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Die nächsten Wochen und Monate vergingen wie im Flug. Aus Herbst wurde Winter und die Weihnachtszeit rückte mit Schokonikoläusen, Plastiktannen und Kunstschnee immer näher, während die Sonne sich selbst vom Dezember nicht in ihre Schranken weisen lassen wollte.

Elias und ich hatten uns noch ein paar Mal verabredet, doch über oberflächliche Gespräche waren diese „Dates" nie hinausgegangen. Diese Mauer, die sich plötzlich zwischen uns befand, ließ sich auf unerklärliche Weise nicht mehr einreißen. Dabei war er ein bemerkenswerter Mann und gab sich sichtlich Mühe, mir zu gefallen.

Inzwischen hatte ich meine Wohnung fertig eingerichtet und alle Sachen aus den Kartons und Koffern verstaut. Josh hatte mir etwas Geld dazugesteuert mit der Begründung, dass er ja quasi bei mir eingezogen war. Seit einiger Zeit hatten wir im Gespräch, dass wir ihm ein Bett besorgen wollten, doch irgendwie kam es nie dazu und so schlief er immer noch auf meinem Sofa.

Wir spielten uns aufeinander ein und führten ein regelrechtes WG-Leben, in dem wir uns mit dem Kochen und dem Haushalt abwechselten. Abends schauten wir zusammen Serien und Filme oder gingen zusammen aus. Doch so wirklich war nichts mit dem Holländer mehr anzufangen. Die sorgenfreien Partynächte blieben aus und er trank nie mehr als ein oder zwei Bier.  Es schien, als habe er sich selbst eine Leine angelegt. Aus seinem extremen, exessiven Lebensstil war plötzlich ein gemäßigter, nahezu langweiliger geworden. Aus der stürmischen See in den flachen Tümpel. Dabei passte es nicht zu ihm und glücklich sah er dabei auch nicht aus. Es kam mir vor, als zwängte er sich selbst in eine Form, die er nicht war. Sogar in seinem Club hatte er viel Verantwortung abgegeben und verbrachte nur wenige Nächte dort. Sein Ledermäppchen, das sonst allgegegenwärtig gewesen war, hatte ich lange nicht mehr an ihm gesehen.

Ich war mir unsicher, ob diese 180 grad Wendung der richtige Weg war. Ob er das durchhalten würde. Doch wie wenn nicht so, würde er Laura zeigen können, dass er sich ändern und dass ab jetzt alles anders werden würde? Ab und an traf er sich mit seinen Kindern. Der Tag davor war der gute und der Tag danach der schlechte.

Ganz im gegensatz zu der Berg- und Talbahn, die Joshs Gemütszustand war, lief es bei mir an der Arbeit steil Bergauf. Ich verstand mich weiter ausgezeichnet mit Herrn Böhm, er brachte mir einige Dinge bei und nach den vielen Wochen an Elizas Platz, war ich inzwischen ein Vollprofi was das Büromanagement anging. Dabei sah mein Schreibtisch mindestens genauso Chaotisch aus wie der von Josh. Doch ich wusste wo jedes Blatt lag und wie sagt man so schön? Das Genie beherrscht das Chaos. Die Mittagspausen verbrachte ich in der Regel mit Neele und die Flamingos ließen mich größtenteils in Ruhe.

Dennoch machte mir eine Sache sorgen und das war das näher rückende, rote Kreuz auf meinem Tischkalender, welches Gabriels Rückkehr ankündigte. Mit jedem weiteren Tag stieg meine Unruhe und Nervosität.

So auch heute, dem Tag, an dem ich die Markierung des Kalenders auf das Feld vor dem roten Kreuz heranschob. Das hatte zur Folge, dass ich heute bereits ein Fax vertauscht und die Schreiben an die falschen Personen geschickt hatte.

Gerade knibbelte ich mit den Zähnen an meiner Unterlippe herum, während ich mich auf eine E-Mail zu konzentrieren versuchte, als Neele wie ein Wirbelsturm aus ihrem - und bald wieder auch meinem – Büro gepoltert kam. Mit breitem Grinsen kam sie auf mich zu. Ihr riesiger Dutt wippte dabei hin und her.

„Naaa", begann sie gedehnt als sie bei mir stehen blieb und sich auf die Empfangstheke lehnte wie auf einen Barthresen, „freust du dich schon auf morgen?"

„Kanns kaum abwarten", sagte ich und unterdrückte ein ironisches Augenbrauenheraufziehen. Neele hatte nichts von den Dingen mitbekommen, die zwischen mir und Gabriel geschehen waren. Sie wusste weder wie nah wir uns gekommen waren, noch, dass er versucht hatte mich zu Entführen. Neele wusste nur, dass ihr Chef einen Narren an mir gefressen hatte. Um es mit dem Internet-Jargon auszudrücken: sie shippte uns.

Addicted  - Schuld und SühneLies diese Geschichte KOSTENLOS!