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„Worüber?" Fragte ich und ging einfach los. Er folgte mir mit hinter dem Rücken verschränkten Armen. Offenbar meinte er es ernst. Er antwortete mir nicht gleich, sondern lief einfach neben mir her. Was wollte er von mir? Ich sah seitlich zu ihm hinauf. Seine Augen wirkten müde, traurig und irgendwie verletzlich. Die Schultern hingen leicht herab und die Lippen waren aufeinander gepresst.

Je länger ich ihn betrachtete, umso mehr wurde mir klar, das neben mir gerade ein verwundbarer Mann ging. Er war nicht bedrohlich, nicht wütend, nicht überlegen. Nein, er wirkte verletzlich.

„Ich weiß, du denkst ich wäre ein furchtbarer Ehemann..."

„Ja." Die Samthandschuhe ließ ich ja prinzipiell zu Hause.

Chris schloss kurz die Augen und atmete tief ein.

„Ich habe Angst, dass ich meine Ehe zerstöre. Ich weiß, dass ich Marie vor allem beschützen sollte. Aber inzwischen bist du diejenige die sie vor mir beschützt. Es ist nicht so, dass ich nicht mitkriege, was passiert. Ich weiß, dass ich ab und zu die Kontrolle verliere."

Bitte was? Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts!

„Ab und zu? Sag das nicht so, als wäre es eine Lappalie. Marie kam grün und blau geschlagen zu mir." Ich spürte Wut in mir aufkochen. „Du hast deine eigene Frau Misshandelt, weil du deine Finger nicht vom Alkohol lassen kannst. Sie ist die liebenswerteste Person auf der Welt und ein Wichser wie du hat sie nicht ansatzweise verdient!" Fuhr ich ihn an und ballte die Hände zu Fäusten.

„Ich weiß, Kathi, ich weiß!!" Flüsterte er und fasste sich mit den Händen in die dunklen Haare. Zog an ihnen, als wolle er sie sich ausreißen.

„Ich kann nicht anders. Ich halte es nicht aus! Ich ertrage es oft einfach nicht ohne Alkohol."

„Was erträgst du nicht?" Zischte ich, „Deine wunderbare Frau und deinen lieben Sohn? Ja! Das ist wirklich unzumutbar, so eine tolle Familie!"

„Nein", wimmerte er beinahe und strich sich mit den Handflächen über das Gesicht, als er stehen blieb. „Die Erinnerungen. Die Bilder. Und mein Versagen", offenbarte er mir und ich blieb ebenfalls stehen. Irritiert zog ich die Stirn kraus.

Er ließ mich nicht lange warten, ehe er weiter sprach und mir schreckliche Dinge offenbarte.

„Ich habe alles falsch gemacht...!" Er kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf, immernoch mit den Händen in seinen Haaren.

„Es war vor ein paar Jahren. Ich war im Dienst und hatte gerade eine Aussage in einem Strafprozess gemacht und wollte das Gerichtsgebäude wieder verlassen, als ich Schreie aus dem Treppenhaus hörte, gefolgt von einem Schuss. Der Knall schien durch das ganze Gebäude zu hallen. Ich zog meine Waffe und rannte los. Ich lief die Treppe hinauf. Als ich zwei Etagen nach oben gesprintet war, sah ich eine Frau auf dem Boden liegen. In ihrem Blut. Man hatte ihr in den Kopf geschossen. Mir liefen panisch schreiende Menschen entgegen, sie rämpelten mich an, versperrten mir die Sicht. Ich fragte mich, ob es ein Amokläufer war? Doch ich hörte keine weiteren Schüsse. Ich lief in die Etage hinein in der die Frau lag, als letztlich doch ein weiterer Schuss fiel. Ein Mann sackte zu Boden, in den Armen hielt er ein kleines Mädchen. Ein weiteres, etwas älteres Kind lief auf mich zu. Suchend sah ich mich nach dem Schützen um. Viele Menschen rannten die Treppe hinab, oder liefen aus der Etage heraus. Sie wusste nicht wer geschossen hatte. Dann entdeckte ich einen Mann mit Pistole. Ich erinnere mich noch genau an den unsagbaren Zorn in seinen Augen. Der Lauf der Pistole folgte dem rennenden Mädchen. Er folgte ihm, wie ein Raubtier seiner Beute. Sie wollte zu mir. Sie wollte zu mir, weil ich ein Polizist bin. Ich sollte sie retten. Ich rief dem Mann zu, dass er die Waffe fallen lassen soll. Das...", Chris brach ab und atmete zitternd ein. Nun liefen ihm Tränen über die Wangen. Dieser große, respekteinflößende Polizist weinte vor mir. „Ich hätte schießen sollen. Nein, ich hätte schießen müssen. Warum hab ich gezögert? Wenn ich nur schneller gehandelt hätte, dann wär alles anders gewesen. Aber ich hab nicht geschossen. Sondern er. Ein Ruck ging durch das Mädchen und es stolperte auf mich zu. Ich war so geschockt. Ich konnte nicht logisch handeln. Ich bin darin ausgebildet, Katharina. Ich bin darin ausgebildet in solchen Situationen einen klaren Kopf zu bewahren. Doch ich konnte nicht. Ich hatte kein freies Schussfeld. Und ich hatte Angst. Dann schoss ich endlich. Viel zu spät. Und ich traf ihn zwei mal. Er ließ die Waffe fallen und ging in die Knie. Das Mädchen stolperte gegen meinen Bauch und brach zusammen. Ich sank zu ihr herab. Sie krallte sich in meine Uniform und sah zu mir hinauf. Ich...ich drückte sie an mich. Ich sagte ihr, dass sie keine Angst haben musste. Ich sagte ihr, dass alles gut werden würde. Doch das Blut, das über meine Hände floss, als ich sie festhielt, zeigte mir, das es nicht wieder gut werden würde. Dann spürte ich einen heftigen, brennenden Schlag gegen meine Schulter, der mich ein Stück zurück warf. Ich war getroffen. Eine zweite Kugel durchdrang den Körper des Mädchens schlug dann in meine schusssichere Weste ein. Dann war alles dunkel. Ich wachte erst im Krankenhaus wieder auf, Tage, nachdem es passiert war. Später erfuhr ich, dass ich ihn nicht tödlich getroffen hatte. Er hatte noch auf mich und das Mädchen schießen können, ehe er sich die Pistole selbst in den Mund gesteckt und sich erschossen hat."

Addicted  - Schuld und SühneLies diese Geschichte KOSTENLOS!