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Ich parkte Rosemaries Auto an der Straße direkt vor dem Haus der Van der Linden. Ein blauer VW Touran stand auf dem Hof vor der Garage und trug das Nummernschild MTK JL 275. Joshua und Laura, da war ich mir sicher. Die Zahl könnte mit ihren Kindern zusammenhängen oder aber auch ihr Hochzeitsdatum sein. Es waren eigentlich völlig unsinnige Gedanken, die ich mir hier machte, nur um das Aussteigen zu verzögern. Ich hatte mir vorgenommen, mit Laura zu sprechen. Vielleicht irgendwie die Wogen glätten zu können. Sie zu beschwichtigen. Mir war klar, dass das schwierig werden würde. Denn auch wenn es eine wirklich miese Aktion von Gabriel gewesen war, hatte sie ihr doch nur die Wahrheit über das Leben ihres Ehemannes offenbart.

Ich umklammerte noch fest das Lenkrad und sprach mir selbst Mut zu. Es würde eine schwierige Unterhaltung werden. Denn nach wie vor konnte ich das, was Josh getan hatte, weder ungeschehen machen, noch irgendwie rechtfertigen.

Verdammt nochmal, Katharina. Was willst du überhaupt sagen? „Josh tut es leid das er sie Jahre lang belogen hat? Bitte verzeihen sie ihm?"

Ich stieg schnaubend aus dem Auto aus und stapfte auf das hübsche, gepflegte Häuschen zu und drückte sofort den Klingelknopf. Die darauf folgende Stille dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Schließlich hörte ich Schritte und die Tür öffnete sich.

„Ja?" begrüßte mich eine Frau in Joshs Alter mit langem, braunen, welligem Haar, welche mich abwartend und auch etwas skeptisch ansah.

„Hallo Frau Van der Linden, mein Name ist Kathi. Es freut mich, Sie kennenzulernen." brachte ich mit Mühe hervor und hielt ihr die Hand entgegen. Nach kurzem Zögern ergriff Laura meine Hand und drückte sie etwas. Ihre Hand war kalt und ihr Griff nicht locker.

„Hallo Kathi, wer sind Sie? Was führt Sie zu mir?" fragte sie und machte nicht den Anschein, als wolle sie mich hineinbitten.

„Ich bin eine gute Freundin von Ihrem Mann, Josh und ich bin hier, um mit Ihnen über ihn und seine Situation zu sprechen."

Laura zog ihre Hand schnell zurück und ihre Brauen kräuselten sich wütend.

„Ich will nichts von ihm wissen. Er wird von meinem Anwalt hören und ich hoffentlich nur noch von seinem", waren Laura's doch recht deutliche Worte, die Josh sicher das Herz herausgerissen hätten.

„Verstehen Sie bitte, ich bin nicht hier, um das gutzuheißen, was er getan hat oder um.-"
„Es ist mir egal, was Sie zu sagen haben. Ich will auch nicht wissen, woher Sie sich kennen oder was Sie mit ihm zu tun haben. Das kann ohnehin nichts Gutes sein!"
Ich atmete ein paar Mal tief durch, verzweifelnd nach Worten suchend, die Laura hätten beruhigen können.

„Mama?", drang die Stimme durch den Flur und ich konnte den Blick auf einen vorpupertären Jungen werfen. Dieser hatte frisch geschnittene Sidecuts in seinem braunen Haar, die Hose lässig sitzend, einen schwarzen Pulli mit der weißen Aufschrift Angerfist und unverkennbar die Gesichtszüge seines Vaters.

„Hey!", grüßte er mich mit einem verschmitzten Lächeln. Ich hob die Hand und wollte ihn ebenfalls Grüßen, doch Laura kam mir zuvor.

„Silas, warte im Wohnzimmer!", herrschte sie ihn an.

Irgendetwas murmelnd folgte er der Anweisung seiner Mutter. Nachdem er nochmal einen neugierigen Blick auf mich geworfen hatte, verschwand er auch aus meiner Sicht.
„Er braucht Ihre Hilfe. Es geht ihm sehr schlecht und.-" Obwohl Laura's Augen sich langsam mit Tränen füllten, war ihre Stimme nach wie vor fest und bestimmend, als sie mich erneut unterbrach.

„Verstehen Sie doch, ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Was glauben Sie, würden Sie tun, wenn Sie herausfinden, dass Ihr Mann Sie über Jahre belogen hat!"

Kopfschüttelnd sah ich Laura verzweifelt, fast flehend an.

Ich konnte sie mehr als verstehen. Letztendlich hatte ich meinen Mann Alex ebenfalls verlassen, weil er mich über Jahre angelogen und betrogen hatte. Doch von ihr verlangte ich Vergebung? Konnte ich das überhaupt? War mein Urteilsvermögen vielleicht getrübt, weil ich mich auf der Seite meines Freundes fühlte?

„Ich verstehe das, ich verstehe wie verletzt Sie sind. Aber Josh braucht Ihre Hilfe. Er ist ohne Sie am Ende." Sollte ich von der Überdosis erzählen? Es würde sicher nur ihre Wut steigern. „Er ist in Ihrem Ferienhaus und braucht Sie. Er hat wirklich große Probleme und ich bitte Sie, helfen Sie ihm."

„Nein," Laura umfasste nun den Türgriff fest und sah mir direkt in die Augen, „ich habe ihm geholfen UND vertraut. Es war seine Entscheidung das alles wegzuwerfen. Wenn er wie sein Vater sein will, na bitte! Dann soll er das. Soll er im Drogensumpf untergehen wie er. Aber ohne mich und meine Kinder!"
Worauf hin sie die Tür zuschlug. Ich starrte noch einen Augenblick hilflos auf die Tür. Dann lief ich vollkommen deprimiert zurück zu Maries Auto. Ich ließ mich auf den Fahrersitz fallen, knallte die Tür zu und ließ den Kopf auf das Lenkrad sinken.

Das war vollkommen sinnlos gewesen. Vielleicht habe ich es sogar noch schlimmer gemacht?

Ich verstand Laura. Ich verstand sie sehr gut. Doch Josh so zu sehen, stach mir im Herzen. Ich sah doch, wie sehr er darunter litt was passiert war. Natürlich konnte man sich fragen, warum Josh ein Leben im Untergrund führte, wenn er so ein tolles Leben hier oben hatte. Doch nach meinem letzten Gespräch mit dem Zuhälter und Drogendealer aus dem Bahnhofsviertel Frankfurts, war mir klar geworden, dass er mehr Probleme zu haben schien, als ich es mir nur vorstellen konnte.

Wie kann ich dir nur helfen, Josh?

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Kann sie ihm überhaupt helfen oder ist das eine Sache, die nur er selbst zu regeln versuchen kann?

Addicted  - Schuld und SühneLies diese Geschichte KOSTENLOS!