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Endlich strahlte wieder die Sonne an Frankfurts Himmel. Aber ich wollte mich nicht beschweren. Bis auf wenige Ausnahmen, war der September bisher sehr warm und trocken gewesen. Dennoch zauberte die angenehme Wärme ein zufriedenes Lächeln auf meine Lippen, als ich den imposanten Gebäudekoloss aus Metall und Glas für meine Mittagspause verließ. Herrliches Wetter, eine sehr befriedigende Arbeit und ein toller Chef halfen mir über die Sorge von Joshs Tat ein wenig hinweg. Auch wenn er wieder auf dem Weg der Besserung war, hatte ich trotz allem große Angst um meinen Freund. An diesem Abend würde ich zu seinem Ferienhaus fahren. Dort hatte ich ihn vor ein paar Tagen hingebracht. Ich hatte für ihn eingekauft, damit er sorgenfrei dort eine Weile bleiben konnte. Auch heute würde ich ihm ein paar Leckereien mitbringen. Er hatte deutlich abgenommen und alles, was er zu sich nahm, war gut. Selbst wenn es Schokolade war.

In schickem Businessoutfit lief ich mit klackernden Absätzen durch Frankfurts Geldzentrum auf dem Weg zu meinem Lieblingscafé. Ich fühlte mich heute besonders attraktiv. Das lag weniger an meinem Outfit, als daran, das mir so wichtige Aufgaben anvertraut wurden. Ich hatte große Verantwortung und füllte das riesige Loch, das Eliza in dem Büro hinterlassen hatte, mit großem Erfolg aus. Das machte mich stolz und motivierte mich, alles zu geben. Dazu war ich jung, single und selbstbewusst.

Mein Magen knurrte schon und ich konnte es kaum mehr abwarten in mein geliebtes Schokocroissant  zu beißen. Zu dieser Zeit war immer recht viel los in dem Café Rose und so musste ich hinter einer Gruppe von laut schnatternden Damen warten, bis diese alle ihre Frühstücksbestellungen aufgegeben hatten. Noch immer mit einem Lächeln auf den Lippen sah ich mich in dem Verkaufsraum um und erstarrte mit einem Mal.

Ungläubig starrte ich auf schwarzen Lackschuhe, von zwei überschlagenen Beinen. Eine große Zeitung verbarg einen Mann im Anzug, den ich gehofft hatte, lange Zeit am liebsten nie! Wieder zu sehen.

Gabriel

Alles in mir schrie danach, wegzulaufen. Laut zu schreien, oder besser noch, ihm den heißen Kaffee ins Gesicht zu kippen. Stattdessen war ich mal wieder wie angewurzelt. Unfähig etwas auch nur ansatzweise Logisches zu tun. Wie konnte ich nur zulassen, dass er solch eine Auswirkung auf mich hatte? Das er mich so beherrschte!

„Sie sind dran junge Dame", sagte der Mann, der die Zeitung sinken ließ.

Oh Gott, er ist ja blond!

Ich starrte ihn an wie ein Alien, das sich gerade hierher gebeamt hatte. „Wenn Sie sich denn von meinem Anblick losreißen können."fügte er noch an und deutete mit einem schelmischen grinsen auf die Theke.

Wie peinlich. Kathi, los! Spring hinter die Theke und grab dir mit der Tortenschaufel ein Loch in dem du versinken kannst.

Eilig kaufte ich meine Croissant, aber da es zu auffällig war über die Theke zu springen und auch ziemlich unmöglich mich durch den Holzboden zu graben, ging stattdessen auf den blonden Herrn zu.

„Entschuldigung", sagte ich und lächelte verlegen.

„Was tut ihnen denn leid? Sie haben mir ja nichts getan! Also, noch nicht. Ich war mir nicht ganz sicher, ob sie das nicht noch würden", scherzte er und zog einen Stuhl neben sich etwas nach hinten, offenbar als Angebot das ich mich zu ihm setzten konnte. Das Angebot nahm ich gerne an und ließ mich nieder. Ich hatte zwar nicht viel Zeit in der Mittagspause, doch für einen kurzen Plausch würde sie reichen. Wenn ich ein paar Minuten zu spät kam, würde mir das Herr Böhm nicht übel nehmen.

Im Gegensatz zu Mr. Überpünktlich McIntire. Herrgott! Kann ich endlich mal aufhören an ihn zu denken?

„Ich habe Sie für jemand anderen gehalten. Es war nur eine Verwechslung. Ich bin Katharina, aber nennen sie mich gerne Kathi", stellte ich mich vor und reichte ihm meine Hand. Seine war warm und sein Händedruck fest, wenn auch nicht schmerzhaft. Eigentlich konnte ich dieses Hände Geschüttel gar nicht leiden. Abgesehen davon, dass man meist entweder einen toten Fisch festhielt oder einem die Hand halb gebrochen wurde, übertrug das auch noch Krankheiten. Doch die sympatische Art dieses Mannes, wollte in diesem Fall keine Berührungsängste zulassen.

„Elias", stellte er sich vor, „freut mich Kathi",  sagte er lächelnd. Irgendetwas an diesem Mann machte mich nervös. Auf positive Weise. Ich knabberte an meinem Gebäck, um mich von einem dümmlichen Grinsen abzuhalten. Stattdessen musterte ich den Fremden genauer.

Er war ein wenig kleiner und schmaler gebaut als Gabriel und hatte blondes, kurzes Haar und herausstechende, freundlich blaue Augen.

Hoffentlich wurde ich nicht rot, verdammt.

Wenn doch, überging Elias es charmant. Er lächelte noch immer.

„Sie Arbeiten hier, Katharina?" stellte er mehr fest, als das er es fragte. Ich sah ja auch aus wie frisch aus dem Büro geschlüpft.

„Ja, in einer Anwaltskanzlei. Und Sie? Lassen Sie mich raten, Banker!" In diesem Teil Frankfurts lag man mit dieser Vermutung meist gar nicht schlecht. Er lachte und schüttelte jedoch den Kopf.

„Anwaltskanzlei? Sie dürfen mich gerne vor Gericht vertreten, wenn ich da mal landen sollte", sagte er und grinste verschmitzter. Kleine Lachfältchen an seinen Mundwinkeln und den Augen kräuselten die sonst ebenmäßige Haut.

„Nee" ich winkte ab, „Ich bin keine Anwältin. Ich bin Sekretärin." Auch wenn mein Arbeitsbereich jetzt gestiegen war.

Ich Anwältin. Pah! Den Tag damit zu verbringen, nach Möglichkeiten zu suchen, Dinge so zu drehen, dass sie zwar gesetzlich korrekt aber moralisch dennoch vollkommen daneben waren? Nein. Nichts für mich.

„Achso", er nickte und trank einen Schluck von seinem Kaffee, „Wohnen sie direkt in Frankfurt oder pendeln Sie?"

„Direkt in Frankfurt! Und Sie?"

„Auch direkt aus Frankfurt", sagte er.

Es vibrierte in der Brusttasche seines Jacketts, woraufhin er sich aufrichtete.

„Ich würde wirklich gerne noch weiter mit ihnen reden Katharina, aber meine Arbeit ruft."

„Oh, achso, ja", sagte ich und versuchte mir meine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Ob ich nach seiner Handynummer fragen sollte?

„Ich wünsche ihnen noch einen schönen, sonnigen Tag, Katharina." Verabschiedete er sich, wobei er eine Hand an meinen Oberarm legte und mir mit der anderen eine Visitenkarte reichte. Er zwinkerte mir zu und verließ dann das Café.

Ich starrte ihm hinterher. Meine Ohren glühten, dann begann ich doch zu grinsen. Dann warf ich einen Blick auf die Visitenkarte:

Elias Klein – Staatsanwalt

Staatsanwalt. Wie interessant!

Dann fiel mir meine Arbeit wieder ein und ich eilte zurück ins Büro.

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Na, wer ist das denn?

Addicted  - Schuld und SühneLies diese Geschichte KOSTENLOS!