3.16. Nackt im Hotel • Deine Story

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Beim Kommen umarmen dich die Mütter kurz und nicht zu innig. Lang und Rica schluchzen, Vicente weint leise. Die Gesichter der Frauen sind verheult. Du blickst in gerötete Augen. Die Männer begrüßen dich mit Handschlag, ohne dir dabei in die Augen zu schauen. Das ist hier so üblich.

Jetzt sitzen die Eltern auf umgedrehten Colakisten oder auf den wenigen schmuddeligen und wackeligen Kunststoffstühlen. Etwas abseits die Teenager Silas und Mikel-Loy. Sie hocken recht bequem auf dem Boden, in der typischen asiatischen Haltung, die Knie an der Brust und den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt. Sie starren, zeigen und flüstern über den Zustand und den Müll in der Zelle.

Franco und Kagawad Jacub Castro sind immer noch nicht von den Besorgungen zurück. Du beginnst dir Sorgen zu machen. Immerhin tragen sie deine VISA-Karte bei sich.

Es herrscht betretenes Schweigen und eine bedrückende Stille. Die Mütter schluchzen noch ein wenig. Die überschwängliche Freude von der Begegnung vor kurzer Zeit ist dahin.

'Die Polizistinnen haben den Eltern wohl noch einmal ordentlich zugesetzt', deutest du gedanklich den Stimmungswandel. Mit der rechten Sandale malst du eine kleine Acht auf den schmierigen Betonfußboden. Du bist unsicher und du überlegst nervös: 'Wie kannst du das Gespräch beginnen? Sollst du dich zuerst einmal entschuldigen?' Dann kommen dir als Antworten in den Sinn: 'Für was Entschuldigen? Vielleicht für den Stress, den du den Eltern bereitet hast? Für die isolierten Kinder im BSWD?'

Du blickst auf. In den Gesichtern von Romolo, Vicente und Michael liest du Freude über das Wiedersehen. Aber auch eine gewisse Erwartungshaltung an dich. Matthew und Ernesto haben undurchdringliche Mienen. Unmöglich dort hinter die Fassade zu schauen. Den Frauen Lang und Rica stehen Trauer und Verzweiflung in den Gesichtern. Zwischen dem Putzen und Schneuzen der Nasen blicken sie immer wieder ungläubig und scheu zu dir.
Michael kramt umständlich Zigaretten und Feuerzeug aus der verschlissenen Jeans und bietet dir breit grinsend eine Marlboro an. Du nimmst erleichtert und dankend an, obwohl dein Nikotinspiegel im Körper schon toxisch sein muss. Auch Michael, Matthew, seine Ehefrau Lang und Romolo zünden sich eine an.
Das Rauchen schafft Gemeinschaft, das Eis ist gebrochen. Du bläst den Rauch in den blauen wolkenlosen Himmel und versuchst lässig zu klingen: "Oh, Mann, ist das alles anstrengend!"
Michael nickt heftig, so dass sein dichter Zopf hektisch umherwirbelt. Romolo und Matthew beginnen breit zu grinsen. Die Frauen atmen ruhiger, das Schluchzen wird weniger. Nur Ernesto hat noch ein bitteres Gesicht.
Mit tiefer Stimmer eröffnet er das Gespräch: "Ja, das kann man wohl so sagen, anstrengend."
Du scharrst nervös mit der Sandale auf dem Boden und raufst dir das Haar: "Tschuldigung, mir tut das alles sehr leid. Ihr macht eine Menge durch. Und - verdammt noch mal - die Kinder isoliert im BSWD."
"Tom, es ist besser nicht zu fluchen", ermahnt dich Ernesto. Seine Frau Rica nickt zustimmend. Von den anderen keine Reaktionen. Nur Michael grinst noch breiter als zuvor. Die Teenager verdrehen die Augen.
"Ja, natürlich, Ernesto, sorry."
Ricas Gesicht hellt sich auf: "Wir sind alle sehr froh, Dich zu sehen, Tommy."
Vicente, die neben dir Platz genommen hat, umschließt plötzlich deine Hände mit ihren Händen: "Tommy, Deine Hände sind kalt. Silas und Mikel-Loy sollten sie Dir massieren."
Sie holt eine kleine Flasche Efficascent Oil aus ihrer kleinen Handtasche. Schon hocken die Teenager links und rechts neben dir und beginnen zu massieren. Das tut gut, stellst du fest.

"Wir werden das schon überstehen. Alles hat einen Anfang und ein Ende, Tommy", sagt Lang leise und wischt sich Schweiß von der Stirn. Sie klingt kaum überzeugend.
Michael dagegen ist fröhlich: "Wir haben den Kindern Essen gekocht. Also doppelt gekocht, erst wir, dann Rica." Traurig fügt er hinzu: "Ich durfte noch rein ins BSWD, aber Rica schon nicht mehr."
Rica wirkt, als weine sie gleich. Sie flüstert: "Ich habe schon einmal ein Kind verloren."
"Rica, wir haben Sam nicht verloren", erwidert ihr Mann Ernesto in milden Tönen. Er wiederholt Langs Worte: "Alles hat einen Anfang und ein Ende."
Rica blickt zu Boden, bleibt still und schneuzt sich die Nase.
"Tommy, Du tätest gut daran, dich fachmännisch beraten zu lassen. Ich habe schon mit Padernesto, meinem Cousin telefoniert. Der würde aus Sendong herkommem."
"Padernesto?"
"Ja, Tommy, Attorney (Anwalt) Padernesto", antwortet Matthew für Ernesto schnell.
"Danke, Ernesto, Du hast recht! Ich brauche einen Attorney. Franco hat vorhin auch von einem Attorney gesprochen. Der soll aber von hier, von Tugalm City, sein."
Ernesto antwortet angewidert und verächtlich: "Attorney De Baron, der Rechtsverdreher. Tommy, dessen schlechter Ruf reicht bis Sendong City!"
Rica, Lang und Matthew nicken aufgeregt. Vicente, Michael und Romolo zeigen keine Reaktionen.
Dann räuspert sich Vicente doch. Sie schaut sich unsicher und hilfesuchend um. Die Worte fallen ihr sichtlich schwer: "Tommy, die Polizistinnen haben da etwas Komisches erzählt..."
Ernesto fällt Vicente ins Wort. Er wird laut: "Auch deshalb brauchst Du den Attorney, Tommy"
Du wirst nervös, dir wird heiß und du beginnst zu schwitzen: "Was Komisches erzählt?", wiederholst du mit erstickter Stimme.
Lang hat plötzlich einen roten Kopf, auch sie schwitzt. Sie stöhnt und sagt dann schnell: "Die Kinder seien nackt im Hotel gewesen und haben an ihren, na ja, also, an ihren Schniepel gespielt."
Das Wort "Schniepel" lässt die Anwesenden breit grinsen. Silas und Mikel-Loy kichern leise.
Ernesto bleibt ernst und die aufkeimende gute Stimmung ist damit sofort dahin: "Tommy, die Polizistinnen sagen, Du hättest das nicht unterbunden und Dich daran ergötzt." Ernesto wird strenger und eindringlicher. Er gestikuliert heftig bei seinen Worten mit der rechten Hand: "Tommy, die Polizistinnen haben vom Onanieren gesprochen und Du hättest zugeschaut und Dich daran ergötzt."

Die Teenager kichern leise und massieren. Die Eltern schauen dich an und erwarten deine Antwort. Du jedoch musst zunächst einmal das Gehörte verarbeiten und schüttelst unwillig den Kopf. Plötzlich ist dir die Handmassage unangenehm.
Du stotterst: "Onaniert, ergötzt? Ich habe das nicht unterbunden? Aber ich habe den Kindern doch gesagt, sie sollen damit aufhören. Ich war draußen und habe am Computer gespielt. Also, als ich in den Raum zurück gekommen bin, da waren einige nach dem Duschen nackt. Wie Kinder nunmal so sind. Die haben zuvor auf den Betten getobt. Ich habe das Brüllen gehört. Dann war plötzlich Ruhe und ich dachte, schau mal was da los ist. Und da liegen die also auf dem Bett und spielen mit ihren Schniepel. Ich habe gelacht und gesagt: "Schluss jetzt." Bin dann aber erst mal aufs Klo, hatte wohl zu viel Kaffee."
Rica ist nun voller Eifer: "Aber die haben im Fernsehen erzählt, Du bist im Bad gewesen, als die nackt geduscht haben."
Du schüttelst die rechte Hand, Silas lässt los und du kannst dir endlich mit einem kleinen Tuch den Schweiß vom Gesicht wischen. Silas setzt ungerührt die Massage fort.
"Das war zuvor, Rica", antwortest du heiser, "Aboy und Dan haben plötzlich so laut gebrüllt, dass ich es bis vor dem Cottage hörte. Bin sofort rein, dachte einer sei hingeknallt auf den rutschigen Fliesen. Es war dann aber nur das Wasser der Dusche. Es war kochend heiß. Der Dan ist aber schnell raus. Bin dann auch raus aus dem Bad. Aboy hat mich zurückgerufen. Wollte was über die Dusche wissen. Eine Dusche, wo die Strahlen verändert werden können." Du blickst zu den beiden Teenagern: "Eine Massagedusche! Ich habe dann Shampoo vor dem Bad gefunden. Dann habe ich Aboy die Dusche erklärt. Die Badtür war immer offen. Jan kam rein, hat gepinkelt. Ich saß auf dem Hocker. Aboy hat gesagt, er fürchte sich allein im Bad, wolle aber auch duschen. Dann habe ich ihm beim Abtrocknen geholfen und bin schnell raus. Den Laptop, draußen vor der Cottage, den hatte ich total vergessen. Wo ich zurück durch das Zimmer bin, lagen die unter den Decken und grinsten breit. Ich fragte: "Habt ihr eure Unterwäsche angezogen?" Aber die grinsten bloß. Gut, ich bin dann schnell raus aus dem Raum, weil der Laptop draußen vor dem Cottage ohne Aufsicht war."

Die Gesichter der Eltern sehen nun, nach deinen Ausführungen, deutlich entspannter aus. Die Männer und du, ihr zündet euch noch eine an. Sogar Ernesto raucht eine mit. Auch Lang greift zu.
Ernesto ergreift das Wort: "Gut, Tommy! Erzähle das den Polizistinnen. Die Geschichte wird schon von denen verdreht!"
"Ha!", ruft Michael, "genauso verdreht, wie die es brauchen." Vom verschluckten Zigarettenrauch hustet er, lacht aber dennoch ein herzliches, ehrliches Lachen.
Romolo grinst schräg und stöhnt: "Ja, so wie die es brauchen."
Matthew inhaliert tief und raunt beim Ausatmen: "Das ist doch immer so. Einer erzählt etwas und der Letzte erzählt dann eine ganz andere Geschichte."
Vicente tut so, als bete sie: "Tommy, wir müssen trotzdem vorsichtig sein. Das mit den Attorneys ist eine richtige und gute Sache.

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In dem Moment betreten Franco und Kagawad die Szene. Sie tragen große Einkaufstüten. Tüten mit Getränken und Tüten mit wohlduftendem Lechon Manok (auf Kokosnussholzkohle gegrilltes und mit Kräutern gefülltes Huhn). Franco ist ausgesprochen fröhlich und summt beim Kommen sogar ein Lied. Kagawad aber stutzt: "Wie seht Ihr denn aus? Ist jemand verstorben?"

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