3.20. Neue Leiden

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Dein Besuch ist etwa vor einer halben Stunde gegangen und jetzt erlebst du die gleiche Situation wie gestern. Du stehst, schauend und wartend, an der Zellentür. Deine Stirn hat sicherlich schon Abdrücke von den daumendicken Baurundstählen der Tür, so stark drückst du deinen Kopf dagegen. Mit beiden Händen umklammerst du zwei weitere schmuddelige und rostige Stäbe. Am späten Nachmittag steht die Luft und es ist brütend heiß. Die Zelle gleicht einem Backofen. Neben der Hitze ist sie rabenschwarz. Ihre Höhe misst nur etwa 2,20 Meter. Minütlich steigt deine Ungeduld, einhergehend mit einem stetig zunehmenden mulmigen Gefühl in der Magengrube.
'Hat man dich vergessen? Hat man vergessen, dass man dir versprochen hat zu telefonieren?' fragst du dich besorgt. Dir ist bange.
Hier ist niemand, den du fragen oder Bescheid geben kannst, stellst du frustriert fest.
Diese Hilflosigkeit, die Abhängigkeit von anderen, das Ausgeliefertsein. Das Gefühl in deinen persönlichen Entscheidungen und Rechten beschnitten und nicht mehr der eigene Herr über dich selbst zu sein. Festgenagelt in dieser unwürdigen Zelle, an diesem gottverlassenen Ort. Ein Ort, an dem man nicht sein sollte. Und noch ein ungutes Gefühl beschleicht dich: Die Einsamkeit. Alleine in dieser Gruft. Deine Freunde und nicht zuletzt deine Familie fehlen dir. Das Reden, das Scherzen, das Lachen, die gemeinsamen, spontanen Aktionen. Einfach mal im Internet surfen, E-Mails schreiben, Skypen, alles nicht mehr möglich. Nur noch auf Bitte und Goodwill der Polizei. Deine Ungeduld schlägt in Ärger um, dennoch rüttelst du nur vorsichtig an der Gitterstabtür. Es scheppert ein wenig. Aus den anderen Zellen hörst du das gewohnte leise Murmeln und Schnarchen, aber sonst keine Reaktionen.
Vom Platz vor dem Polizeigelände hörst du Menschen, die sich amüsieren. Manchmal schreien sie gemeinsam erfreut auf oder jubeln laut. Vielleicht spielen sie Bingo oder es sind Jahrmarktsattraktionen? Auch hörst du vom Platz das Jubeln und Jauchzen von Kindern. Traurig erinnerst du dich an die fünf Jungen, die jetzt nicht ihre Eltern sehen dürfen. Sie sind isoliert im BSWD. Du fühlst dich an deren Misere schuldig.
"Das ist grausam! Warum nur veranlasst die Polizei die Isolation? Wenn die Kinder nicht gegen dich ausgesagt haben, gibt es doch dafür gar keinen Grund", wunderst du dich und sagst das leise. Du nimmst dir vor, die Polizistinnen zu fragen, um sie darum zu bitten, die Isolation aufzuheben.
'Möglicherweise wäre das die erste Aufgabe für einen Anwalt?' Du überlegst weiter: "Nein, du bist es, der hier erst einmal raus muss. Dann wird sich alles andere schon klären.'

Vom Platz wummern die Bässe der Musik. Über den Tag und jetzt hörst du immer die gleichen schnulzigen Songs. Alte langsame Rockmusik wie Foreigner mit 'I Wanna Know What Love Is' oder 'Waiting For A Girl Like You.' Dann Jennifer Rush mit dem grauenhaften Song 'The Power Of Love.' Auch hast du schon mindestens fünfmal den Song von den Scorpions 'Wind Of Change' gehört. In der jetzigen Situation bist du wahrlich nicht in der Stimmung, Musik zu hören. Und schon gar nicht dieses öde Geleier. Die Musik beginnt dich zu nerven. Die Bässe lassen so einiges in der Zelle vibrieren wie auch deinen Magen. Weglaufen geht nicht. Beschweren, leiser machen oder abschalten lassen, geht auch nicht. Etwas in die Ohren stecken? Aber was? Das hilft auch nicht gegen die Bässe.
'Wie können sich die Leute da unterhalten?', wunderst du dich. Du machst auch noch eine weitere Musikquelle aus. 'Wind Of Change' wird von einem grauenhaft verzerrten und extrem schräg gegrölten 'Bridge Over Troubled Water' überlagert. Da ist zusätzlich auch noch eine Karaoke-Anlage.

Zwei Polizeischüler im Trainingsanzug eilen vorüber. Das ist deine Chance! Du wedelst, um Aufmerksamkeit bemüht, wild mit den Armen: "Hallo, Ihr Zwei! Könnt Ihr bitte Ma'am Papillio, Tolisan oder dem Officer Sarang oder Pangutana Bescheid geben? Ich muss dringend meine Familie anrufen. Die Polizisten haben es versprochen."
Verdutzt und breit grinsend schauen die jungen Männer zu dir herüber. Ein Ausländer in Polizeigewahrsam, das hat man nicht alle Tage!
Einer der schlanken Kerle stottert überrascht: "Natürlich, Sir!"

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Nach bangen 30 Minuten stößt du vor Erleichterung einen Freudenschrei aus. Officer Sarang eilt schnellen Schrittes und grinsend über den Hof.

Nun sitzt du glücklich mit deinem Samsung B-2100 Handy auf der Sitzgruppe in Officer Sarangs Büro.
'Vielleicht ist es gar nicht so verkehrt, dass du erst jetzt, gegen 17:30 Uhr, das Handy benutzt', freust du dich gedanklich, 'da hat deine Familie in Deutschland vielleicht schon einiges erreicht?'
Du hast auch 200 Piso Load von Franco erhalten. Schnell überfliegst du die SMS-Liste. Du informierst Marielou und Frank, den Deutschen. Dann schreibst du schnell an deine Freundin in Deutschland, deine Schwester und deine Eltern, sie mögen bitte mit Skype zurückrufen.

Schon klingelt das Handy. Es ist Marielou. Sie weint fast: "Tommy, was machst Du für Sachen? Bist Du entlassen, weil Du dein Cellphone benutzen kannst?"
Du kommst nicht zu Wort. Marielou spricht aufgeregt weiter: "Wie geht es den fünf Jungen im BSWD? Sind die Eltern noch in Tugalm City? Bei Dir, Tommy? Wir machen uns alle riesengroße Sorgen. Tommy, Jonathan und ich, wir waren schon bei Frank und bei Attorney Padernesto."
Du setzt zum Antworten an, aber Marielou redet ungebremst weiter: "Frank hat sehr komisch reagiert, aber wir wissen ja, dass der merkwürdig ist."
Eine kurze Atempause entsteht. Du kannst: "Marielou, warte", sagen, da fährt Marielou fort: " Der Padernesto sagt, wichtig sei, was die Kinder sagen."
"Marielou, Marielou, warte! Ich bin noch nicht entlassen. Die Kinder haben nichts gegen mich ausgesagt. Wie auch? Ich habe doch nichts Schlimmes mit den Jungen gemacht. Also, Du weißt schon, Marielou, nichts! Und die Eltern und Kagawad sind bereits auf dem Weg zurück. Nur Franco und Michael sind noch hier. Bleiben in der Kirche von Francos Pastor. Die Jungs sind isoliert. Aber morgen will ich die verantwortliche Polizistin fragen, ob die wirklich isoliert bleiben müssen. Die sind alle schon im Feierabend, außer ein netter Polizist ist noch hier." Du blickst zu Officer Sarang.
Marielou schneidet dir das Wort ab: "Tommy, ich will Dich besuchen. Ich habe aber kein Geld für den Bus."
"Gut, Marielou, kein Problem. Franco kann Dir gleich morgen Geld mit Western Union senden."
Du hörst, wie Marielou erleichtert die Luft ausstößt.
Im Lautsprecher tutet es: "Marielou, sorry, meine Mutter ruft an. Ich muss Schluss machen.

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