3.17. Marielou und der Deutsche

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Marielou eilt schnellen Schrittes und zielsicher durch ein Gewirr von engen Gassen und kleinen Plätzen. Ein echter Irrgarten. Der besteht aus schiefen unverputzten Mauern und einfachen Hütten, die aus feuchtem Bambusrohr gebaut sind. Die Wände und Dächer der Hütten bestehen aus dünnen geflochtenen Blätter der Nipapalme. Hinter den dünnen Wänden hört Marielou beim Vorüberhuschen Frauen, Männer, Kinder, Babys, Musik, Hühner und Hunde. Sie eilt vorbei an offenen Schweineställen und Hühnergehegen. Sie passiert kleine Plätze mit ein oder zwei Palmen. Dazwischen Wäscheleinen mit triefender und oft löchriger Wäsche. Sie eilt vorbei an kleineren und größeren Müllhalden. Müll liegt eigentlich überall herum. Endlich tritt sie aus dem engen Labyrinth heraus und betritt den staubigen und flirrend-heißen Platz mit dem alten koreanischen Gebäude, dem Waiting-Seat und dem verschlissenen Basketballnetz.

Auf der Rampe im Schatten des alten koreanischen Gebäudes (früher war es einmal eine Streichholzfabrik) trifft Marielou auf ihre  Freunde Jonathan Restito (ein älterer Bruder von Sam Restito), Editho und Fernando. Sie sind alle etwa im gleichen Alter wie Marielou und kennen sich seit ihrer Geburt. Die Jungen werfen gelangweilt Kiesel auf den trockenen Boden. Beim Auftreffen erzeugen die Steine Staubwolken, die wie kleine Explosionen aussehen.
Jonathan springt auf: "Marielou, Lou, hast Du gehört? Tommy verhaftet, mein Bruder Sam und vier weitere Jungs im BSWD!"
"Ja, klar habe ich davon gehört, alle sprechen davon. Zwei Cousins von Ning und zwei meiner Cousins sind darunter", antwortet atemlos und leicht genervt Marielou.
"Und unser Sam", stöhnt Jonathan und lässt die restlichen Kiesel hinter seinem Rücken fallen.
Marielou schüttelt den Kopf. Mit Sorgenfalten auf ihrer hübschen Stirn erwidert sie frustriert: "Verdammt, ich kann das nicht glauben! Tommy verhaftet, warum nur?"
Der hochgeschossene spindeldürre Editho antwortet schnell: "Wissen wir auch nicht, Lou. Wir waren fischen. Haben den Fernsehbericht verpasst."
Fernando, der trotz seiner 18 Jahre immer noch die gebrochene Stimme eines 15-jährigen hat, fügt traurig hinzu: "Haben aber kaum was gefangen. Reichte gerade fürs Frühstück. Nix zum Verkaufen. Wir sind pleite."
"Wie immer", stellt Marielou fest. "Macht Euch nichts draus, ich auch, ich bin auch pleite." Sie wird unruhig: "Wisst Ihr, ob Frank in seinem Haus ist?"
"Nö, Lou", antwortet Jonathan.
Marielou ist nun verzweifelt. Sie gestikuliert heftig, während sie spricht: "Egal, ich geh' da jetzt hin. Frank ist auch Deutscher. Vielleicht weiß der, was zu tun ist? Wir müssen etwas tun, etwas unternehmen, Tommy helfen. Ich kann doch nicht untätig herumsitzen, während der Tommy in der Zelle schmort."
Jonathan reibt sich die staubigen Hände an der schmutzigen kurzen Hose. Weder Hände noch Hose werden dadurch besser. Er ist entschlossen: "Ich komme mit. Tommy muss raus, also raus aus dem Knast!"
Editho und Fernando wollen ebenfalls Marielou begleiten, doch die winkt ab: "Das könnt Ihr vergessen. Der Frank ist da komisch, mehr als Zwei lässt der eh nicht in sein Haus. Wisst Ihr doch."

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Nun sitzen die zwei Teenager im Obergeschoss auf der überdachten Veranda im Haus des Deutschen und blicken auf ein kurzes Stück Strand, die Flussmündung, Mangroven und das offene Meer. Wenn Tommy das Haus bewohnt, sitzen Marielou, Jonathan und viele ihrer Freunde oft hier. Zum griesgrämigen Frank haben beide keine so innige Freundschaft, wie zu Tommy.
Marielou stellt fest, dass Frank in jeder Hinsicht das Gegenteil von Tommy ist: Der kräftig gebaute Tommy und als Gegensatz dazu der fast zwei Meter lange, schlaksige Frank. So schlank, dass es krank wirkt. Tommys immer frech grinsendes gesundes Gesicht mit vollen Wangen. Frank dagegen mit tiefen, dunklen Ringen unter den Augen, so, als habe er ständig zu wenig Schlaf und dann die immer hängenden Mundwinkeln. Tommy ist gutherzig und freigiebig. Frank interessieren andere Menschen und deren Sorgen und Nöte nicht. Davon zeugt auch der meterhohe Zaun, der das kleine Grundstück umgibt. Der größte Unterschied, stellt Marielou immer wieder fest, sind die Mentalitäten der beiden Deutschen. Tommy lacht gerne, reißt ständig Witze, ist an allem und jedem interessiert. Frank dagegen hat fast immer schlechte Laune und will mit der Dorfbevölkerung so wenig wie möglich zu tun haben.

Frank, der Mittvierziger, kommt rauchend die Treppe hoch und setzt sich zu den unsicheren Teenagern. Nun schlürfen sie undefinierbaren bitteren Eistee. Frank zündet sich die zweite Zigarette der Billigmarke 'More' an.
Marielou ist unklar, ob Frank wieder einmal schlechte Laune hat, denn der blickt sie und Jonathan mit finsterer Miene an und sagt: "Tommy, der Idiot. Reist mit fünf Affen nach Tugalm City. Warum kommt der nicht am gleichen Tag zurück?"
"Das wissen wir auch nicht, Frank", erwidert Marielou zerknirscht.
"Hast Du die Nachrichten gesehen, Frank?", fragt Jonathan freundlich.
"Ich habe keine Glotze, brauche ich auch nicht. Eh nur Müll drin. Hab die Story aber vorhin vom Nachbarn erzählt bekommen. Die zerreißen sich bereits die Mäuler darüber."
Frank bläst scharf blauen Zigarettenrauch aus, zieht die Nase hoch und spuckt vom Balkon.
Marielou dreht sich angewidert zur Seite. Sie weiß nicht so recht, auf Franks unfreundliches Verhalten ihnen gegenüber zu reagieren und beschließt, es einfach zu ignorieren: "Hast Du eine Idee, wie wir Tommy helfen können?"
Frank schnippt die Zigarette über die Balkonbrüstung und antwortet barsch: "Gar nicht! Egal, ob im Hotel was passiert ist oder nicht, die werden diese Story ordentlich aufblasen und Tommy vor Gericht zerren! Hallo, Marielou! Der ist Ausländer. Da glauben doch sofort alle, dass da was zu holen ist. Das dauert ab jetzt sieben Jahre." Frank lacht hämisch.
Marielou ist wieder unsicher. Scherzt der Deutsche oder meint der sein böses Gerede ernst?
Sie stottert: "Aber ist Tommy nicht Dein Freund, Frank?"
"Marielou, was sollen wir denn jetzt tun? Mit fünf Äffchen im Hotel. Wie bescheuert ist das denn? Nee, da muss er sich selber helfen. Was jetzt passiert, ist doch klar. Die Polizei und die Medien werden bald hier aufkreuzen. Dumme Fragen stellen. Aha, hier hat der Heger also auch gelebt. In diesem Haus. In meinem Haus! Dann ist Schluss mit Einsamkeit und Paradies. Die Hölle wird hier losbrechen. Aber ich bin dann weg. Gut, dass ich noch ein Haus in den Bergen habe."
Marielou und Jonathan sind entsetzt. Marielou weiß nicht zu antworten und trinkt, aus Verzweiflung, den bitteren Tee.
"Aber wir müssen was tun", ruft Marielou panisch. "Tommy gibt Geld für meine Schule und für Jonathan auch." Jonathan nickt kaum merklich und schaut aus, als würde er gleich heulen.
Frank Gesichtszüge entspannen sich etwas: "Das weiß ich doch! Ihr könnt zu Attorney Padernesto gehen. Der kennt sicherlich Rat. Was Tommy braucht, ist Geld, viel Geld, um aus der Geschichte herauszukommen."
Der Deutsche beugt sich vor, zündet sich noch eine More an, inhaliert und wiederholt nachdrücklich und schief grinsend: "Viel Geld!"
"Was ist mit der Botschaft, können die nicht helfen?", versucht es Marielou noch einmal.
"Die Polizei wird die Botschaft schon informieren. Dann werden wir sehen, ob die was tun können", antwortet Frank desinteressiert und fügt hinzu: "Geht zu Padernesto, der ist Attorney, soweit ich gehört habe, der Beste. Ich fahre 'eh gleich mit meinem Motorrad nach Sendong, ich kann Euch mitnehmen und hinbringen. In 30 Minuten am Waiting-Seat?"
Marielou und auch Jonathan sind erleichtert, das Gespräch ist beendet.
"Gut", seufzt Marielou, "in 30 Minuten am Waiting-Seat."

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