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Nachdem ich mich am nächsten Tag vollkommen übermüdet durch die Arbeit gequält hatte, war ich umso erleichterter, als endlich Feierabend war. Ich hatte Herrn Böhm von dem Einbruch erzählt. Vollkommen entsetzt und verständnisvoll hatte er mir zugehört und sich tausend Mal nach meinem Befinden erkundigt. Letztendlich konnte mich aber selbst die anspruchsvolle Arbeit nicht von meinen Gedanken rund um den gestrigen Einbruch ablenken. Zu aufdringlich war das Bild des Mannes im schwarzen Hoodie. Zu eingebrannt hatte sich das Bild all meiner Habseligkeiten verteilt auf dem Boden. Zu festgebissen der Gedanke, dass Gabriel McIntire garantiert etwas damit zu tun hatte. Denn wer sonst sollte sich für persönliche Informationen über mich interessieren? Alex? Nein, dem war ich scheißegal. Der war einfach glücklich mit seiner Janine oder Clarissa oder wer auch immer gerade sein größtes Fangirl war, das im Moment die Beine für ihn breitmachte.

Ansonsten gab es niemanden, der sich derart für meine bescheidene Person interessieren würde. Oder hatte ich etwas übersehen?

Und schon wieder kreisten meine Gedanken um dieses Thema. Kopfschüttelnd fuhr ich mit dem Bus soweit ich kam und nahm anschließend ein Taxi, das mich bis vor die Tür von Joshs Ferienhaus brachte. Ich reichte dem Fahrer die Bezahlung und ein bisschen Trinkgeld, ehe ich auf den Eingang zulief.

Ich klingelte.

Kurz darauf erschien die schlackige Gestalt von Josh hinter der Tür und mir wurde geöffnet.

Sein ausgezehrtes Gesicht hellte sich ein wenig auf, als er mich sah. Obwohl er immernoch in den Fäden hing wie eine Puppe, wirkte er auf mich ein wenig erholter als vor ein paar Tagen noch. Das schiefe lächeln, das er mir schenkte wirkte echt. Auch seine grünen Augen hatten ein wenig an Glanz zurückgewonnen.

„Na, meine kleine Lieblingsblume? Schön, dass du die Hanfpflanze deines Herzens besuchen kommst", begrüßte er mich und nahm mich anschließend in den Arm.

Er müffelte nicht. Das war ein gutes Zeichen, denn er musste freiwillig geduscht haben.

Ich folgte ihm und wir setzten uns nach draußen auf die Terrasse. Josh klappte sich seinen Liegestuhl zurück, kuschelte sich in die Bepolsterung und ließ sein Gesicht von der Abendsonne streicheln.

„Du siehst heute irgendwie kacke aus, Kathi", stellte er mit geschlossenen Augen fest.

Ich schnaubte.

„Na danke", sagte ich, „ich habe nicht so viel geschlafen. Als ich gestern nach Hause kam, stand plötzlich ein Einbrecher mitten in meiner Wohnung."

Plötzlich saß der Holländer wieder kerzengerade und starrte mich entgeistert an.

„Was? Warum weiß ich davon nichts? Warum hast du dich nicht bei mir gemeldet?", fragte er.

Ich zuckte die Schultern und lächelte ihn entschuldigend an.

„Es war schon sehr spät. Du hättest es vermutlich nicht mal gelesen und dir dann die ganze Zeit nur Gedanken gemacht. Aber jetzt bin ich ja hier, um es dir zu erzählen", versuchte ich ihn zu beruhigen.

Es half. Die Sehnen seiner angespannten Arme traten wieder etwas in den Hintergrund und er atmete hörbar aus.

Dennoch warf er mir einen vorwurfsvollen was-machst-du-für-Sachen-Blick zu.

„Hat er viel gestohlen? Erzähl. Und sag mir, wenn du Geld brauchst", forderte er mich auf.

Ich erzählte ihm genau, was sich zugetragen hatte. Josh hörte mir zu und ohne, dass ich meinen Verdacht verriet, sagte er:

„Klingt schwer nach Gabriel. Der Typ hat ja wohl irgendwas über dich rausfinden wollen. Erst die Fotos an Laura und jetzt das...! Der englische Bastard hat sie einfach nicht mehr alle!", knurrte Josh und musste sich auf den Schock erst mal eine Zigarette anzünden.

Ich nickte zustimmend und sah mit zusammengekniffenen Augen nachdenklich in den Sonnenuntergang.

„Sicher sitzt der Mistkerl irgendwo in England herum und lacht sich ins Fäustchen, dass er deine Ehe zerstört hat und holt sich dann auf die Informationen über mich einen runter", schnaubte ich verächtlich. Vielleicht hatte er das aber auch nicht nötig, denn Eliza war ja bei ihm. Es blieben fast nur noch zwei Monate, bis Gabriel wieder zurückkommen würde. Bis meine neugewonnene Freiheit ein jähes Ende finden würde.

Doch wir würden nicht nahtlos wieder dort ansetzen, wo wir aufgehört hatten. Wir würden uns nicht in die Arme und anschließend leidenschaftlich übereinander herfallen. Ich würde ihm nicht den perfektsitzenden Anzug von seinem verfluchten Adoniskörper reißen.

Er würde nicht meinen Rock hochschieben und verlangend in meinen Po greifen.

Ich würde mich nicht von seinen starken Armen halten und in ihnen fallen lassen.

Er würde mich nicht mehr in Welten entführen, von derer Existenz ich bis dahin nicht einmal geträumt hatte. Das war vorbei. Endgültig. Und er hatte es zerstört. Ganz alleine.

„Wie geht es dir jetzt?", holte mich Josh in die Realität zurück. Mit seinen Worten verrauchte der Zorn und zurück blieb eine kalte Leere.

„Es geht schon", sagte ich und klopfte ihm freundschaftlich auf sein Knie. Ich versuchte mich an einem Lächeln.

„Aber du siehst dafür heute ziemlich gut aus. Zumindest für deine derzeitigen Verhältnisse. Geht es dir etwas besser?", fragte ich.

Josh kratzte sich am Kinn und nickte.

„Ja", sagte er dann, „meine Kinder waren hier. Hanna und Silas. Das hat mir irgendwie geholfen. Auch dass du dich so um mich sorgst und kümmerst. Ich kann mich nicht einfach hängen lassen. Es gibt Leute, denen ich wichtig bin. Ich fühle mich innerlich immernoch ziemlich zerstört. Alles liegt in Trümmern, aber mir ist bewusst geworden, dass es Menschen gibt, für die es sich lohnt mich so langsam wieder aufzubauen. Ich will Laura nicht verlieren. Meine Familie ist mir so wichtig, aber ich habe unverzeihliche Fehler begangen, das weiß ich. Ich will Laura etwas Zeit geben über alles nachzudenken und es zu verarbeiten und ich will mir Zeit geben, mich zu verbessern. Und dann werde ich irgendwann als ein anderer Mann vor ihr stehen und um sie kämpfen", erklärte Josh der Liebe den Krieg und zog gedankenverloren an seiner Zigarette. Es erleichterte mich unheimlich, dass er zu dieser Erkenntnis gekommen war. Selbst wenn Laura ihn nicht wieder zurücknehmen würde, war er dann vielleicht so gefestigt das alles zu überstehen.

„Wenn sie dich dann nicht will, dann kommen wir einfach zusammen", schlug ich vor. Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen spürte ich, wie Hitze in meine Ohren schoss. Josh schwieg. Er sah mich von der Seite an, während ich hochkonzentriert in den Sonnenuntergang starrte. Dann spürte ich die Wärme seiner rauen Hand, die sich auf meine legte und vorsichtig mit dem Daumen über meine Knöchel strich. Seine Berührung erfüllte mich mit einer angenehmen Leichtigkeit. Es war dieses Gefühl von tiefem Vertrauen und Verständnis. Dieses Gefühl von Heimat, dass ich stets bei ihm empfand. Endlich brachte ich den Mut auf, ihn anzusehen. Entgegen meiner Erwartungen war es nicht unangenehm als sich unsere Blicke kreuzten. Ganz im Gegenteil. Ich wusste, dass er mich liebte und er wusste, dass ich ihn liebte. Als Mann. Als Frau. Als Freunde. Das war vollkommen egal. Uns verband etwas unvorstellbar wertvolles. Etwas, das uns niemand nehmen konnte.
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Wer hätte gedacht dass es sich so zwischen den beiden entwickelt als er sie vor fast einem Jahr in seinen Club entführt hat...?

Addicted  - Schuld und SühneLies diese Geschichte KOSTENLOS!