Unschuld Teil 6

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Am späten Nachmittag, kurz nach Einsetzen der Dämmerung, wagten sie sich schließlich zum Anwesen. Das Haus der Rabourdins hatten sie schon vor Stunden verlassen. Die restliche Zeit waren sie unterwegs gewesen, auf den Straßen, in verlassenen Häusern, einmal auch in einem Gasthaus, in dem sie sich aufwärmten. Der eisige Wind vom gestrigen Tag war zurück, aber es schneite zum Glück nicht mehr.

Ivoire hatte ein Auge darauf gehabt, dass sie immer in Bewegung blieben. Das bedeutete auch, dass sie nur wenig gesprochen hatte, außer wenn sie sich wirklich völlig unbeobachtet gefühlt hatte. Dann hatte sie ihnen Anweisungen und Bruchstücke ihres Planes weiter gegeben.
„Wir müssen die Wachablösung abwarten", hatte sie ihnen in einem verlassenen, völlig verschneiten Hinterhof erklärt. „Sie kehren dann alle zum Wachzimmer zurück. Das lässt uns etwa eine halbe Stunde Ruhe, in denen sie sich alle an einem Ort befinden, in der wir ungesehen in das Anwesen kommen." Und schon hatten sie ihren Standort gewechselt. Es hatte eine Weile gedauert, aber am Ende waren sie sich über den Plan einig gewesen.

Eine der wenigen Änderungen war von Tarn gekommen.
„Wir sollten die Pferde erst beschaffen, wenn wir Anssi haben, nicht vorher."
Ivoire hatte Gaels Übersetzung mit einem Stirnrunzeln gelesen.
„Welchen Vorteil wird uns das verschaffen? Korrigiere mich, aber es dauert einen Moment, ein Pferd zu satteln."
„Ist aber immer noch weniger auffällig als ein paar Pferde, die fertig gesattelt im Stall herum stehen und nervös mit den Hufen scharren."
„Ich würde sagen, er hat nicht Unrecht", stimmte ausgerechnet Gael zu. „Wir sollten möglichst wenig Spuren auf unserem Weg hinterlassen. Und für den unwahrscheinlichen Fall unserer vorzeitigen Entdeckung würden sie die Tore blockieren; dann wären Pferde nutzlos für uns, und eine Flucht über die Mauern sicherlich unsere einzige Hoffnung."
Ivoire hatte sie beide einen Moment schweigend gemustert, und Tarn war sich sicher, dass sie seine Hintergedanken durchschaut hatte: Dass er Jefrem aus der Schusslinie bringen wollte. So würde ihm niemand anlasten können, dass er vier in seinem Stall stehende, gesattelte Pferde »ganz zufällig übersehen« hatte.
Schließlich hatte Ivoire nur mit den Schultern gezuckt und es dabei belassen.

Tarn hatte sich nicht gewundert, dass sie ihm diese kleine Gefälligkeit erwiesen hatte; Gaels Anteilnahme wiederum war ihm seltsam vorgekommen. Überhaupt war er seit ihrem Aufbruch auffallend freundlich gewesen. Vielleicht fühlte er, dass er jetzt, nachdem er Tarn zur Zusammenarbeit überredet hatte, in seiner Schuld stand. Vielleicht war er auch einfach froh, Anssi bald in Sicherheit zu wissen. Was auch immer der Grund sein mochte, er war seltsam gut gelaunt, und das ging Tarn gehörig auf die Nerven.
Dion hingegen war die meiste Zeit abwesend gewesen und hatte vielleicht zwei Sätze gesagt; manchmal hatte er Ivoire und Gael von der Seite gemustert, als warte er nur darauf, dass sie auf ihn los gingen. Tarn hatte nicht erst versucht, ihm sein Misstrauen zu nehmen, schließlich traute er den beiden auch nicht über den Weg. Aber es war ihm auch nicht gelungen, seine Anspannung zu lösen, weder mit Worten, noch mit Gesten.

Schließlich, als die Zeit der Wachablösung heran rückte, hatte sich ihre Gruppe schließlich mehrere hundert Meter vor dem Anwesen getrennt, um den jeweiligen Teil ihres Plans auszuführen. Ivoire hatte ihnen kein Glück gewünscht, sich nur brüsk abgewandt und war durch den Schnee davon gestapft, Gael in ihrem Schlepptau.
Und von da an hatte es kein Zurück mehr gegeben.

Tarn war sich der Ironie seiner Situation wohl bewusst, als er sich schließlich allein mit Dion vor Karvashs Anwesen wieder fand, vor den selben Mauern, die er tagelang völlig nutzlos umrundet hatte. Vor ein paar Stunden noch hatte er Jefrem versprochen, niemals hierher zurück zu kehren.
Andererseits hatte er vor Stunden auch nicht gewusst, wie er dieses Hindernis hätte überwinden sollen. Ivoire hatte ihm, bevor sie sich aufgeteilt hatten, einen Ort genannt, den er gut kannte: einen besonders hohen Mauerabschnitt im Schatten zweier schäbiger Häuser, an der Westseite des Anwesens gelegen. Die Gasse war eng, der Schnee fast einen Meter hoch angeweht, aber das kam ihnen in dieser Nacht zu Gute. Zudem übersahen die Wächter dort gern Ungereimtheiten, weil die Mauer hier kaum zu erklettern war; zumindest wenn man nicht wusste, an welcher Stelle sie auf halber Höhe lose war und einen guten Griff bot.
„Woher weißt du das?", hatte Dion misstrauisch nachgefragt, und das war das einzige Mal gewesen, dass Ivoire schmal gelächelt hatte.
„Wer weiß, wer dort einen Stein gelöst hat?", hatte sie zurück gefragt, und die Antwort ihrer Fantasie überlassen.

Der Aufstieg war also lächerlich einfach: Mit einem Satz war Tarn auf Dions Händen, dann auf seinen Schultern, sprang kräftig ab und bekam auf Anhieb den losen Stein zu fassen. Mit einem knirschenden Geräusch löste er sich aus der Mauer. Zu jeder anderen Jahreszeit wäre er polternd auf dem Pflaster der Gasse aufgeschlagen, aber jetzt versank er nur mit einem leisen Knirschen im tiefen Pulverschnee. Dion verscharrte das Loch mit seinem Fuß.
Beim zweiten Sprung konnte Tarn sich fest halten und nach oben ziehen. Seine schwachen Muskeln protestierten bei der ungewohnten Anstrengung, und er befürchtete gerade, einfach wie ein Mehlsack hängen zu bleiben, aber dann sprang Dion hoch und gab ihm einen Schubs, und er überwand den Widerstand und hievte sich auf die Mauer.

Er sah kurz zurück auf Dion, der nervös zu ihm hinauf starrte, und dann auf die andere Seite, wo es außer ein paar Kisten, halb verwehten Fußstapfen und Bergen von Schnee nichts zu sehen gab. Zuletzt hob er noch einmal den Blick und überblickte das Anwesen. Er musste die Augen gegen den beißenden Wind zusammen kneifen, der auf der Mauerkrone viel tückischer war, und Schnee in Böen über den Hof trieb.

Die Sonne war gesunken und hatte den Horizont glühend rot gefärbt, und die ganze Welt war in unheimlichen Schimmer gehüllt. Hinter dem Vorhang aus aufgewirbelten Flocken erkannte Tarn das Hauptgebäudes und die anliegenden Wirtschaftsgebäude, und ringsum erstreckte sich die weiße Ebene des Vorplatzes.
Abweisend sah das Anwesen aus, ein düsterer Koloss im schwindenden Tageslicht. Die dunklen Fenster starrten wie die Augenlöcher eines Schädels. Schnee türmte sich an den Wänden hinauf, und Eiszapfen wuchsen vom Dach hinunter und schimmerten wie gebleckte Zähne. Noch nie war Tarn das Gebäude so feindselig, so sehr wie eine Festung vorgekommen.
Er dachte an den alten Karvash, der irgendwo im Inneren des Anwesens saß wie die Spinne im Zentrum ihres Netzes, und erschauerte nicht nur wegen des eisigen Windes.
Würde Karvash bemerken, dass sich sein verschwundenes Eigentum wieder direkt vor seiner Nase befand? Hatte er vielleicht schon von seinen anderen Spitzeln erfahren, was heute Abend passieren sollte?
Und dann schweifte Tarns Blick zu den Fenstern des ersten Geschosses, dort, wo er Anssis Quartier vermutete. Vielleicht hatte er sich schon zurück gezogen, las in einem Buch. Vielleicht war er aber auch nicht allein...

„He, schlaf' nicht ein da oben", flüsterte Dion zu ihm hinauf, und Tarn zuckte schuldbewusst zusammen. Er war zu spät für Zaudern und Zagen. Er schwang die Beine über die Mauer und sprang ohne inne zu halten in die Tiefe. Drüben fand er das Seil, das Ivoire platziert hatte, warf es hinüber und half Dion dabei, ebenfalls über die Mauer zu klettern.
Auf dem Weg über den Hof hielten sie die Köpfe gesenkt, aber sie begegneten auch keiner Menschenseele; niemand wollte bei diesem Wetter draußen sein. Sie kreuzten nur ein Paar frischer Spuren im Schnee: die breiten Fußstapfen der Wachen von ihrem Weg zur Ablösung. Sie wurden, genau wie ihre eigenen Spuren, rasch vom Wind verweht. Sie waren schon fast getilgt, als Dion die halb zugewehte Tür einer der selten benutzten Dienstboteneingänge das Hauptgebäude mühsam auf zog, also machte sich Tarn nicht die Mühe, sie zu verwischen. Hastig folgte er Dion und verschloss die Pforte gegen den stürmischen Wind. Stille und Dunkelheit empfingen sie im Inneren.

„Denkst du, es wird auffallen, wenn wir hier einfach durch spazieren?", fragte Dion nervös, während sie sich rasch den Schnee abklopften.
„Hier laufen den ganzen Tag dutzende von Leuten herum. Wenn du nicht direkt auf dich aufmerksam machst, wird vermutlich keiner merken, dass du nicht dazu gehörst. Notfalls kannst du immer noch sagen, du bist neu", erklärte Tarn abwesend. Sein Blick schweifte durch den Gang, in dem sie sich befanden, ein reines Verbindungsstücke zwischen zwei Teilen des Gebäudes. Das einzige Licht, trübe Reste der orangefarbenen Nachmittagssonne, fiel durch zwei winzige vergitterte Fenster und sorgte kaum für Helligkeit. Es gab in diesem Teil des Anwesens keine Verzierungen, Tapeten oder Möbelstücke. Alles war schlicht und schmucklos, wirkte im schwindenden Tageslicht fast schäbig. Und doch befiel Tarn ein so starkes Gefühl von Wiedererkennen, dass es ihm das Herz zusammen zog. Er war zurück.
Zuhause.

Dion blieb das nicht verborgen. „Stimmt irgendwas nicht?"
„Nein, alles gut. Ist nur komisch, wieder hier zu sein", murmelte Tarn zur Antwort, und er schaffte es nicht, gleichgültig zu wirken. Natürlich machte er Dion damit nur nervöser.
„Wollen wir abhauen?"
„Dann wäre der ganze Ärger umsonst gewesen. Schauen wir erstmal, wie weit wir kommen. Wenn uns irgendwas schräg vorkommt, können wir immer noch verschwinden."
Dion schien nicht überzeugt, aber er nickte trotzdem. „Dann los."

Das Anwesen war an diesem Abend sehr ruhig. Wenn sie überhaupt jemand begegneten, schenkte derjenige ihnen keinen zweiten Blick. Vor allem, als sie über die Dienstbotengänge die Wirtschaftsgebäude verließen und sich ihren Weg zu den Zimmern der Prostituierten bahnten, wurden sie gänzlich ignoriert. Die schwer beladenen Dienstmädchen, die an ihnen vorbei huschten, wussten sehr wohl, dass Nachfragen ihnen bloß Ärger eingebracht hätten. Also wandten sie den Blick ab und trugen, was auch immer sie gerade dabei hatten, hastig an Tarn und Dion vorbei: Wäsche, warmes Wasser, Feuerholz, und sonst alles, was auf den Zimmern und in den Salons benötigt wurde.

Dion blieb immer hinter Tarn, aber nach einer Weile mischte sich in seine Anspannung Neugierde und Staunen. Die schiere Menge der Dienstboten, die Größe des Anwesens und der offensichtliche Luxus im Hauptgebäude schien ihn zu überfordern. Wann immer er Blicke auf die Zimmer hinter den schmalen Dienstbotentüren erhaschte, schien er neu überrascht und eingeschüchtert.
„Wie groß ist das alles hier?", fragte er irgendwann, als sie gerade allein waren, und Tarn konnte nur mit den Schultern zucken. Er erinnerte sich nur zu gut daran, wie verloren er sich die ersten Tage gefühlt hatte, und er wünschte, er hätte Dion eine passende Antwort geben können.
„Ich war noch nicht überall. Von den oberen Stockwerken kenne ich nur Anssis Zimmer."
„Wenigstens verstehe ich jetzt, warum Karvash seine eigene Wachmannschaft hat. Man könnte hier mit einem Vermögen hinaus spazieren..."
Tarn nickte nur, statt ihn daran zu erinnern, dass sie genau deswegen hier waren. Aber er konnte Dion kaum zum Vorwurf machen, dass er diesen Schluss noch nicht gezogen hatte. Hatte er selbst jemals darüber nachgedacht oder auch nur Anssi gefragt, warum er eigentlich hier war? Ob er freiwillig in Karvashs Anwesen gekommen war? Ob er gern hier lebte? Nein, natürlich nicht. Er hatte sich immer nur um seine eigenen Probleme gekümmert. Und hatte er von denen nicht schon genug gehabt, auch ohne sich den Kopf über die eines anderen zu zerbrechen?

Hätte er wissen können, dass Anssi genauso Karvashs Sklave war wie er selbst? Zumindest ahnen? Und hätte es eine Rolle gespielt?
Und dann wiederum waren all diese Fragen bedeutungslos; zumindest, bis sie entkommen waren.

Schließlich erreichten sie ihr Ziel. Die Dienstbotentür unterschied sich nicht von den vielen anderen im Haus, aber Tarn kannte sie trotzdem zu gut, um nicht reflexartig stehen zu bleiben und zu lauschen, was sich auf dem Gang davor tat, bevor er sie vorsichtig auf schob.
Alles war still, der Korridor leer und seltsam düster; eine der Lampen schien erloschen zu sein. Aus der Ferne, in einem anderen Zimmer, hörten sie das Gelächter einer Frau, das schnell wieder verstummte; das war alles.
„Ist es hier?", fragte Dion nervös, und Tarn nickte. Er fixierte die Tür zu Anssis Zimmer, und sein Herz schlug unangenehm laut und heftig in seinem Brustkorb. Er hatte sich bisher erfolgreich abgelenkt, aber in diesem Moment wünschte er plötzlich, er hätte einfach umkehren können. Es gab nur zwei Möglichkeiten: entweder er würde Anssi gegenüber treten, oder in eine Falle laufen. Und er wusste nicht einmal, was von beidem er mehr fürchtete.

„Was machen wir jetzt? Gehen wir einfach 'rein?"
Dions Frage riss Tarn aus seiner Starre der Unentschlossenheit. Und plötzlich war er sich einer Sache sehr sicher: Egal, was auf in Anssis Zimmer auf ihn wartete, er musste dem allein gegenüber treten.
„Ich gehe. Du wartest hier und schiebst Wache", sagte er.
Dions Reaktion ließ nicht auf sich warten. Erst wirkte er verwirrt, dann regelrecht bestürzt.
„Das war nicht Teil unseres Plans! Was, wenn es eine Falle ist?! Dann brauchst du meine Hilfe!"
Aber er konnte Tarn nicht täuschen; der sah ihm an, dass er an etwas anderes dachte.
Wenn du Anssi wieder siehst... was wird dann passieren?
„Hör zu, ich weiß, was du denkst."
„Ach ja?"
„Du denkst, ich lasse dich hier sitzen. Aber ich brauche dich jetzt, ganz ohne Hintergedanken. Denn wenn wir beide dort drin sind, wie wissen wir dann, dass nicht Wachen im Anmarsch sind? Oder dass Ivoire und Gael es sich anders überlegt haben und plötzlich hier auftauchen, um uns Ärger zu machen?"

Dion öffnete den Mund, vielleicht um zu protestieren, aber dann schloss er ihn wieder. Die Feindseligkeit, die sich gerade in ihm aufgebaut hatte, verschwand, und wurde ersetzt durch Resignation.
„Da ist was dran. Aber was mache ich dann?"
„Pfeif, oder mach sonst irgendwie Krach. Ich verstehe dann, was los ist. Aber warte nicht auf mich, sondern geh sofort zu den Ställen. Such Jefrem und lass dir ein Pferd geben. Und dann hau ab."
„Ohne dich?"
Tarn zuckte mit den Achseln. „Entweder ich bin direkt hinter dir... oder eben nicht."
„Aber-"
„Bleibt dir sonst was übrig?", fragte Tarn unglücklich, und Dion konnte darauf nichts erwidern. Er wusste selbst nicht, was er sonst getan hätte.

Einen Moment starrten sie sich betroffen an, unsicher, ob sie sich verabschieden sollten.
„Ich sollte dann wohl los", murmelte Tarn, und er musste den Blick senken, weil er sich so unbeholfen fühlte. Er wollte sich abwenden, aber Dion griff nach ihm, zog ihn in eine Umarmung, so fest, dass es ihm die Luft abdrückte. Tarn konnte nur hilflos die Arme heben, versuchen, Dion ebenfalls festzuhalten.
„Sei vorsichtig", flüsterte Dion ihm zu, und seine Stimme zitterte. „Sei verdammt nochmal vorsichtig. Wir müssen hier in einem Stück wieder hinaus kommen." Tarn überhörte nicht die Art, wie er das »wir« betonte. Und er hätte Dion gern versprochen, dass das immer noch das Wichtigste war.
Wenn du Anssi wieder siehst...
... wirst du dann zu ihm halten?

Aber es wäre eine Lüge gewesen. Er wusste nicht wieso. Er wusste nicht, wie weit er gegangen wäre. Aber er wenn er konnte, dann würde er Anssi befreien, und sich von nichts und niemand aufhalten lassen. Nicht von Dions Besorgnis, nicht von seinem Zögern... nicht von ihm selbst.
„Wir kommen hier raus. Wir kommen hier alle raus", antwortete er, und er hoffte, dass Dion verstand.
Dann löste Tarn sich von ihm, und ohne noch einmal zurück zu sehen ging er auf Anssis Tür zu, öffnete sie leise, und verschwand in seinem Zimmer.


Es war dunkel im Raum; eine einzelne, einsame Lampe brannte auf Anssis Sekretär. Die Vorhänge waren zugezogen, und das schale Licht, das durch die Ritzen fiel, zeigte sich nur als schwache, rötliche Flecken. Die Wärme im Raum war erstickend, genauso wie der Duft nach einem schweren Damenparfüm. Er war also nicht in einen Hinterhalt geraten, stellte Tarn fest, aber sehr wohl in eine gimpfliche Situation: Anssi hatte eine Kundin bei sich.

Sein Verdacht wurde bestätigt, als er ein unterdrücktes Stöhnen vom Bett hörte, das gnädig im Dunklen lag und wenig mehr als die Silhoutten der zwei Personen darauf preis gab. Die Frau, deren Alter oder Aussehen Tarn im Dunkel verborgen blieb, lag auf dem Rücken. Ihre üppigen Rundungen waren gehüllt in etwas, das er mangels Vokabular nur als Nachthemd aus durchsichtiger Spitze bezeichnen konnte, die Schenkel geöffnet. Zum Glück hatte sie den Blick zur Decke gerichtet und gar nicht bemerkt, dass gerade jemand eingetreten war. Anssi kniete zwischen ihren Beinen; Tarn wusste nicht, ob er überrascht sein sollte oder nicht, aber er schien nur seine Hände zu benutzen, um sie zu befriedigen, und war vollständig bekleidet. Anscheinend zog er sich nicht einmal für seine Kundinnen aus. Die Frau schien sich nicht daran zu stören, auch wenn Tarn gnädigerweise verborgen blieb, was Anssi wirklich mit ihr tat.

Mit einem Mal hielt sie jedoch inne, atmete seufzend aus, und murmelte Anssi zu: „Was war das? Hast du das gehört?"
„Der Wind heult ums Haus. Lass dich nicht davon beunruhigen", antwortete er leise. Seine Worte waren zuckersüß, aber Tarn erkannt den Unterton trotzdem, selbst nach so langer Zeit: es war ihm völlig egal, was sie meinte gehört zu haben, er wollte nur seine Arbeit machen.
„Das war ganz bestimmt nicht der Wind! Es klang eher, als wäre jemand-", setzte sie an, und seufzte wohlig auf, als Anssi seine Lippen auf ihren Schoß herab senkte und sie damit zum Schweigen brachte. „Da ist nichts", wiederholte er, bevor er sein Werk fortsetzte, und sie schien sich davon überzeugen zu lassen.

Tarn hätte nicht geglaubt, dass er sich jemals so fehl am Platz vorkommen würde. Er stand immer noch an der Tür, außerhalb von Anssis Reichweite, und wusste nicht weiter. Hatte er geglaubt, irgendeine Art von Plan zu haben? Nun, er hatte keinen mehr, und sein Verstand raste. Wie zum Teufel sollte er Anssi aus diesem Zimmer bekommen, während er gerade mit einer Kundin zusammen war? Was sollte er sagen? Früher hätte er vielleicht hastig seine Kleidung abgelegt und so getan, als gehöre er zu den Prostituierten, aber in seinem Zustand hätte die Frau ihm das keine Sekunde abgekauft. Sollte er sich als einer der Dienstboten ausgeben? Aber unter welchem Vorwand hätte er hier auftauchen sollen?

Bevor er eine Entscheidung treffen konnte, hörte er wieder die Stimme der Frau, diesmal deutlich nachdrücklicher: „Ich höre doch etwas, irgendwer ist hier in diesem Zimmer!" Ohne auf Anssis Reaktion zu warten schob sie ihn von sich, setzte sich auf, und blickte geradewegs auf Tarn, der immer noch wie angewurzelt an der Tür stand. Vielleicht war es sein Anblick, vielleicht auch nur, dass er halb verborgen im Halbdunkel gestanden und sie beobachtet hatte, aber die Frau machte einen regelrechten Satz im Bett und riss reflexartig die Decke des Bettes zu sich heran, um ihre Blöße zu bedecken.
„Was- Was tust du denn hier?! Dienstboten haben hier nichts verloren!", keuchte sie erschrocken. „Tu doch was, Anssi! Er sollte nicht hier sein!"

Anssi fuhr herum, und einen Sekundenbruchteil lang sah Tarn den grimmigen Ausdruck in seinem Gesicht, bereit jeden zum Teufel zu jagen, der es wagte ihn zu stören. Dann fiel sein Blick auf Tarn. Es war im Halbdunkel kaum zu erkennen, aber Tarn hätte geschworen, dass er bleich wie ein Laken wurde. Alle Wut war wie weggewischt, wurde ersetzt durch Fassungslosigkeit. Er blinzelte, wäre sich mit der Hand beinahe gedankenverloren über die Augen gefahren, bevor er sich daran erinnerte, dass seine Handschuhe nicht sauber waren und er reflexartig zurück zuckte. Tarn hätte viel darum gegeben, nicht schlagartig zu begreifen, warum er sie immer getragen hatte.

Im nächsten Moment sprang Anssi auf, zog sich wie in Trance die Handschuhe von den Fingern, und ließ sie achtlos zu Boden fallen. Die Frau an seiner Seite beobachtete verwirrt, wie er auf Tarn zuging, einen Meter vor ihm stehen blieb und ihn, immer noch fassungslos anstarrte. Tarn konnte nicht anders, als ihn ebenfalls zu betrachten.
Anssi hatte abgenommen. Nicht viel, aber es stand ihm noch schlechter zu Gesicht als Tarn. Er sah hohlwangig aus, ausgezehrt, älter. Und doch war es unverkennbar Anssi; das selbe lange, blonde Haar, die selben kühlen, grauen Augen, die jetzt so verwundert drein blickten. Der selbe spöttische Zug in seinem Gesicht, der nicht einmal in diesem Moment ganz verschwunden war.
Genauso eindringlich wurde er von Anssi gemustert. Seine Augen huschten über sein Gesicht, seinen Körper, schienen alles abgleichen zu wollen, um ganz sicher zu sein, dass es wirklich er war.
Sie standen wie angewurzelt voreinander, und fast schien es, als seien sie beide nicht sicher, ob sie träumten oder wach waren.

„Du bist zurück", murmelte Anssi schließlich, so ungläubig, als hätte er einen Geist vor sich.
„Ja", sagte Tarn, seine Stimme plötzlich heiser. „Hat eine Weile gedauert."
„Du hast dich verändert." Anssi hob die Hand, berührte Tarns Gesicht, zog die Linie seines Kinns nach, als wollte er sich sicher sein, dass er körperlich war, keine Vision. „Schau dich an... kein Junge mehr, aber immer noch der selbe dreckige Lump. Inzwischen auch noch schlecht rasiert."
Tarn konnte nicht anders, er musste lächeln. Er hatte diese spöttische Stimme vermisst, die Zuneigung, die sich hinter der Überheblichkeit verbarg.
„Wirklich? Du hast dich überhaupt nicht verändert. Immer noch der selbe, eingebildete Arsch."

„Was soll das alles eigentlich?!", herrschte Anssis Kundin sie plötzlich an, und Tarn zuckte zusammen. Er hatte fast vergessen, dass sie immer noch im selben Raum war. Den Eindruck hatte sie anscheinend auch gewonnen. Inzwischen hatte sie sich einen Morgenmantel über geworfen und starrte hoch aufgerichtet, mit verschränkten Armen, vom Bett zu Tarn und Anssi herüber.
„Ich habe drei volle Stunden bezahlt, ja? Drei volle Stunden! Und wenn das hier nicht wirklich wichtig ist, dann möchte ich, dass dieser abgerissene Kerl jetzt verschwindet!"
Anssis Miene hatte sich mit jedem ihrer Worte mehr verdüstert, und obwohl Tarn versuchte, beruhigend eine Hand auf seinen Arm zu legen, schüttelte er sie ab und fixierte die Frau mit seinem Blick.
„Er bleibt. Und du, meine liebe Leola, wirst deine Sachen nehmen und dich aus meinem Zimmer entfernen. Ich werde dafür sorgen, dass du einen anderen Spielgefährten bekommst."
Seine Ansage schien die Frau zu verunsichern, und kurz schien es, dass sie tatsächlich klein beigeben würde. Dann raffte sie sich aber zusammen und protestierte, wenn auch deutlich milder: „Aber warum denn, Anssi? Was immer dein, nun, Freund, für ein Problem hat, es kann doch sicher warten. Wir sind doch noch nicht fertig! Und ich wollte doch dich sehen, und nicht irgendeinen-"
„Bist du taub? Halt endlich dein Maul und verschwinde!"

Die Frau verstummte wieder, völlig sprachlos angesichts seiner Worte, und es schien heftig in ihrem Kopf zu arbeiten. Sie öffnete den Mund, schloss ihn wieder, als suche sie nach der richtigen Erwiderung, und dabei sah sie aus wie ein empörter Karpfen.
„Du kannst doch nicht in so einem Ton mit mir-!", setzte sie schließlich zu einer Tirade an, und damit hatte sie ihr Glück überstrapaziert. Anssi schoss regelrecht nach vorn, war im nächsten Moment bei ihr und packte sie grob am Oberarm. Sie quiekte wie ein verängstigtes Tier, versuchte sich los zu reißen, aber Anssi hatte sie so fest gepackt, dass seine Finger im weichen Fleisch ihrer Arme versanken. Beinahe fiel sie auf die Knie, als er sie mitleidlos aus dem Bett zerrte, und Tarn, der wie gelähmt zusah, war nicht weniger entsetzt als sie darüber, wie grob er sie anfasste.
„Du hast genug geredet, mein Liebling", sagte er, während er sie in Richtung seines Ankleidezimmers schleifte.
„Lass mich sofort los, ich schwöre dir, ich werde schreien, ich schwöre dir, ich- Mmmpf!"
Zu mehr kam sie nicht, weil Anssi ihr grob die Hand auf den Mund presste, bevor er sie weiter zog. Er zerrte sie über die Schwelle des Ankleidezimmers, gab ihr einen heftigen Stoß, der sie vielleicht zwei Meter in den leeren Raum taumeln ließ, und schlug ihr ohne ein weiteres Wort die Tür vor der Nase zu. Der Schlüssel steckte, und er drehte ihn einmal herum, bevor er sich, so, als wäre nichts gewesen, wieder Tarn zu wandte und zu ihm zurückkehrte.
„Wo waren wir?"

Tarn hätte ihn am liebsten an den Schultern gepackt, so wie er die Frau gerade gepackt hatte, und ordentlich durch geschüttelt.
„Was zur Hölle sollte das?! Warum konntest du sie nicht einfach weg schicken?!", herrschte er ihn an, und erhielt als Antwort ein sardonisches Grinsen. Natürlich; es wäre Anssi niemals in den Sinn gekommen, diplomatisch zu sein.
„Tu es mir gleich und ignorier die dumme Schlampe einfach", sagte er leichthin, so charmant, als hätten sie gerade noch über das Wetter geplaudert.
„Lass mich sofort hier raus, du Schwein! Das kannst du nicht mit mir machen!", schrie Leola zu ihnen herüber. Ihre zarten Fäuste hämmerten so wild an der Tür, dass sie in ihren Angeln erzitterte.
„Halt's Maul!", herrschte Anssi zurück, bevor er an Tarn gewandt fortfuhr: „Also?"

Leola ließ sich weder ignorieren noch den Mund verbieten, und ihre Wut verlieh ihr enorme Kräfte; sie zeterte und lärmte, dass es vermutlich im ganzen Haus zu hören war. Anssi war das natürlich egal, er wusste überhaupt nicht, was er angerichtet hatte. Er würde den Teufel tun und jetzt einen Rückzieher machen, erst recht nicht, um sich zu entschuldigen. Aber was dann?
Tarns Verstand raste. Konnte er die Frau irgendwie beruhigen? Sicher nicht. So wie es aussah blieb ihnen nur die Flucht nach vorn.

„Verdammt, was soll's, jetzt ist es eh zu spät", zischte er und griff nach Anssis Hand. „Komm, wir müssen hier weg!"
„Wegen ihr?", fragte Anssi amüsiert zurück.
„Nein, nicht nur wegen- hör zu, ich wünschte, ich könnte dir alles erklären, aber dafür haben wir jetzt verdammt nochmal keine-"
Weiter kam er nicht, weil Anssi völlig unvermittelt die letzten Zentimeter Abstand zwischen ihnen überwunden hatte, ihn in seine Arme zog und küsste.

Tarn ließ es überrumpelt geschehen. Er erschauderte, die Haare auf seinen Armen stellten sich auf. Für einen Moment verblasste alles; der Lärm, die Verwirrung, die Angst. Er erinnerte sich. Nicht nur sein Verstand, sondern auch jede Faser seines Körpers. Es war wie eine Heimkehr. Die Art, wie Anssi ihn hielt, wie seine Hand in Tarns Nacken lag, sein Arm um ihn, das alles war unendlich vertraut. Alles fügte sich zusammen, völlig selbstverständlich. Und ohne darüber nachzudenken hob er die Arme, verschränkte sie in Anssis Rücken.
In diesem Moment war es, als hätten sie sich niemals voneinander getrennt.
Aber hatten sie das je wirklich getan? Vielleicht hatte Gael Recht gehabt; in diesem Moment war es Tarn völlig plausibel. Anssi hatte ihn nie so wegschicken wollen, egal wie außer sich er gewesen war. Und darum war Tarn doch her gekommen - weil er im hintersten Winkel seines Verstandes daran geglaubt hatte, die ganze Zeit über.

Im nächsten Moment wurde die Tür zum Flur aufgerissen, und Dion stürzte hindurch und verschloss sie direkt hinter sich. Er hätte fast verwirrt inne gehalten, als er Tarn in Anssis Armen sah. Im Gegensatz zu ihnen war er allerdings nicht gewillt, sich ablenken zu lassen, und zischte: „Keine Ahnung, wer die Frau ist, die da schreit, aber man kann sie im ganzen Haus hören! Wenn wir nicht gleich abhauen, können wir auch einfach abwarten, bis man uns abholt!"
Tarn hätte es nicht für möglich gehalten, aber einen Moment lang war Anssi tatsächlich perplex.
„Und wer ist das, wenn ich fragen darf?"
„Dion; ich bin mit Tarn hier. Würde ja sagen, dass es mich freut, dich auch endlich kennen zu lernen, aber wir haben keine Zeit für den Quatsch", erwiderte Dion und warf Tarn einen grimmigen Blick zu, den er mit Was zur Hölle treibst du hier? übersetzte. Tarn hätte die Antwort dazu allerdings selbst gern gewusst; er wusste auch nicht, was zur Hölle er hier eigentlich noch tat.

Zu allem Überfluss war Anssi weder begriffsstutzig, noch in der Stimmung, sich von einem Fremden derartig anzählen zu lassen.
„Ach, sieh an, du hast jetzt deinen eigenen Schoßhund", sagte er zu Tarn, und musterte Dion abfällig. „Als ich sagte, dass du es mit jedem treiben kannst, hatte ich nicht gedacht, dass du dein Niveau derartig sinken lassen würdest." Seine Stimme klang spöttisch, aber in seinen Augen las Tarn etwas anderes. Unsicherheit? Tatsächlich Angst?
„Ha ha ha", gab Dion trocken zurück und verdrehte die Augen, „Da wir jetzt alle unseren Spaß hatten, können wir bitte von hier verschwinden? Ich habe noch keine Wachen gesehen, aber das heißt nicht, dass wir hier herum stehen sollten. Selbst wenn niemand das Geschrei hört, wir haben einen Zeitplan, schon vergessen?"

Bevor sie auch nur etwas erwidern konnten, zog Leola wieder ihre Aufmerksamkeit auf sich. „Hallo?! Ist da jemand?! Ich bin hier eingesperrt, und ich verlange, dass man mich sofort hier heraus-!"
„Halt endlich dein Maul, du saublödes Fischweib!", brüllte Anssi ihr zu, und Tarn zuckte zusammen. Anssi war am Siedepunkt, das war offensichtlich, aber irgendwie schien das nicht alles zu sein. War seine Stimmung jemals so übergangslos gekippt? Nein, und er hatte er ihn niemals so außer Fassung gesehen.
Was ist passiert, während ich weg war?
Die Gedanken waren da, bevor er sie abwehren konnte, aber er konnte sie jetzt nicht gebrauchen, und gab sich stattdessen einen mentalen Tritt; Dion hatte Recht, sie mussten endlich aufhören, nur herum zu stehen.

„Das reicht", sagte er gezwungen ruhig und packte Anssi am Arm, ließ sich auch nicht unwirsch von ihm abschütteln, bis Anssi ihn widerwillig ansah. „Hör zu, wir müssen hier weg. Jetzt sofort."
Anssis Gesicht verzog sich zu einem spöttischen, ungläubigen Lächeln.
„Davon sprichst du schon die ganze Zeit, und bist mir bisher immer noch eine Erklärung schuldig, weshalb."
„Es war alles geplant, verstehst du? Ivoire, Gael, sie haben alles vorbereitet. Wir sind nicht hier um einen verdammten Spaziergang zu unternehmen, wir wollen aus dem Haus raus, und dann aus der Stadt. Wir bringen dich hier weg, verstehst du? Für immer. Alles, was du tun musst, ist jetzt endlich mitzukommen."
„Und jetzt meint jetzt", warf Dion gereizt ein und ging zurück zur Tür, um sie einen Spalt aufzuschieben und nach draußen zu sehen. „Die Luft ist rein. Also?"

Anssi ignorierte ihn. Sein Gesicht war eingefroren, als Ivoires und Gaels Namen gefallen waren, und er hatte Tarn fixiert.
„Ihr meint das ernst", sagte er langsam, plötzlich unheimlich ruhig, und Tarn konnte nur nicken. „Ivoire-"
„Sie hat uns gefunden. Wir sind zurück in die Stadt gekommen, warum, erklär' ich dir später. Sie und Gael haben mich- haben uns aufgespürt." Er deutete mit einem Kopfnicken auf Dion, aber der ignorierte die Geste, er starrte immer noch konzentriert nach draußen. „Es war ihr Plan, dich hier heraus zu holen. Und wir sollten dich hier weg bringen, während sie alles vorbereiten. Verstehst du?"
Anssi wiederum schwieg, und es schien in ihm zu arbeiten. Dann lachte er nervös auf, strich sich fahrig über die Stirn. Hätte Tarn raten müssen, dann hätte er gedacht, dass plötzlich sein ganzes Weltbild ins Wanken geraten war. „Dann... weiß Karvash nichts davon? Er hat dich nicht zurück geholt? Er hat davon gesprochen, dass du in der Stadt bist, und ich dachte- ich meine, ich wagte nicht zu hoffen, aber-"

Seine Worte wurden immer unzusammenhängender, und plötzlich wurde Tarn klar, dass wirklich irgendetwas passiert war. Was auch immer Karvash getan oder Anssi erzählt hatte, es hatte ihn getroffen, einen Keil in seine Verfassung getrieben. Ihn so zu sehen, bar jeden Spotts und jeder Überheblichkeit, war beinahe gespenstisch; es passt nicht zu ihm und ließ Tarn schaudern. Fast ohne darüber nachzudenken lockerte er seinen Griff, versuchte seine Stimme zu beruhigen.
„Er hat mir jemand hinterher geschickt, aber Ivoire und Gael haben uns vorher gefunden. Karvash hat versucht, das hier zu verhindern, aber noch sind wir ihm einen Schritt voraus. Wir können es noch schaffen."
Seine Worte schienen Stück für Stück zu Anssi durchzudringen, aber nicht vollständig.
„Dann... bist du wirklich freiwillig zurück gekommen?"
„Ja?"
„Wieso?"

Und plötzlich begriff Tarn.

Nachdem ich dir gesagt habe, dass ich dich niemals wieder sehen will?
Dich beinahe umgebracht habe?
Dich in all das hinein gezogen habe?


Er begriff, dass Anssi nicht geglaubt hatte, er würde jemals aus eigenem Antrieb zurück kehren. Dass Karvash ihn hätte hierher zurück schleifen müssen, um Anssi je wieder unter die Augen zu treten.
Wie war er zu diesem Schluss gekommen? Hatte Tarn ihm nie zu verstehen gegeben, dass ihm etwas an ihrer Beziehung lag?
Die Antwort war so simpel wie bitter: Nein, natürlich nicht.
Warum nicht?
Im Nachhinein kamen ihm seine Gründe so dumm vor; so falsch, und sinnlos.
Er griff nach Anssis Hand, hielt sie einen Moment fest.
„Ja", sagte er schlicht. Es hätte so viel mehr zu sagen gegeben. Aber nicht jetzt. Nicht so. „Kommst du?"

Anssi schwieg, schien in Tarns Gesicht zu forschen, ob er seine Worte ernst gemeint hatte. Aber langsam, endlich, schien er seine Fassung zurück zu gewinnen. Er straffte sich, nickte schließlich knapp. „Ja, sofort", sagte er, wandte sich ab, und ging zu seinem Sekretär. Bevor Tarn fragen konnte, was er noch vor hatte, nahm er einige komplizierte Handgriffe an dem Möbelstück vor, bis eine der Verblendungen auf sprang und ein verborgenes Fach frei gab. Anssi entnahm Dokumente, eine Geldbörse, die schwer in seiner Hand lag, und verschloss alles sorgfältig, bevor er seinen Mantel griff und sich nachlässig über warf. „Gut, ich bin so weit."
„Ist die Luft rein?", fragte Tarn Dion, der immer noch an der Tür stand. Er nickte, winkte sie weiter, und einer nach dem anderen verließen sie Anssis Zimmer.

Weder Dion noch Anssi sahen zurück; nur Tarn, der hinter ihnen zurück geblieben war, wandte sich noch einmal um.
Der Raum war dunkel, brütete in Schatten, und zudem war es still geworden; Leonela schien vorübergehend aufgegeben zu haben. Das gab Tarn einen Moment, sich noch ein letztes Mal in Ruhe umzusehen.
Er erinnerte sich an die vielen Male, die er hierher gekommen war, in dieses Zimmer; freiwillig, und unfreiwillig. Er war Anssi fast immer hier gegenüber getreten, und hier hatten sie die meiste Zeit zusammen verbracht. Früher war es Tarn wie ein einladender Raum vorgekommen, vielleicht zu protzig, doch niemals abschreckend. Aber dieser Eindruck war irgendwie verblasst. Das Zimmer wirkte plötzlich verlassen, und feindselig. Im Grunde genommen war es, ohne dass Tarn es gewusst hatte, ein Gefängnis gewesen.
„Hallo? Ist noch jemand hier? Bitte... ich will hier hinaus." Es war nur Leolas Stimme, plötzlich klein und schwach, ermüdet vom Rufen. Aber Tarn schauderte heftig, und ruckartig wandte er sich ab und zog die Tür hinter sich zu.

Der Rückweg war kurz und bizarr, zumindest für Tarn und Dion. Es war unmöglich zu verbergen, wen sie bei sich hatten - wo immer sie Bedienstete trafen, wurden diese bei Anssis Anblick blass und traten hastig aus dem Weg, die Dienstmädchen so überstürzt knicksend, als ginge es um ihr Leben. Aber es hätte auch nichts gebracht, Anssi in abgerissene Kleidung zu stecken und ihm eine Dreckschicht zu verpassen, stellte Tarn resigniert fest; Er ging zu gerade, bewegte sich zu geschmeidig, und generell war sein Auftreten zu markant. Vermutlich hätte er nicht einmal den Blick senken und wie einer der Diener wirken können, wenn er sich Mühe gegeben hätte.
Niemand hielt sie auf, aber einige entfernten sich hastig, und Tarn war ziemlich sicher, dass sie geradewegs zu den Wachen liefen. Aber den Vorteil unbemerkt zu bleiben hatten sie schon mit Anssis Kundin verspielt. Es hatte keinen Sinn mehr, sich den Kopf darüber zu zerbrechen. Stattdessen waren sie so schnell unterwegs wie sie konnten, ohne zu rennen und dadurch noch deutlicher zu zeigen, dass sie auf der Flucht waren. Und so erreichten sie schließlich wie geplant den Pferdestall.

Es war warm im Stall, und düster. Nur wenige Lampen brannten, und die meisten Pferde schienen zu dösen. Schon wieder musste Tarn das aufwallende Gefühl von Heimat und Vertrautheit nieder kämpfen. Diesmal half ihm jedoch, dass sie keine Zeit mehr zu verlieren hatten.
„Ist niemand hier?", fragte Dion misstrauisch, während er sich umsah und bereits nach den Sätteln und dem Zaumzeug suchte. Die einfache Umgebung schien ihm einiges an Sicherheit zurück zu geben. Tarn konnte allerdings nur mit den Schultern zucken, was seine Frage betraf.
„Vielleicht hat Jefrem Wind davon bekommen, dass wir hier sind."

„So wie der ganze Rest des Anwesens, fürchte ich!"
Sie zuckten alle zusammen, als aus dem Nichts Gaels Stimme erklang, und im nächsten Moment wurde jemand durch die offene Stalltür geschleudert und fiel ihnen direkt vor die Füße. Tarn erkannte sofort den Alten, der ihm schon am vorigen Tag begegnet war und ihn verfolgt hatte. Er krümmte sich am Boden und stöhnte, versuchte sich aufzurichten und fort zu kriechen. Ihm nach folgten Ivoire und Gael, leise wie Geister, und Ivoire mindestens genau so zornig. Zu Tarns Überraschung hatte sie in der Zwischenzeit die Kleidung gewechselt und trug unauffällige, saubere Männerkleidung, in der sie eher hager und sehr gewöhnlich, aber noch um einiges gewandter wirkte. Anscheinend war sie es auch gewesen, die den Alten gepackt und durch die Tür geworfen hatte, und bevor er davon kriechen konnte, war Ivoire zu ihm gegangen und hatte einen Fuß in seinen Nacken gestellt.
„Ich würde dir dringend empfehlen, jetzt zu kooperieren, Michel. Es sei denn, du willst in der Tat provozieren, dass Ivoire dir das Genick bricht", sagte Gael charmant, bevor er an Dion, Tarn und Anssi gewandt erklärte: „Dieses unerfreuliche Subjekt hat anscheinend in der Annahme operiert, wir würden ihn nicht bemerken. Es freut mich übrigens, dich gesund und wohlauf zu sehen, Anssi."
Tarn hätte es nicht für möglich gehalten, aber das folgende Lächeln, das auf Anssis Gesicht erschien, war ehrlich erfreut und erleichtert. Er ging auf Gael zu und sie reichten sich die Hand, ohne Zögern oder Zurückschrecken von Anssis Seite. Tarn erinnerte sich nicht, das außerhalb ihrer gemeinsamen Zeit je bei ihm beobachtet zu haben. Die nächste Überraschung folgte, als Anssi sich an Ivoire wandte und sie völlig flüssig in Gebärdensprache ansprach. Die ganze Vertrautheit zwischen den dreien versetzte Tarn einen unerwarteten Stich der Eifersucht.

„Klapp' den Mund zu, es fliegt was rein", murmelte Dion Tarn zu, und er schien ein wenig amüsiert. Tarn ärgerte sich, konnte es ihm aber nicht verdenken; Dion hatte sich bisher selbst ständig mit neuen Informationen herum schlagen müssen. Es war nur gerecht, dass Tarn sich jetzt auch einmal außen vor fühlte.

Ivoire, immer noch mit ihrem Fuß im Nacken des zitternden Alten, rang sich indes zu nicht mehr als einem schmalen Lächeln, einem Nicken und einer knappen Antwort durch. Im nächsten Moment teilte sie einen weiteren heftigen Tritt aus, der ihr Opfer wimmern ließ - er hatte sich unbeobachtet gewähnt und versucht, sich aufzurappeln. Nichts würde ihre Konzentration durchbrechen, und sie gab Dion, Tarn und Gael einen Wink hin zu den Pferden, dass sie sich endlich beeilen sollten.

Tarn stimmte stumm zu und machte sich an die Arbeit. Die Pferde, aufgeschreckt vom Lärm und dem plötzlichen Menschenauflauf, waren wach und tänzelten nervös, als sie hinaus geführt wurden. Während Dion zielsicher das zweite Pferd sattelte, schien Gael leicht überfordert, und Tarn musste ihm schließlich helfen. Anssi wiederum unterhielt sich mit Ivoire, bevor sie gemeinsam den Alten zu einem Pfahl schleiften und Ivoire ihn kurzerhand daran fest band, während Anssi ihm einen herumliegenden Lappen in den Mund stopfte. Sie agierten so harmonisch, dass Tarn sich einen Moment ablenken ließ und sie beobachtete.
„Du solltest keinen Gedanken an sie verschwenden. Sie hat kein Interesse an ihm", sagte Gael so leise, dass weder Dion noch Anssi und Ivoire es hören konnten, aber Tarn zuckte nur mürrisch mit den Schultern; selbst wenn er gewollt hätte, er hatte jetzt keine Zeit dafür. Er verbiss sich einen Kommentar, zog stattdessen den Sattelgurt fest und sah zu Dion hinüber. Er war fertig, nickte ihm zu.

Es war Zeit, zu verschwinden, und jeder von ihnen schien erleichtert, dass sie endgültig auf dem Rückweg waren. Ivoire, die mit Anssi zu ihnen herüber geeilt war, griff forsch die Zügel eines der Pferde und stieg auf. Anssi folgte ihr, zum ersten Mal ohne jegliche Eleganz - Reiten schien ihm nicht zu zusagen, und er überließ Ivoire kommentarlos die Zügel und schlang die Arme um ihre schmale Taille. Gael wiederum schwang sich mit viel Elan und einer gewissen Haltung in den Sattel. Er hielt sein Pferd nicht so eisern unter Kontrolle wie Ivoire, aber er schien kein Anfänger zu sein. Dion war schon längst aufgestiegen, schien aber unsicher.
„Soll ich nicht besser das Tor aufschieben? Du kannst besser reiten", meinte er an Tarn gewandt, aber der schüttelte nur den Kopf.
„Ich kann schneller aufsteigen. Ich öffne euch das Tor, wie abgesprochen." Er pausierte, sah auf Anssi, der sich an Ivoire fest hielt. Egal was passierte, er wusste, dass Anssi bei ihr vermutlich noch am besten aufgehoben war. Also konnte er sich um seine eigene Flucht kümmern.
„Ich denke, wir wissen alle, dass niemand auf den anderen warten wird? Wer zurück fällt, muss sehen, wo er bleibt", sagte er, und alle nickten zur Bestätigung. Also ging er zum Tor, entriegelte es und schob es dann, gegen den Widerstand des Schnees, mühselig auf.

Er musste nach draußen treten, um sich mit aller Gewalt gegen das Tor stemmen zu können. Wind schlug ihm entgegen und zerrte an seinem Haar und seiner Kleidung, und er zog den Kopf ein. Er sah erst auf, als er endlich genug Platz geschaffen hatte, dass die Pferde mühelos passieren konnte. Ein letztes Mal überblickte er den dunklen, schneeweißen Hof. Gerade noch erkennbar durch die treibenden Schneeschleier sah er das rückwärtige Tor, das Ivoire und Gael laut ihres Plans geöffnet haben mussten.
Es war verschlossen.

Die Erkenntnis überlief Tarn eiskalt, und einen Moment lang lähmten ihn seine widerstreitenden Reflexe. Schwankend zwischen panischer Flucht und dem Versuch, die Fassung zu bewahren, blieb er wie eingefroren stehen.
Vielleicht rettete ihm das das Leben.

„Bedauerlich. Ich hatte angenommen, du würdest jetzt laufen. Dann hätte ich endlich fest stellen können, ob diese Waffe etwas taugt."
Die tiefe, sonore Stimme kam aus dem trüben Dunkelheit neben dem Stalltor, und alle Haare in Tarns Nacken sträubten sich, als er erkannte, zu wem sie gehörte. Er fuhr herum, und im selben Moment wurde eine Sturmlampe, die verdunkelt worden war, halb aufgedeckt. Gelbes Licht erhellte den Platz vor dem Tor und fiel auf den, der gekommen war, um ihre Flucht zu beobachten.

Artem Karvash.

In seinen Händen ruhte ein Gewehr, fast nachlässig, und der Schein der Laterne fing sich im silbernen Lauf seiner Waffe. Und nicht nur dort. Es wurde reflektiert von all den anderen Waffen, erhellte die grimmigen Gesichter der Männer, die sie trugen. In der Dunkelheit erschienen sie Tarn wie ein ganzes Heer, das sich hinter Karvash versammelt hatte, Schulter an Schulter, bereit stehend für ihren Einsatz. Eine stumme, wartende Menge im heulenden Sturm

Karvash stand vor ihnen, mit einem sardonischen Lächeln. Er war gegen die Kälte in einen gewaltigen Mantel eingehüllt, dessen Enden mit weißem Pelz besetzt waren und im Wind flatterten. Die Böen zerrten auch an seinem kurzen, hellen Haar, und einzelne Schneeflocken hatten sich in seinem sandfarbenen Bart verfangen. Aber er ignorierte den Sturm und den Schnee. Seine farblosen Augen blieben auf Tarn fixiert, kalt und amüsiert.

Endlich löste sich etwas in Tarn, er trat einen reflexhaften Schritt zurück, öffnete den Mund, wollte etwas rufen, und in diesem Moment hob Karvash das Gewehr.
„Los doch. Lauf", forderte er ihn auf. „Mach mir die Freude."
Aber Tarn lief nicht. Er wusste in diesem Moment, dass er verloren hatte. Sie hatten alle verloren.

Er hob die Hände, senkte den Kopf und kniete sich in den Schnee.

Nirgendwo (BoyxBoy)Lies diese Geschichte KOSTENLOS!