~5~

297 29 5




„Atmen Josh!", mein Herz raste vor Panik, als ich versuchte, ihn aufzuwecken. Immer wieder klopfte ich ihm auf die Wange oder strich mit energischem Druck seine Arme hinauf und hinab. Doch er kam einfach nicht zu sich. „Josh..." Seine Augen öffneten sich nicht. „Du musst Atmen Josh, atmen!", ermahnte ich ihn verzweifelt. Immer wieder hörte er einfach damit auf.
Es war sehr schwer gewesen, den schlaffen, schweren Körper auf die Seite in die stabile Seitenlage zu bringen.Wieso hatte er das getan? Sein Gesicht war Kreidebleich und seine Lippen nahmen mehr und mehr einen leicht bläulichen Schimmer an, je länger die Atempausen wurden. Er musste durchhalten. Er musste es einfach schaffen. Ich lehnte mich zu ihm herab, streichelte ihm über die Arme, lehnte meine Stirn gegen seine Schläfe. „Nicht aufgeben Josh. Hörst du? Nicht aufgeben." sprach ich zu ihm, als wäre es eine Beschwörungsformel. Ihn so zu sehen ließ meine Gedanken rasen. Der lustige, verrückte und starke Josh. Der trotz seiner lockeren Art immer die Kontrolle über sich und alle um sich herum hatte. Er lag hier in einer so ausgelieferten Position. Auf der Schwelle zwischen Leben und Tod. Tod. War das seine Absicht gewesen? War es eine versehentliche Überdosis?

„Josh, sei bitte ehrlich zu mir: nimmst du Heroin?"
„Nicht mehr. Das letzte Mal ist schon über sechs Jahre her. Ich war ... ziemlich am Ende. Wenn ich nicht aufgehört hätte, würde ich jetzt wohl nicht mehr hier stehen. Ich verticke es zwar noch, aber nehme es nicht mehr selbst. Auch ... wenn die Verlockung echt groß ist."

War die Verlockung heute zu groß gewesen? Was war es das ihn dazu gebracht hatte sich nach so vielen Jahren wieder eine Nadel zu setzten? War etwas schlimmes passiert? Hatte er es bei seinem Wunsch nach Spaß einfach übertrieben? Oder war es seine Angst vor Gabriel? Nein, er hatte ja selbst gesagt, dass sie nichts zu befürchten hatten, jetzt wo er in England war.
„Gehen Sie zurück!" wurde ich aufgeschreckt als zwei Sanitäter durch die, vom Barkeeper geöffnete Tür, herein kamen und sich gleich um Josh kümmerten. Wie in Zeitlupe trat ich von ihm zurück, umfasste meinen Oberkörper mit meinen Händen und starrte auf das Geschehen, als wär ich gar nicht wirklich anwesend. Auf einer Liege wurden ihm weitere Nadeln in den Arm gestochen, Infusionen, Beatmung. Sie sprachen immer wieder auf ihn ein.„Herr Van der Linden, hören Sie uns? Wir legen Ihnen jetzt Infusionsnadeln, Herr Van der Linden, wir werden Sie jetzt in den Krankenwagen bringen. Herr Van der Linden, wie viel Milligramm Heroin haben Sie sich gespritzt? Können Sie uns verstehen? Drücken Sie mit der linken Hand fest zu. Können Sie meine Hand greifen? Wir heben Sie jetzt hoch..." mittlerweile öffneten sich Josh's Augen immer wieder kurz. Er schien jedoch nichts wahrzunehmen. Er konnte keiner der Aufforderungen folge leisten, welche die Sanitäter hatten, während sie ihn zum Transport bereit machten. Als sie ihm die Ärmel an beiden Seiten abschnitten, um eine geeignete Stelle für die Infusionsnadeln zu finden, erkannte ich unzählige Narben. In den Armbeugen, an den Handgelenken. Überall, wo man eine Nadel setzen konnte, war wohl schon eine gewesen. Es waren Narben, die wohl von seiner Zeit als Heroin-Junkie stammten.

Gott Josh, was hast du dir in deinem Leben schon angetan?

Ich wäre gerne mit ihm mitgefahren, doch ich würde den Sanitätern nur im Weg stehen.Als die Tür geschlossen wurde und ich allein in seinem Büro zurück blieb sank ich erschöpft zu Boden. Ich starrte auf den Punkt, an dem eben noch Josh gelegen hatte.
Ein freudiger Besuch. Ein Besuch, an dem ich ihm glücklich berichten wollte, dass es in meinem Leben endlich wieder bergauf zu gehen schien. Fröhlich und motiviert hatte ich sein Büro betreten und im ersten Moment hatte ich nur ungläubig auf den regungslosen Körper herab gestarrt. Es war so unwirklich. Die Spritze, die am Boden lag. Das Band um seinen Oberarm. Sein blasses, krankes Gesicht. Das alles in dieser Umgebung, in der ich wusste, welche Geschäfte hier getrieben wurden. Was hier Tag für Tag geschah. Es war absolut passend! Es war wie die Endszene aus einem Drogendrama, in welchem der Antagonist am Ende des Films, letztendlich dem erlag, was er anderen verkauft hatte. Ich hatte nicht gleich reagieren können. Nachdem ich den Krankenwagen und Robert verständigt hatte, hatte ich mich gleich zu ihm gekniet. Ich hatte ihn in die stabile Seitenlage gebracht, wohl wissend, dass ich sonst nichts tun konnte. Außer ihm beizustehen. Ihn zu streicheln. Ihm gut zuzusprechen. Ich hatte die Hoffnung, ihn mit meinen Worten in dieser Welt halten zu können. Ihn am Leben halten zu können.Ich war es so satt in hilflosen Situationen zu sein. Nichts gegen das tun zu können, was passierte. Auch jetzt würde ich nur Warten können. Warten und hoffen, dass Josh wieder auf die Beine kam. Dass keine Schäden bleiben würde. Warten, ob er überhaupt jemals wieder die Augen aufschlug.

_____________

Wie versprochen das zweite Kapitel heute, mit der Aufklärung!
Was glaubt ihr ... warum er das getan hat ? War es Absicht ?

Addicted  - Schuld und SühneLies diese Geschichte KOSTENLOS!