4.00. Neuer Tag, altes Leid

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Du hast schlecht geschlafen, wirres Zeug geträumt, bist oft hochgeschreckt und musstest mehrmals in die Mineralwasserflasche urinieren. Dein Schädel brummt ein wenig und es bleibt dir nichts anderes übrig, als jetzt die Augen zu öffnen. Über dir hängt der Teppich aus Spinnweben mit unzähligen ausgesaugten Insektenkörpern. So fühlst du dich auch, ausgesaugt und ausgelaugt. Draußen dämmert es schon. Deine Armbanduhr zeigt 5:43:34 Uhr. Du stülpst den Halsausschnitt deines T-Shirts über die Nase, es riecht schlecht. Das T-Shirt ist feucht vom Schwitzen während des Schlafes. Hoffentlich bringen Franco und Michael das T-Shirt, welches sie gestern zum Waschen mitgenommen haben, heute wieder zurück.
Der Rest des Wassers in der Flasche ist lauwarm. Es hilft dennoch, den bleiernen Geschmack und das pelzige Gefühl im Mund hinunterzuspülen. Nun sitzt du auf der Bettkante des wackeligen, schmutzigen Doppelbettes. Die kleine Flasche Ethylalkohol steht neben dem Bett auf dem Boden. Du spritzt ein wenig Alkohol in die Hand und reibst damit Gesicht und Kopfhaut ein. Der Duft des Alkohols riecht angenehm und belebt die Sinne. Für deine Morgentoilette muss eine zweite leere Plastikflasche geopfert werden. Die Ratten sind nicht wieder aufgetaucht, du hast sie aber auch nicht vermisst. Dieser unglaubliche Müllberg an der Wand gegenüber. Angewidert schüttelst du den Kopf und flüsterst: "Mensch Thomas, wo bist du nur hineingeraten? Das ist ein echter Alptraum. Heute ist Dienstag, der vierte Tag in Haft. Es muss etwas geschehen. Du musst hier raus! Das kann doch nicht sein!"

Du raufst dir die Haare und musst eingestehen: "Alle Hoffnungen liegen jetzt bei den Anwälten."

Du stehst auf Zehenspitzen und spähst aus dem vergitterten Zellenfenster. Dort, wo gestern die 'Flag-Ceremony' stattgefunden hat, stehen heute drei zertrümmerte Schrottwagen. Sicherlich die Ergebnisse aktueller Verkehrsunfälle.

Am Zellenvorplatz rührt sich nichts. Vögel zwitschern fröhlich und Hähne krähen aus unterschiedlichen Richtungen und Distanzen um die Wette. Hunde streiten, jaulen und bellen irgendwo. Der Lärm der Straße und dem Platz vor dem Polizeigelände wird zunehmend lauter. Du hörst Motorräder röhren, anderen Verkehrslärm und das ständige Hupen. Ältere Kinder und Jugendliche brüllen laut und aggressiv, um Fahrgäste der Sammeltaxen (das sind die Minibusse und die Motorelas) über ihre Fahrziele zu informieren, aber vor allem um die Fahrgäste anzulocken. Manchmal schwillt Musik heran, dröhnt kurz laut, um dann wieder abzuebben. Ein Minibus oder eine Motorela mit voll aufgedrehtem Soundsystem. Entfernt unterhalten sich angeregt Leute. Polizeischüler huschen vorbei, ohne dir Beachtung zu schenken. Ein ganz normaler Tag erwacht. Er erwacht ohne dich.

Nun starrst du auf die verwitterte Wand des Polizeigebäudes. Mittlerweile verkrampfen sich deine Hände beim Umklammern der Gitterstäbe an der Tür. Der nette, gutgekleidete Herr, der gestern (oder war das schon vorgestern?) den Zellenvorplatz gereinigt hat, ist heute nicht zu sehen. Es ist schon 6:37:43 Uhr und es passiert weiterhin nichts am Zellenvorplatz, abgesehen von den stetig lauter werdenden Unterhaltungen aus den anderen Zellen.
Deine Ungeduld ist zurück, gemeinsam mit einem flauen Gefühl in der Magengrube. Wie sehr wünschst du dir, der liebe Gott möge dein Gebet erhören, einen Officer kommen und dich abholen lassen für die Morgentoilette, eine Dusche und das gemeinsame Frühstück mit den netten Polizisten. Die eiligen Polizeischüler kannst du nicht fragen. Das stellst du dir komisch vor: "Hallo, Ihr da, Moment bitte, ich möchte mal aufs Klo, duschen und frühstücken."
Nein, fragen kannst du die jungen Leute nicht. Du kannst nur warten, die Zeit totschlagen und der Dinge harren, die da kommen mögen.

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Gegen acht Uhr kommt ein mürrischer und übergewichtiger Wachmann in Uniform. Er lässt dich, zu deiner Freude, zuerst in die Toilette. Die Urinflaschen leerst du in der Toilette und spülst sie aus. Dann erledigst du deine Toilette und duschst schnell. Gut, dass Franco und Kagawad gestern ein Handtuch, Duschgel und Zahnputzzeug gebracht haben. Solange die anderen Arrestierten die Toilette benutzen, darfst du dich auf dem Zellenvorplatz aufhalten. Das Tor des Maschendrahtzauns hat der Wachmann bereits beim Kommen sorgfältig verschlossen. Du hörst von fast jedem Philippino den Gruß: "Hey Joe!"
Einige wollen wissen, woher du kommst und wieso du hier bist. Auf Unterhaltungen in gebrochenem Englisch, durchsetzt mit Wörtern der Visayan-Sprache, bist du gerade nicht in Stimmung. Du spürst den fehlenden Schlaf und bist mürrisch wie der Wachmann.
Den fragst du: "Entschuldigen Sie, Sir, Officer Sarang und Officer Pangutana sind nicht im Office?"
"Nein", die knappe Antwort, "zwei Tage dienstfrei."
Du ärgerst dich, da du keine Zigaretten in der Zelle hast. Damit könntest du den Wachmann sicherlich gesprächiger stimmen.
"Ma'am Papillio und Ma'am Tolisan, kommen die später?"
Der Wachmann schaut zum Bad und weist den Duschenden an, schnell zum Ende zu kommen. Dir grunzt er zu: "Kommen etwa gegen 10 Uhr."
Damit belässt du es und gehst die wenigen Meter im Kreis, die der Zellenvorplatz hergibt. Dein Kreislauf muss ein wenig in Schwung gebracht werden.

Keine fünf Minuten später steht plötzlich breit grinsend Michael vor dem Maschendrahtzaun und bietet dem Wachmann sofort eine Marlboro an. Der schließt dann auch sofort das Tor auf und wieder zu. Michael hat Kaffee, Mineralwasser und Pandesal (weiche heiße Brötchen) mitgebracht. Ihr lasst es euch schmecken. Auch der Wachmann kaut und schmatzt zufrieden. Zu einer starken Marlboro ist es wirklich noch zu früh. Dankend lehnst du Michaels Angebot ab. Du bemerkst erneut, dass Michael nur rudimentäres Englisch spricht. Aber gut, du sprichst ja auch nur wenige Worte Visayan. Du verstehst von Michael, dass Franco und der Pastor gestern Abend erst sehr spät in die Kirche zurückgekehrt sind und Franco heute Morgen noch geschlafen hat, als Michael aufgebrochen ist. Franco will dich später gemeinsam mit dem Anwalt De Baron besuchen. Die Mütter, Rica und Lang kochen heute für die Kinder. Michael macht eine merkwürdige Bemerkung über Francos Pastor: "Traue dem Pastor nicht", glaubst du zu verstehen. Michael berichtet, auch Kagawad sei sehr vorsichtig diesem Mann gegenüber. Du hast den Pastor bisher noch nicht kennengelernt und möchtest das Thema nicht vertiefen.

Ein dir unbekannter Polizist steht unvermittelt am Zaun und bittet dich in das Büro.
Er drängt: "Sir, Sie haben einen Besucher."

Michael und der Wachmann reden kurz in ihrer Sprache. Du verstehst kein Wort. Anschließend möchte Michael unbedingt dem Wachmann Gesellschaft leisten.
'Rauchen schafft Gemeinschaft', freust du dich für die Zwei.
Der junge Polizist trommelt ungeduldig gegen den Zaun. Du blickst noch mal kurz ungläubig zu Michael. Der und der Wachmann grinsen vielsagend. Der Wachmann öffnet das Tor für dich und schon trottest du hinter dem Polizisten hinterher.

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