4. Freundlich ist anders

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»Was hast du getan?« Marissa schaute verblüfft zwischen Julie und Luca hin und her.

»Was soll ich denn getan haben?«

Melissa zog Julie mit sich auf zwei freie Plätze im hinteren Bereich. Die meisten waren schon besetzt, Patryk stand an seinem Pult und bereitete die Präsentation vor. Überall wurden Laptops aufgeklappt, Unterlagen der letzten Vorlesung herausgekramt und Papiernotizen aufgeschlagen. Dank Melissa erreichte Julie ungerempelt ihren Platz. Sie war sich der Hämatome nur allzu bewusst und achtete sorgsam darauf, niemandem zu nahe zu kommen.

Der Hörsaal war aufgebaut wie ein Amphitheater, an dessen tiefstem Punkt der Dozent stand, umgeben von einem Halbrund aus stufenartig angeordneten Plätzen. Ein wenig tat er Julie immer leid, es musste doch schrecklich sein, aus jedem Winkel angestarrt zu werden. Sie hätte das niemals gekonnt.

Vorsichtig blickte sie zu Luca. Er starrte konzentriert auf seinen Mac, die Stirn aber noch immer gerunzelt. War er tatsächlich wütend auf sie?

»Jules.«

»Hm?«

»Auspacken«, befahl Melissa.

Mit einem Kopfschütteln vertrieb Julie die Gedanken. Sie war nicht extra in die Vorlesung gekommen, um jetzt nichts davon mitzubekommen. Der Reißverschluss des Rucksacks klemmte, doch schließlich bekam sie ihn geöffnet und zog ihren Laptop hervor. Er war vier Jahre alt, leistete aber noch gute Dienste. Als sie ihn letzte Woche in Beckys Café benutzt hatte, war Nicholas nach einem Blick auf den Desktop entsetzt zurückgewichen und hatte damit begonnen, Updates einzuspielen. Dabei hielt er ihr eine Standpauke über die Notwendigkeit davon, Programme immer zu aktualisieren. Leider hatten sich durch besagte Updates auch diverse Menüs verändert, weshalb sie bei der Arbeit doppelt so lange benötigte, wie zuvor.

Am Lehrpult räusperte sich Patryk. Neben ihm am Tisch lehnten die Krücken, die er Melissa verdankte. Immerhin wirkte er mittlerweile nicht mehr so bleich wie in den vergangenen Tagen. Ein Vollbart bedeckte sein Gesicht und verlieh ihm das Aussehen eines älteren Professors, obwohl er erst Anfang dreißig war.

Die Gespräche verstummten.

»Ich begrüße Sie alle zur Vorlesung ›Europäische Literatur des 18. Jahrhunderts‹. Sie werden am Ende der Einführung eine Lektüreliste von mir erhalten, die es vollständig abzuarbeiten gilt. In meinen Ausführungen nehme ich Bezug darauf und gebe keine ergänzenden Erklärungen.«

Ein Stöhnen ging durch die Reihen.

»Ja, das Leben ist schrecklich. Und ich weiß, dass Sie alle nicht nur diese Vorlesung haben. Trotzdem erwarte ich hundert Prozent Einsatz.«

Die Einführungsreden der Professoren glichen sich in ihrem Ton und der Art alle, bemerkte Julie. Einige brachten den berühmten Spruch: »Schauen Sie nach links, schauen Sie nach rechts. Von drei Studenten wird nur einer den Abschluss erreichen.« Nach dem ersten Schock nahm sie solche Sprüche gelassen. Jeder wies außerdem darauf hin, dass diese Vorlesung nicht gegenüber anderen zu vernachlässigen war. Als ob sie das könnten, immerhin gab es am Ende überall Klausuren, Essays und Papers.

Patryk begann über einen Schriftsteller namens Moses Brown zu sprechen.

Obwohl Julie sich alle Mühe gab, schweifte sie ständig ab. Auch die Müdigkeit machte sich bemerkbar und so rutschte ihr Ellbogen, auf den sie ihr Kinn gestützt hatte, vom Pult. Ruckartig fiel sie nach vorne und sog scharf die Luft durch die Zähne.

»Vielleicht sollten wir dich in ein großes Kissen packen, damit du nirgendwo anstoßen kannst«, kommentierte Melissa. »Jules, wirklich, wenigstens ein paar Tage hättest du noch daheimbleiben können.«

Love Crash - Der Traum vom (Neu)BeginnWo Geschichten leben. Entdecke jetzt