4.02. Highblood

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Filipinos sagen "Highblood", wenn sie verärgert oder wütend sind. Du bist dir gerade nicht sicher, was dir mehr "Highblood" verschafft. Die arrogante Art des Anwaltes oder das Gesagte?

Nun wird das Gesagte langsam von dir verarbeitet und gewisse Unsicherheiten und Zweifel stellen sich ein. Was hat der Typ da geredet? Was, wenn dort nur ein Fünkchen Wahrheit steckt.

Human Trafficking (Menschenhandel), lebenslange Haft:
"Ist das Human Trafficking, wenn du mit Kindern im Hotel übernachtest? Das ist doch zu deren Schutz", flüsterst du verbittert und schüttelst den Kopf. Du willst nicht mit fünf Kindern nachts auf den Philippinen unterwegs sein!

Child Abuse (Kindesmissbrauch), 12 bis 15 Jahre Haft:
'Mein Gott, die haben kurz nackt auf den Betten getobt. Das sind Kinder, die wollten Spaß haben und die sind einfach sehr glücklich gewesen. So glücklich', erinnerst du traurig die Situation. Außerdem kennen die solche riesigen, weichen Kingsizebetten nicht und du hast doch auch dann "Schluss jetzt!" gerufen.

Die Eltern sollen dich anzeigen:
'Niemals', schreit es in dir, 'das werden die niemals tun!' Darüber bist du dir ganz sicher. Ganz sicher!

'Unsinn, das ist das Geschäft mit der Angst', beendest du deine düsteren Gedanken. Dein Blutdruck sinkt, dein Puls geht runter. Du hängst schlaff wie ein Teenager im billigen, abgewetzten Kunststoffstuhl. Der junge Begleitoffizier räuspert sich laut. Du springst auf, sodass der Stuhl lautstark nach hinten rutscht: "Entschuldigung!"

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Michael und der gut beleibte Wachmann grinsen breit und haben die obligatorischen Kippen im Mundwinkel, als du den Zellenvorplatz betrittst.
Michael hat Spinnweben und Schmutz im Haar und er ist durchgeschwitzt. Auch seine Klamotten sind verschmutzt. Er wirkt, als habe er gerade im Müll gewühlt. Die Mülltonnen, das sind rostige alte Barrelölfässer, quellen vom Müll über und neben den Tonnen stapeln sich Unmengen von Müll. Weil du immer noch aufgeregt bist, fällt dir das erst jetzt, nach etwa einer Minute, auf.

Du ahnst es, zweifelst aber noch.

Ein kurzer Blick in die Zelle bestätigt deine Ahnung. Du stößt einen Freudenschrei aus: "Michael, bist Du verrückt? Du hast die Zelle sauber gemacht! Das hätte aber nicht sein müssen. Danke, Michael!"

'Wie blöd', denkst du, denn dir werden die Augen feucht. Schnell drehst du dich zur Seite, hustest gekünstelt und trocknest die Tränen aus den Augen.
'Wie nett Michael ist', stellst du verschämt fest, freust dich dann aber: 'Du hast einen Freund, einen echten Freund!'
Am liebsten würdest du Michael (er ist Phils Vater und seine Ehefrau Vicente ist Aboys Cousine) umarmen und fest drücken. Dieser Usus ist aber überhaupt nicht üblich zwischen Männern auf den Philippinen, also lässt du es.

Michael grinst breit und stolz, wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht und hält dir die Schachtel unter die Nase.

"Nein, nein danke, Michael!", stöhnst du, "ach, egal, gib schon her!"

Du paffst mit dicken Backen und bläst den blauen Rauch aus. Gut, dass du noch Mineralwasser hast. Damit kannst du deine rauen Stimmbänder ölen: "Puh, da ist ein Anwalt da gewesen. Der hat nur dummes Zeug geredet! Human Trafficking, Child Abuse, lebenslange Haft, verrückt! Total verrückt!"
Michael lacht und entgegnet: "Niemals, Tommy. Du bleibst nicht im Gefängnis! Du gehst nach Hause. Der Fall wird niedergelegt, denn alle sind für Dich. Keine Sorge, Tommy."
Der Wachmann nickt und zieht schnell mehrmals die Augenbrauen nach oben. Die Zeichen der Zustimmung.

Du verschweigst die Aussage des Anwaltes, die Eltern sollen dich anzeigen. Wie Michael reagieren würde, weißt du.

Ihr genießt die ruhige Minute, die Zigaretten.

"Michael, willst Du duschen?" Michael schaut überrascht, der Wachmann grinst nur.

Das Duschen dauert rund zehn Minuten. Du läufst unterdessen im Kreis auf dem Zellenvorplatz. Immer, wenn du an den Zellentüren vorbeikommst, hörst du: "Hey, Joe" oder "Joe, give me one Job!" Du reagierst mit einem breiten Grinsen.
Dir geht der Anwalt nicht aus dem Kopf.
Verzweifelt grübelst du: 'Vielleicht wollte der Anwalt mit seiner dreisten Ansprache etwas bei dir bewirken? Dich schocken und damit aufwecken? Dich sozusagen so in die Realität holen? Quatsch', kommst du verärgert zum Schluss, 'das ist das Geschäft mit der Angst. Denn Angst ist ein gutes Geschäft.'

Michael duftet nach deiner Seife. Er zieht einen Kamm aus der hinteren Hosentasche und bindet sich gekonnt mit einem starken Gummi den Zopf am Hinterkopf. Michaels Gesicht ist schmal, vom Wetter gegerbt und er hat waagrechte Falten auf der Stirn. Seine Haut ist sonnengebräunt.
'Wie alt mag er sein?', fragst du dich und schätzt sein Alter auf 35 bis 40 Jahre. Er erinnert dich entfernt an Mick Jagger. Aber nein, so ein markantes Pferdegesicht wie der Jagger, hat Michael doch nicht.

Diesmal lehnst du dankend ab. Michael und der Wachmann ziehen genüsslich an der nächsten Marlboro: "Tommy, Sams Schwester, die Silvia, hat mir einen Text (SMS) gesendet. Wir sollen um 12 Uhr im BSWD sein. Die wollen mit uns reden."
"Na, das ist ja doch einmal eine gute Neuigkeit!", freust du dich. "Vielleicht könnt Ihr die Kinder abholen? Aber warum rückst Du damit erst jetzt raus, Michael?"
Michael grinst, zuckt mit den Schultern und bläst Rauch aus.
Du kramst die VISA-Karte hervor: "Michael, Marielou würde gerne kommen. Vielleicht auch Jonathan. Ich konnte gestern mit Marielou telefonieren. Kannst Du Geld holen?"
Michael erschrickt, er zeigt dir, schüttelnd und panisch abwehrend, beide Handflächen: "Nein, nein, ich weiß nicht, wie das geht!"
Verdutzt entgegnest du: "Oh, gut, wusste ich nicht. Dann warte ich auf Franco."
Mit Blick auf deine Armbanduhr fragst du Michael: "Kannst Du mir ein bisschen Schokolade oder Schokoladenkuchen besorgen oder Kekse oder Bonbons? Und zwei große Flaschen Wasser. Und eine Tageszeitung bitte. Ach, und eine Schachtel Zigaretten."
Du gibst Michael 1000 Piso (etwa 18 Euro): "Behalte den Rest."
Michael freut sich und nickt heftig.
"Kommt bitte nach dem BSWD hierher!", rufst du Michael hinterher.
Beim Öffnen knackt das Schloss und die Türe quietscht. Das Gleiche hörst du beim Schließen, es quietscht und es knackt und wieder bist du in der trostlosen Zelle. Jetzt ohne Müllberg, aber dennoch in der gleichen prekären Situation.

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