3.20. Neue Leiden

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Meine Besucher sind etwa vor einer halben Stunde gegangen, es geht gegen 16:45 Uhr und ich erlebe die gleiche Situation wie gestern. An der Zellentür stehend, blicke ich nach draußen ins Leere und umklammere mit beiden Händen zwei rostige Stäbe. Meine Stirn drücke ich an zwei weitere Stäbe der Tür. Am späten Nachmittag steht die Luft, es ist brütend heiß und die Zelle gleicht einem Backofen. Minütlich steigt meine Ungeduld, einhergehend mit einem stetig zunehmenden unguten Gefühl in der Magengrube.

'Haben die Officers mich vergessen? Haben sie vergessen, dass sie mir das Telefonieren versprochen haben?' Mir ist bange zumute.

Hier ist niemand, den ich fragen oder Bescheid geben könnte.

Diese Hilflosigkeit, die Abhängigkeit von anderen, das Ausgeliefertsein. Die grauenvolle Erkenntnis in den persönlichen Entscheidungen und Rechten beschnitten und nicht mehr der eigene Herr über mich selbst zu sein. Festgenagelt in diesem unwürdigen Kerker, an diesem gottverlassenen Ort. Ein Ort an dem wirklich niemand sein möchte. Und noch ein ungutes Gefühl umklammert mich: Einsamkeit! Ich bin alleine in dieser Gruft. Meine Freunde und nicht zuletzt meine Familie fehlen mir. Das Reden, Scherzen, Lachen, die gemeinsamen spontanen Aktionen. Einfach Mal im Internet surfen, E-Mails schreiben, skypen, chatten, alles nicht mehr möglich. Nur noch auf Bitten und Goodwill der Polizei. Die Ungeduld schlägt in Ärger um, dennoch rüttel ich nur vorsichtig an der Gittertür. Es scheppert ein wenig. Aus den anderen Zellen höre ich das gewohnte leise Murmeln und Schnarchen, aber sonst keine weiteren Reaktionen.

Von der Straße und dem Platz vor dem Polizeigelände vernehme ich die Verkehrsgeräusche und das Lachen der Menschen, die sich wohl amüsieren. Da ist diese Kirmes auf dem Platz. Manchmal schreien die Leute, kleine und große, erfreut auf, jauchzen oder jubeln laut. Vielleicht spielen sie Bingo oder es kommt von den Jahrmarktsattraktionen. Traurig erinnere ich mich an die fünf Jungen, die ihren Eltern entrissen sind. Sie sind isoliert im Kinderheim des BSWD. Ich fühle mich an den Miseren der Familien schuldig.

"Es ist grausam! Warum nur veranlasst die Polizei die Isolation? Wenn die Kinder nicht gegen mich ausgesagt haben, gibt es doch dafür gar keine Gründe!", spreche ich leise zur Zellentür hinaus. "Ich werde die Polizistinnen dazu befragen und sie darum bitten, die Isolation aufzuheben. Möglicherweise wäre das die erste Aufgabe für einen Anwalt?" Ich sinniere und rede weiter mit mir selber: "Nein, ein Anwalt muss mich erst einmal rausbringen. Dann wird sich alles andere schon klären."

Vom Platz her wummern jetzt laut die Bässe. Die Disco läuft sich warm. Über den Tag wurden immer die gleichen schnulzigen Songs gespielt. Alte langsame Rockmusik wie Foreigner mit "I Wanna Know What Love Is" oder "Waiting For A Girl Like You." Dann Jennifer Rush mit ihrem schrecklichen Song "The Power Of Love." Auch habe ich auch schon mindestens fünfmal den Song der Scorpions "Wind Of Change" gehört. In der jetzigen Situation bin ich wahrlich nicht in der Stimmung, Musik zu hören. Und schon gar nicht dieses öde olle Geleier. Die Musik beginnt zu nerven. Die Bässe lassen von Zeit zu Zeit die Zelle, wie auch meinen Magen vibrieren. Weglaufen geht nicht. Beschweren, um die Bässe zu reduzieren oder die Musik leiser zu drehen, geht natürlich auch nicht. Etwas in die Ohren stecken? Aber was? Das würde dann auch nicht gegen die Bässe helfen.

'Die Welt dreht sich um sich und nicht um mich!', denke ich und weiter: 'Blödsinnige Gedanken."

'Wie können sich die Leute bei der Lautstärke unterhalten?', überlege ich verwundert. Da sind auch noch weitere Musikquellen. "Hotel California" von den Eagles wird von einem grauenhaft verzerrten und extrem schräg gegrölten 'Bridge Over Troubled Water" von Simon und Garfunkel überlagert. Eine Karaoke-Anlage!

Der tägliche philippinische Wahnsinn ist auf vollen Touren! Sollen sie!

Zwei Polizeischüler im Trainingsanzug eilen vorüber. Das ist die Chance! Ich wedel, um Aufmerksamkeit bemüht, wild mit den Armen: "Hallo, Ihr Zwei! Kommt mal her. Könntet Ihr bitte Ma'am Papillio, Ma'am Tolisan oder den Officers Sarang oder Pangutana Bescheid geben? Ich muss dringend meine Familie anrufen. Die Officers haben es versprochen."

Verdutzt und breit grinsend, kommen die jungen Männer zu mir. Ein Ausländer in Polizeigewahrsam, das hat man auch nicht alle Tage!

Einer der schlanken Kerle stottert überrascht: "Natürlich, Sir!"

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Nach bangen 30 Minuten stoße ich vor Erleichterung einen Freudenschrei aus. Officer Sarang eilt schnellen Schrittes und grinsend über den Hof.

Nun sitze ich glücklich mit meinem Samsung B2100 Handy auf der Sitzgruppe in Officers Büro.

'Vielleicht ist es gar nicht so verkehrt, dass ich erst jetzt, gegen 17:30 Uhr, das Handy nutze', überlege ich, 'da hat die Familie in Deutschland vielleicht schon einiges erreicht?'

Von Franco habe ich auch 200 Piso Load, also neues Guthaben erhalten. Schnell überfliege ich die SMS-Liste und informiere Marielou und Frank, den Deutschen im Dorf. Dann schreibe ich schnell an meine Freundin in Deutschland, an meine Schwester und an die Eltern, sie mögen bitte mit Skype zurückrufen.

Schon klingelt das Handy, aber es ist Marielou. Sie weint fast und schluchzt: "Tommy, was machst Du für Sachen? Bist Du schon entlassen, weil Du Dein Cellphone benutzt?"

Ich komme nicht zu Wort. Marielou spricht aufgeregt weiter: "Wie geht es den fünf Jungen im BSWD? Sind die Eltern noch in Tugalm City? Oder bei Dir, Tommy? Wir machen uns alle riesengroße Sorgen. Tommy, Jonathan und ich, wir waren schon bei Frank und bei Attorney Padernesto."

Jetzt setze ich zum Antworten an, aber Marielou redet ungebremst weiter: "Frank hat sehr komisch reagiert, aber wir wissen ja, dass der merkwürdig ist."

Eine kurze Atempause entsteht. Ich sage schnell: "Marielou, warte!"

Doch Marielou redet weiter: "Tommy, der Attorney Padernesto hat gesagt, wichtig sei was die Kinder sagen."

"Marielou, Marielou, warte! Ich bin noch nicht entlassen. Die Kinder haben nichts gegen mich ausgesagt. Wie auch? Ich habe doch nichts Schlimmes mit den Jungen gemacht. Also, Du weißt schon, Marielou, nichts! Und die Eltern und der Kagawad sind bereits auf dem Weg zurück ins Dorf. Nur Franco und Michael sind noch hier. Schlafen in der Kirche von Francos Pastor. Die Jungs sind isoliert. Aber ich werde die verantwortliche Polizistin fragen, ob die Isolation wirklich sein muss und ob die Eltern nicht doch ihre Söhne besuchen dürfen. Die Polizistinnen sind aber alle schon im Feierabend, außer ein netter Officer ist noch hier." Ich blicke zu Officer Sarang.

Marielou schneidet mir das Wort ab: "Tommy, ich will Dich besuchen. Ich habe aber kein Geld für den Bus."

"Gut, Marielou, kein Problem. Franco kann Dir gleich morgen Geld mit Western Union senden."

Ich höre, wie Marielou erleichtert die Luft ausstößt.

Im Lautsprecher tutet es: "Marielou, sorry, meine Mutter ruft an. Ich muss schnell Schluss machen.

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