3.12. Wahrheit und Schwindel

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(Fortsetzung Kapitel 3.09.)

Ma'am Papillio schaut müde auf ihre Damenrolex. Die hat sie sich vor ein paar Jahren auf ihrer Hochzeitsreise in Hong Kong schenken lassen. Ein schönes Stück. Sicherlich keine echte Rolex, aber als Fälschung nur bei sehr genauem Hinsehen zu erkennen. Nun hat Ma'am Papillio ihre Rolex repariert zurück. Es war nur die Batterie.

Erschöpft fährt sie sich mit beiden Händen über die Stirn. Aufregende Tage liegen hinter ihr. Einen Deutschen mit fünf 11 bis 12-jährigen philippinischen Jungen im Hotel verhaftet. Darunter zwei Brüder. Alles Kinder von armen und einfachen Leuten. Sie sind aus Sendong City über vier Stunden mit dem Bus hier nach Tugalm City angereist. Viel Arbeit hat der Deutsche ihnen eingebrockt. Und jede Menge öffentliche Aufmerksamkeit.
'Der Sturm wird wohl erst noch losbrechen', schaudert es Ma'am Papillio. Sie hasst es, im Mittelpunkt zu stehen. Medienrummel ist ihr zuwider.

Ihr Cellphone summt ununterbrochen in der Schreibtischschublade. Das Befragen der Eltern möchte sie aber nicht unterbrechen. Auch Ma'am Tolisans Cellphone vibriert (ohne Klingelton) von Zeit zu Zeit. Ma'am Tolisan schaut dann immer ungeduldig zu ihrem Schreibtisch.

Vicente Kabaltos, die Mutter von Philipp Kabaltos, den alle nur kurz 'Phil' nennen, hat soeben gefragt, ob sie (die Polizei) Mr. Heger anzeigen würden?
Sie hat das verneint und denkt nach, während Ma'am Tolisan mit den Eltern jetzt plaudert: 'Anzeigen? Das können oder werden andere tun. Oder eben auch nicht. Ihre Aufgabe ist das Ermitteln in diesem höchst suspekten Fall. Die echte 'Crime Scene' ist nicht feststellbar. Derzeit jedenfalls nicht. Okay, bis auf die Tatsache, dass Erwachsene sich nicht mit Kindern unter zwölf Jahren im Hotel aufhalten dürfen. Es sei denn, sie sind mit den Kindern verwandt oder haben irgendwelche sozialen Aufgaben. Paragraf Republic Act 7610.'
Sie schaut erneut genervt zum ständig summenden Cellphone und kommt gedanklich zum Schluss: 'Aber gut, der Mann ist Deutscher, der kennt das Gesetz nicht. Soll der Prosecutor (Staatsanwalt) entscheiden, wie damit zu verfahren ist.'

Die Befragung der Eltern ist im Grunde beendet. Ein Schweigen stellt sich ein, das von Phils Vater gebrochen wird: "Ma'am, dürfen wir nun mit Tommy, ähm Mr. Heger sprechen?"
Police Superintendent Ma'am Papillio antwortet gedankenverloren: "Ja, natürlich. Da spricht nichts dagegen. Wir sind fertig mit Ihrer Befragung. Ich möchte mich für Ihre Geduld bedanken."
Die Eltern erheben sich müde. Auch für sie waren die letzten zwei Tage anstrengend.

Ma'am Papillio begibt sich zum Schreibtisch. Sie ist neugierig, wer ständig anruft.
Das Cellphone summt in ihrer Hand und sie nimmt den Anruf entgegen: "Ma'am Solano, guten Tag..."
Ma'am Solano ist aufgeregt, sie atmet kurz und stöhnt vorwurfsvoll: "Ma'am Papillio, gut, dass ich Sie endlich erreiche! Ich habe schon fast eine Stunde versucht!"
"Ich war beschäftigt, Ma'am", entschuldigt sich Ma'am Papillio halbherzig und fragt: "Gut, nun haben Sie mich ja am Telefon, was gibt es denn so Wichtiges?"
"Die Jungen, Ma'am,", antwortet Ma'am Solano atemlos, "die haben im Hotel mit ihren Geschlechtsteilen gespielt und dieser Deutsche hat zugeschaut und das nicht unterbunden! Außerdem war der mit dem kleinen Aboy gemeinsam eine Zeit alleine im Bad. Das haben Phil, Aboy und der Dan berichtet. Ich schreibe einen kurzen Bericht, Ma'am Papillio."
Ma'am Papillio schaut zu den Eltern, die gerade das Büro verlassen wollten. Sie legt die Hand auf das Cellphone und sagt zu den Eltern: "Einen kleinen Augenblick bitte. Bleiben Sie noch."
Widerstrebend setzen sich die Eltern wieder. Michael und Matthew haben bereits Zigaretten in den Händen.
Zur Sozialarbeiterin spricht Ma'am Papillio: "Ach, das ist ja eine interessante Neuigkeit. Haben die Jungen gesagt, warum sie uns das mit dem 'Spielen' nicht berichtet haben, Ma'am Solano?"
"Ma'am Papillio, die Kinder haben auf diese Frage geantwortet, es hat niemand gefragt!" Um die Sache zu dramatisieren schwindelt Ma'am Solano ein wenig, schnell ergänzt sie: "Die haben gesagt, sie haben sich geschämt, mit der Polizei darüber zu reden."
Eine kurze Gedankenpause entsteht.
Ma'am Papillio dreht sich von den Eltern weg und macht mit der Hand über ihrem Cellphone einen Hohlraum. Sie flüstert: "Fotos?"
"Oh, nein Ma'am. Aber ich sage Ihnen, Ma'am Papillio, die Kinder haben sich bei den Fragen zu Fotos doch recht merkwürdig verhalten."
Wieder entsteht eine kurze Gedankenpause.
"Danke sehr, Ma'am Solano, wirklich vielen Dank", beendet Ma'am Papillio das Gespräch.

Sie ist ärgerlich. Warum prescht das Jugendamt BSWD vor und macht ihre Arbeit? Andererseits kommen die Informationen zum richtigen Zeitpunkt.

Ma'am Papillio blickt ernst zu Ma'am Tolisan: "Ma'am, kommen Sie doch bitte kurz mit in die Kammer."
Dann schaut Ma'am Papillio mitleidig zu den Eltern: "Ein klein wenig Geduld, wir sind gleich bei Ihnen."
Michael dreht die Zigarette in der Hand: "Ma'am, dürfen wir rauchen?"
Ma'am Papillio ist schon in der Kammer: "Sie kennen unsere Raucherecke ja. Bitte sind Sie in fünf Minuten zurück!"

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