4. - Sogar Limonaden können heimtückisch sein

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Riley

Mein Herz pochte wie verrückt und Schweiß bildete sich in meinen Handflächen, die ich rasch an meinen Jeans abwischte. Genervt von mir selbst atmete ich mehrmals tief ein und aus und fuhr mir durch die Haare, nur um an meinem schwarzen Haarband hängen zu bleiben. Es war ein Überbleibsel aus meiner wenig glamourösen Fußballerkarriere auf der High School, angelehnt an die früheren Stars wie David Beckham oder Sergio Ramos. Fluchend nahm ich das Haarband ab und wickelte mir die Haare zu einem schnellen Bun zusammen. Vermutlich wäre ich nie so erfolgreich wie die beiden Fußballer geworden, dazu hätte ich nach Europa gehen müssen, aber ich hatte Potential gehabt. Dieses Wissen machte mich manchmal fertig, besonders an Tagen wie diesen, an dem ein neuer Abschnitt meines Lebens begann. Unter anderem. An meinem ersten Collegetag war es nur ein Teil, der mich anstachelte. Es war unter anderem die Gewissheit, wenn diese eine Nacht nicht passiert wäre, ich ein Neuling im Collegefußball wäre, der neue Teamkameraden kennenlernen und mit ihnen abhängen würden. Nun gehörte ich nicht automatisch eine Gruppe an, sondern müsste nach und nach neue Leute kennenlernen. Versuchen, ihnen zu vertrauen, das mir nach allem was passiert war, scher fiel. Die gestrige Nacht half meiner Stimmung kein bisschen. In der ich – Überraschung – nach der Sache mit Jason fast nichts geschlafen hatte. Ständig war mir die Szene, die wir auf der Couch erlebt hatten, in Slow Motion durch den Kopf gegangen, wie bei einem bescheuerten Film. Dabei hatte keiner den anderen berührt, wir waren zwei Meter auseinander gesessen und hatten vermeintlich auf den bescheuerten Fernseher geglotzt. Jason hatte so zufrieden mit sich und teilweise auch schuldbewusst ausgesehen, während er mich zu etwas überredet hat, mit dem ich kein Problem habe. Doch er wusste nicht, dass ich schwul bin. Vermutlich war es für ihn ein Gag oder ein netter Zeitvertreib unter Kumpels. Dabei hatte ich mich gar nicht satt sehen können an seinem Schanz oder genug von seinem Stöhnen bekommen. Schlechtes Gewissen plagte mich erneut und ich hätte am liebsten den Kopf gegen die Wand neben der Tür geknallt. Jene Tür, durch die ich Idiot endlich marschieren sollte. Scheiße.

Beruhigend atmete ich tief durch, schüttelte die negativen Gedanken ab und betrat anschließend den Hörsaal in meinem ersten Semester auf dem College. Es war soweit. Anderen würden sich vielleicht die Haare bei dem Gedanken sträuben, die nächsten zwei Stunden in einer Lehrveranstaltung über allgemeine Chemie zu hocken. Ich jedoch fand es aufregend. Wenn schon nicht Fußball, dann das. Chemie und Physik hatten mich seit jeher fasziniert. Ersteres wegen meinem Vater, der Apotheker war und sein eigenes Geschäft hatte, in dem ich schon als Kind oft herumgelungert hatte. Letzteres vermutlich wegen Star Wars und der Sache an sich. Physik konnte vieles erklären und Fortschritt bringen. Die Menschheit war zwar noch nicht so weit, bald auf Entdeckungstour in die Galaxien hinauszufliegen, wie in den Star Wars Filmen, aber wir schickten immerhin Roboter zum Mars. Das war doch was. Keine Ahnung, wo ich am Ende meines Studiums sein, oder welchen Beruf ich ausüben würde, aber ich wollte einen kleinen Teil zum großen Ganzen beisteuern. Auf die eine oder andere Art. Das war mein neues Lebensziel, mein Plan B, nachdem Plan A brutal ausradiert worden war. Aus diesem Grund konzentrierte ich mich lieber auf die Gegenwart.

Die nächsten zwei Stunden vergingen wie im Flug und ich kam gut mit der Mitschrift am Laptop zurecht. Die paar Monate Auszeit aus dem normalen Leben brachten mir einen klaren Vorteil. Ich hatte diese Zeit genutzt, um neben Krankengymnastik diverse Fachliteratur zu büffeln. Ich war schon immer, ohne viel dafür tun zu müssen, gut in der Schule gewesen. Seit ich nicht mehr auf dem Rasen spielte und mich im Zimmer verkroch, kam ich mir immer mehr wie ein Nerd oder Streber vor. Das musste sich ändern. Ich sollte den Ratschlag meiner Schwester befolgen und das College nutzen, um Erfahrungen zu machen. Deswegen sagte ich unser gemeinsames Mittagessen im Haus ab und wandte mich zu Mittag nach dem Biochemiekurs Richtung Mensa. Der Lärm führte mich unverkennbar dorthin. Mein Herz schlug einige Takte schneller als vor der ersten Unterrichtsstunde. Überall tummelten sich Grüppchen von Studenten, steckten die Köpfe zusammen, plauderten über dieses und jenes, lachten gemeinsam oder flüsterten heimlich. Sie alle gehörten zu irgendwem. Zu alten Freunden, neu kennengelernten Studentenkollegen oder Sport- oder Musikkameraden. Ich gehörte – so traurig der Scheiß auch klang - zu niemandem. Sehnsüchtig wanderte mein Blick zu einem Tisch mit einer Gruppe Studenten, die im Fußball-Team spielen mussten, da sie passende Sweatjacken mit aufgedrucktem Logo trugen. Dort hätte ich hingehört. Bittere Übelkeit kroch meinen Magen hoch, ich riss den Blick los und sah mich weiter in der Mensa um.

Dein. Lautes. SchweigenRead this story for FREE!