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Es war so weit. Der Tag war gekommen. Obwohl ich kaum einen Moment an etwas anderes als seine Rückkehr denken konnte, seit ich gestern das Büro verlassen hatte, fühlte ich mich seelisch nicht genug darauf vorbereitet auf ihn zu treffen. Auf den Mann, der mich durch unsagbare Höhen und Tiefen gejagt hatte. Der mich physisch und psychisch reizen konnte, wie kein anderer. Der mich missbraucht, erniedrigt und befriedigt hatte. Ich hatte wegen ihm vor Scham und Enttäuschung geweint und vor Zorn und gebrochenem Stolz gewütet. Ich erzitterte gleichermaßen vor Angst und Erregung bei dem Gedanken an diesen Mann. An meinen Chef. An Gabriel Mcintire.

Die Tür schloss sich vor mir und der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung. Doch es fühlte sich nicht an, als würde ich hinauf in die oberste EtageDer Ta des Kolosses aus Metall und Glas fahren, sondern geradewegs hinab in die tiefsten Tiefen der Hölle. Dort, wo heute der Teufel auf mich wartete. Aufgeregt strich ich meine nassen Handflächen an dem schwarzen Rock ab, den ich trug und rückte nervös die Handtasche auf meiner Schulter zurecht. Wieso ließ ich immer noch zu, dass er so Herr über meine Gedanken und Gefühle war? Hätten die sechs Monate in denen ich zufrieden und erfolgreich mein Leben wieder zusammengepuzzelt hatte nicht ausreichen müssen, um mich aus seinen Fängen zu lösen? Nein, hatte es nicht! Immer wieder ploppte sein selbstgefälliges Zahnpastareklame Lächeln oder sein Unterwäschemodelkörper vor meinem inneren Auge auf. In fast jeder Situation drifteten meine Gedanken dazu ab, wie Mr. Mcintire jetzt wohl gehandelt oder reagiert hätte. Ich wollte die Kanzlei nicht betreten. Ich wollte nicht freiwillig die Hölle betreten, doch ich musste es. Das altbekannte Bing welches ich jeden Tag mehrfach hörte, löste Stressgefühle in mir aus. Wie würde er sich mir gegenüber verhalten? Wie sollte ich mich verhalten? Würde er wie immer einen auf professionellen Chef machen? Hatte er vielleicht darauf gewartet, mir in die Augen zu sehen, wenn er mich entließ? Oder war das nur mein Wunschdenken. Wollte ich entlassen werden? Ich verdiente so gut wie noch nie. Die Arbeit machte mir Spaß. Oder, hatte mir Spaß gemacht. Das Arbeiten mit Herrn Böhm und Elizas Aufgabenbereich waren fordernd und spannend gewesen. Ganz anders als die vordiktierte, tauschendfach überprüften Aufgaben von Herrn Fehlerlos Mcintire. Als ich aus dem Fahrstuhl stieg und auf die Empfangstheke zulief, entdeckte ich Eliza. Sie stand mit dem Rücken zu mir und mein Blick wanderte von ihren schulterlangen braunen Haaren, über ein hellgraues figurbetontes Kostüm herunter zu schwarzen hochhackigen Schuhen.

Sie hatte ein Teelicht in einem kleinen, weißen Porzellanhäuschen entzündet, das als Weihnachtsdeko dort stand, als sie sich zu mir umdrehte. Als sie mich erkannte, kam sie mir entgegen und breitete lächelnd ihre Arme aus.

„Hallo Katharina,", begrüßte sie mich mit einer sanften Umarmung.

„Hallo Eliza, schön das sie wieder da sind", erwiderte ich ihre Begrüßung und legte ebenfalls sachte meine Arme um sie. Eliza war trotz ihrer strengen Büromanagerinnenposition eine herzliche und fürsorgliche Frau, die ich stets bewunderte und das ein oder andere Mal auch beneidete. Als wir uns voneinander lösten, behielt sie die Hände noch einen Augenblick an meinen Oberarmen und betrachtete mich prüfend von oben bis unten.

„Sie sehen gut aus, Katharina. Ohne Ihnen zu Nahe treten zu wollen, hat Ihnen der Schritt in die Unabhängigkeit sichtlich gutgetan. Auch was ich über das Telefon von Neele und Claus, also Herr Böhm gehört habe, haben sie mich gut vertreten und ihre Aufgaben problemlos gemeistert. Ich wusste, dass ich mich auf sie verlassen kann.", lobte mich Eliza, was natürlich runter ging wie Öl. Dass Eliza offenbar ein größeres Vertrauen in mich gehabt hatte, als ich selbst zu anfang, ehrte mich und noch mehr ehrte es mich, von ihr nun diese lobenden Worte zu hören. Das auch sie von meiner Trennung wusste, schob ich entweder auf ihre Plaudereien mit Herrn Mcintire oder Neele hatte sich auch bei ihr am Telefon nicht zurückhalten können.

„Danke, Eliza. Dank Neeles tatkräftiger Unterstützung bei der Einarbeitung, habe ich mich recht schnell in alles reingefunden und gefallen an meinem neuen Aufgabenbereich gefunden. Es ist schon fast schade, nun wieder zu meinem alten Aufgabenbereich zurückzumüssen", gab ich zu und die Büromanagerin lächelte mich verschmitzt an. „Ich nehme doch an, dass Herr McIntire Ihren Aufgabenbereich etwas erweitern wird, wenn man ihm von Ihrer guten Arbeit berichtet.", sie löste ihre Hände von meinen Oberarmen „und wenn ich Gabriel persönlich nochmal darauf hinweise, dass Sie mehr können, als er Ihnen zutraut."

Addicted  - Schuld und SühneLies diese Geschichte KOSTENLOS!