Ich gehe aus.“

„Mit wem?“

Seine Augenbrauen hatte er zusammen gezogen und er hatte einen Arm in die Seite gestemmt, während er sich mit dem anderen im Türrahmen der Haustür abstützte. Sein skeptischer Blick fuhr über mein Outfit – ein rotes Kleid aus seidigem Stoff, das ich mit ein paar Accessoires aufgepimpt hatte – und ich seufzte leise, ehe ich die gewünschten Informationen, wenn auch nur spärlich, preisgab:

„Mit einem Freund.“

„Mit wem, Zoé?“

Mir war heute, nachdem Harry das Café verlassen hatte, schon aufgefallen, wie sich die Laune meines Vaters verschlechtert hatte, und um ehrlich zu sein hatte ich wirklich keine Lust darauf. Ich hingegen fühlte mich wunderbar und, auch wenn es sich wahrscheinlich egoistisch anhörte, wollte ich mir meine hervorragende Laune nicht von ihm verderben lassen.

„Mit Harry, bis nachher.“

Ohne ihm noch einmal einen Blick zuzuwerfen schlüpfte ich unter seinem Arm hindurch und rauschte hinaus auf die Straße.

„ZOÈ PILAR PEREZ!“, hörte ich meinen Dad zwar noch nach mir rufen, doch anschließend war ich auch schon um die nächste Ecke gebogen und nahm seine Stimme aufgrund des rauschenden Windes nicht mehr war. Es war mir egal wie er über die jetzige Situation dachte – zumindest bis ich wieder nach Hause kommen würde.

Der warme aber relativ starke Windzug wehte durch den Stoff meines Kleides, welches ich vorsichtshalber mit meinen Händen nach unten drückte, damit nichts entblößt werden konnte, was nicht für jedermanns Augen bestimmt war, und verwehte meine Haare, während ich mich schnellen Schrittes auf den Weg zu Alessandros Pension machte.

Selbst als ich noch mehrere Meter von meinem Ziel entfernt war, konnte ich bereits den braunen Lockenkopf identifizieren, der in einem rot kariertem Hemd und wie gewöhnlich schwarzer Skinny Jeans auf dem Bürgersteig stand.

Harry lehnte gegen ein Auto, das seine besten Zeiten wohl schon hinter sich hatte. Das momentan geschlossene Dach des Cabrios zeigte viele kleine Dellen, die man auch an der einen Seitentür finden konnte, und der dunkelrote Lack war großenflächig abgeblättert, doch trotzdem passte das Auto zu Harry. Das Bild, das sich vor mir bot, wirkte wie aus einem alten Film; Harry, das alte Auto, der junge Sommerabend Barcelonas und der rauschende Wind, der durch die Gassen fegte.

„Pilaaaaaar!“, grinste Harry, sobald ich vor ihm stand und zog mich in eine warme Umarmung, ehe er ein „Hops“ murmelte, seinen Griff um meine Mitte verstärkte und mich anhob, sodass er mich eine Runde um die eigene Achse durch die Luft schleudern konnte.

Lachend klammerte ich mich an seinen Schultern fest und trat schließlich wieder auf den Kieselboden, wobei ich durch meine Absatzschuhe ein wenig ins Schwanken kam, doch da Harry immer noch seine Arme um mich geschlungen hatte war das kein Problem.

„Haaaaarry.“, äffte ich ihn grinsend nach, wofür er mir einmal in die Nase kniff, ehe er sich schließlich von mir löste.

„Wollen wir los?“

Ich nickte zu Antwort und Harry öffnete mir die Beifahrertür seines Autos und lief, während ich mich auf dem etwas ausgefranzten Ledersitz niederließ, auf die andere Seite, um sich vor das Steuer zu setzen.

Mit einem Knattern sprang der Motor an und kurz darauf ließ Harry seinen Wagen auch schon im beschaulichen Tempo über die Straßen fahren.

„Du siehst übrigens wunderschön aus.“

Harry wendete seinen Blick für ein paar Sekunden zu mir und schenkte mir ein Lächeln, das ich dankend und geschmeichelt erwiderte, ehe er sich wieder auf die Straße konzentrierte.

„Dankeschön. Du siehst auch nicht schlecht aus.“, gab ich zurück und ließ meinen Blick über seine großen Hände, die das Lenkrad umfassten, wandern.

Er trug wieder dicke Ringe an seinen Fingern, die mal größere und mal kleinere Verzierungen mit sich trugen und jedes Mal leise klackerten, wenn Harry gegen das Lenkrad tippte – und das tat er oft.

„Und wie geht’s dir so?“, fragte ich irgendwann, um eine aufkommende Stille zu umgehen, und zog unruhig den Saum meines Kleides etwas weiter nach unten, da ich das Gefühl hatte, zu viel Bein zu zeigen. Vielleicht hätte ich doch lieber eine normale Jeans anziehen sollen.

Aber Harry hat gesagt, ich sehe wunderschön aus

„Super, Smalltalk-Girl Pilar.“

„Ich versuche nur eine Konversation aufzubauen.“, schmollte ich ab seinem Kommentar und schob beleidigt meine Oberlippe vor, ehe ich fragte:

„Kannst du eigentlich nicht schneller fahren? Ich habe das Gefühl, selbst die Oma mit dem Rollator da hinten überholt uns gleich.“

„Tut sie gar nicht.“

„Tut sie.“

„Tut sie nicht!“

„Oh doch.“

Zum ersten Mal überhaupt hielt Harry durch den Rückspiegel Aussicht nach der gemeinten Verkehrsteilnehmerin, ehe er leise kicherte und meinte:

„Okay, vielleicht hast du Recht.“

„Natürlich hab-…“

Ich kam nicht dazu, meinen Satz zu vervollständigen, da Harry im nächsten Moment seinen Wagen einen gewaltigen Satz nach vorne springen ließ und ich aufgrund des plötzlichen Geschwindigkeitsanstieges mit voller Wucht in den Sitz gepresst wurde.

So schnell das neu gewonnene Tempo gekommen war verschwand es allerdings auch wieder und ich zog einmal tief die Luft ein, ehe ich ausstieß:

„Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?!“

Leise lachte Harry, ehe er mit seiner Handfläche meinen entblößten Oberschenkel tätschelte und dabei ein schmatzender Laut entstand, während seine Haut auf meine traf. Peinlich berührt faltete ich meine Hände in meinem Schoß, zog den Stoff meines Kleides erneut soweit nach unten wie nur möglich und ließ meine Haare vor mein Gesicht fallen, damit Harry mein leicht errötetes Gesicht nicht sehen konnte, während ich den Entschluss fasste, dass ich definitiv etwas anderes hätte anziehen sollen.

„Hey, was ist los? Versteckst du im Ernst deine Oberschenkel?“

Ich murmelte irgendwas Unverständliches vor mich hin, da ich nicht wusste was ich antworten sollte, doch Harry schmunzelte nur und platzierte seine freie Hand auf meinem nackten Knie.

„Ich habe wirklich kein Problem damit, wenn du Haut zeigst. Das ist heiß.“

„Jaja“

„‘Jaja‘ ist ein Wort, das mich immer wieder unglaublich provoziert.“

„Jaja.“

Er entgegnete nichts mehr und auch ich hielt meinen Mund, da ich zu beschäftigt damit war, dass kribbelnde und wärmende Gefühl in meinem Magen, das sich langsam aber sich in meinem ganzen Körper ausbreitete, auszublenden und seufzte nur leise, als wir schließlich auf einen Parkplatz bogen, hinter dem man bereits ein riesiges Zirkuszelt mit drei Zipfeln erkennen konnte.

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Süße Kommentare bekommen immer wieder gerne eine Widmung :)

Hannah xxx

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