3.11. Was tun?

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Du döst und schaust von Zeit zu Zeit auf deine Armbanduhr, nur um zu registrieren, wie die Zeit verrinnt. Die Zeit in Gefangenschaft, in Unfreiheit. Festgenagelt in dieser feuchtheißen, stinkenden, düsteren Gruft. Blickst du durch den schmalen, vergitterten Fensterspalt, siehst du strahlend blauen Himmel. Kein Wölkchen ist zu sehen. Perfektes Urlaubswetter!
Dir kommt die Firma in Deutschland in den Sinn: 'Produkte, Projekte, Tagesgeschäft, permanenter Zeitdruck und Stress. Zeit ist Geld. Schwimmen im Haifischbecken.'
Du erinnerst die Kopfschmerzen nach Feierabend und den Bluthochdruck, der sich unweigerlich als Folge des Leistungsdrucks einstellt.
"Leben auf der Überholspur", flüsterst du. Dennoch liebst du deinen Beruf, brauchst den Stress, den Kick. Langweilig ist deine Stelle keinesfalls.
Du schaust auf den Spinnwebenteppich über dir und flüstert: "Das hat schon etwas von Masochismus."
Und das Gegenteil dazu: Die Philippinen und das entschleunigte Leben. Zeit spielt scheinbar keine Rolle. Niemand hat es eilig. Wer in einem Land der tropischen Hemisphäre rennt, schwitzt unweigerlich. Das war dir schnell klar. Entschleunigen und Stress abbauen. Auch Gründe hierher zu reisen. Elf Monate in Deutschland rennen, einen Monat in Asien entschleunigen und dann gut erholt zurück. Die Batterien voll aufgeladen. Genug Energie für kommende Aufgaben.
Du wirst sarkastisch und sagst zu der fleißigen Spinne an der Unterseite des Bettes über dir: "So ist das, entschleunigt in den Knast."
Ein neues Projekt in der Firma war der Grund, im Dezember auf die Philippinen zu reisen. Es war nicht möglich im April und Mai zu reisen. Das sind deine favorisierten Monate. Die sogenannten Sommermonate hier, mit wenig Regen im Inselstaat. Vorgezogener Urlaub im Dezember, anstatt im April und Mai. Also Weihnachten anstatt Fiesta. Die Fiesta findet immer im Mai im Dorf statt und das ist amüsant: Basketballturniere, Küren des schönsten Mädchens im Dorf, Hahnenkämpfe, Karaokesingen, Openairdisco in der Nacht im Basketballcourt und viele andere Aktionen. Die Familien tischen Unmengen bester Speisen auf und es gibt natürlich auch Unmengen von Alkohol.
Du lachst leise: "Fiesta ist nichts anderes als ein großes Besäufnis!"

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Draußen vor der Zelle tut sich etwas. Du vernimmst die Teenagerstimmen von Silas und Mikel-Loy. Sofort springst du vom klapprigen Bettgestell auf. Das ächzt wieder bedenklich.
Am Maschendrahtzaun stehen deine Besucher: Kagawad (Ortsvorsteher) Jacub Castro, Franco und die zwei Teenager Silas und Mikel-Loy. Die Teenager winken fröhlich. Kurze Zeit später kommt der Wachmann, dann Schlüsselgeklimper und das Maschendrahtzauntor schwingt quietschend auf. Der Schlüsselbund klimpert erneut, das Vorhängeschloss knackt und auch die Zellentür quietscht erbärmlich beim Öffnen. Du bist dermaßen froh, der Gruft entfliehen zu können, dass du alle vier Besucher überschwänglich und herzlich umarmst. Du registrierst, wie deine Freunde beim Umarmen steif verharren.
'Handgeben okay, emotionale Umarmung von Freunden (wie in Deutschland üblich) nicht okay', durchzuckt es dich. 'Aber egal,' denkst du weiter, 'da müssen die Asiaten jetzt durch. Du bist, wie du bist.'

Ihr setzt euch auf die Plastikstühle. Die Vier haben Cola, Einwegbecher, Hefestücke und einige Chipstüten mitgebracht. Obschon es kurz nach 13 Uhr ist, sind deine Besucher die ersten heute. Kagawad gibt dem Wachmann erneut einige Marlboro. Der begibt sich zufrieden grinsend zurück zur Schranke.
"Was bin ich froh, Euch zu sehen", sprichst du mit vollem Mund und spülst das gezuckerte Hefestück mit Cola runter.
Auch die Besucher kauen Hefeteile. Kagawad und Franco schweigen, sind zurückhaltend und benehmen sich so, als hüten sie ein Geheimnis. Silas und Mikel-Loy hingegen sind aufgeregt.
Silas bricht das Schweigen: "Tommy, stell Dir vor, wir dürfen die Jungs nicht besuchen."
Mikel-Loy kann sich ebenfalls nicht zurückhalten: "Onkel Micha, also Phils Papa, konnte noch rein. Also rein ins BSWD und den Jungs Essen bringen."
Silas unterbricht aufgeregt Mikel-Loy: "Aber die Mama von Sam, die musste draußen bleiben."
"Die haben auch Essen gekocht, wussten wir ja nicht. Sams Mutter hat bei Silvia geschlafen, wir beim Pastor", weiß Mikel-Loy aufgeregt zu berichten.
Kagawad und Franco schweigen mit ernsten Gesichtern. Kagawad zündet eine Marlboro an.
Vor Aufregung lässt Silas den Becher beim Wiederauffüllen mit Cola überlaufen: "Mann, Tommy, na, die haben vielleicht einen Highblood", stöhnt er.
Du bist von der Erzählung schockiert: "Kinder isoliert?", stammelst du und raufst dir die Haare. "Scheiße!", rutscht es dir heraus. "Verdammt, was können wir denn jetzt tun?", fragst du verzweifelt mit zugeschnürter Kehle. Das Hefestück im Mund wird immer mehr und du brauchst einen großen Schluck Cola, um es hinunterzuspülen.
Kagawad räuspert sich: "Die Eltern haben sich schon wieder beruhigt, Tommy. Ich kenne das von anderen Fällen bei Missbrauch und Vernachlässigung von Kindern. Ich als Kagawad bin da immer automatisch involviert, wenn so etwas in unserer Barangay (Ortsteil) vorkommt. Normalerweise ist die Isolation so lange, bis die Polizei die Ermittlungen abgeschlossen hat."
Beruhigen kann dich Kagawad mit dem, was er sagt nicht. Du bist verzweifelt und erwiderst mit erstickter Stimme: "Aber das ist doch eine Eskalation! Warum tun die das? Ist nicht klar, dass ich unschuldig bin? Verdammt, das läuft doch völlig aus dem Ruder."
"Beruhige Dich, Tommy, wir werden sehen." Kagawad bläst den Rauch der Zigarette in den blauen Himmel und hält dir die Schachtel unter die Nase. Du ziehst eine. Silas und Mikel-Loy werden unruhig. Kagawad bedenkt sie mit einem scharfen Blick. Doch Kagawads Herz ist zu weich, um den Teenagern die Zigaretten auszuschlagen.
"Gewöhnt Euch das erst gar nicht an, teuer und ungesund!", schimpft er ohne Härte, als die Jungen zugreifen.
Soviel Nikotin, wie du in den letzten beide Tagen gehabt hast, hast du sonst das ganze Jahr nicht.
'In dieser Ausnahmesituation ist das plötzlich irrelevant', grübelst du resigniert.
Franco schwieg bisher, auch das Rauchen ist nicht sein Ding. Mit äußerster Vorsicht stellt er den Becher auf die Tüte, die wiederum auf dem Boden der umgedrehten Colakiste liegt.
Er räuspert sich und holt tief Luft: "Tommy, wir müssen etwas unternehmen. Heute ist Montag. Die Justiz arbeitet wieder. Attorneys (Anwälte) haben immer viel zu tun, weil, weil sie haben viele Klienten. Mein Pastor, der Pastor der Born Again Gemeinde, meint, er meint Du brauchst dringend einen Attorney."
Kagawad unterstützt Franco: "Die Eltern, die reden gerade mit der Polizei. Die brauchen auch Beratung."
"Ha", ruft Silas vorlaut, "die werden gerade von der Polizei fertig gemacht!", und bereut es sofort.
Kagawad fixiert Silas mit einem scharfen Blick.
'Zigarette okay! Von diesem Grünschnabel über den Mund fahren lassen, nicht okay!', denkt Kagawad verärgert, sagt das aber nicht.
Statt dessen resümiert er: "Ich gebe Franco recht, es kann nicht schaden, sich beraten zu lassen."
Franco ergänzt: "Und die Eltern auch. Die Eltern müssen sich auch beraten lassen. Also mein Pastor, der kennt da einen sehr guten Attorney hier in Tugalm City. Der gewinnt fast alle Fälle und der ist auch nicht so teuer. Der wird Dich sofort besuchen kommen, Tommy. Sobald der etwas Zeit hat. Der hat nämlich viel zu tun."
Kagawad zieht nervös an der zweiten Zigarette: "Nun warte doch erst einmal, Franco. Ernesto hat mit Attorney Padernesto aus Sendong City telefoniert und dem alles berichtet. Der hat Interesse und ist auch als sehr guter Attorney in unserer Stadt bekannt."
"Ja, aber", kontert Franco, "der ist doch in Sendong und nicht hier in Tugalm City. Attorney De Baron kennt sie alle hier: Richter, Staatsanwälte, BSWD."
"Da mach Dir mal keine Sorgen, Franco. Der Padernesto hat auch Klienten und Fälle hier, hier in Tugalm City."
"Der Padernesto ist doch viel zu alt und viel zu teuer!", bringt Franco hartnäckig seine Argumente vor.
"Das ist genau der Punkt, Franco. Der Padernesto ist alt und ist sehr erfahren. Den De Baron kennt doch niemand."
Du bist vom Streit der beiden überrascht und hörst verwundert zu. Nun versucht du, das Streitgespräch zu beenden: "Gut, gut. Die Anwälte können doch hier vorbeikommen." Um die Stimmung aufzubessern, scherzt Du: "Die wissen, wo ich derzeit wohne und ich renne nicht weg." Dann bist du wieder ernst: "Die Polizei hat auch von Attorneys geredet. Aber nur unter vorgehaltener Hand, da die Polizei eigentlich keine Attorneys empfehlen darf."
Franco bleibt hartnäckig: "Der De Baron wird Dich besuchen, Tommy. Der ist wirklich gut."
Kagawad räuspert sich: "Ich denke, Ernesto kann mit Dir später reden, Tommy. Das Verhör dürfte doch heute beendet sein."
"Ich möchte unbedingt mit Vicente und Michael, Lang und Matthew, Rica und Ernesto und Romolo sprechen", erwiderst du besorgt, aber froh, vom Thema Attorney wegzukommen.

Franco wirkt wieder so, als habe er etwas auf dem Herzen. Er schaut verlegen zu Kagawad. Ihre Blicke treffen sich. Auch Kagawad wirkt nun verlegen. Es entsteht eine Gedankenpause. Du bist die starken Marlboro nicht gewöhnt, hustest und drückst die Kippe auf dem schmutzigen, feuchten Betonboden aus. Dabei fallen dir Silas und Mikel-Loys neue Flip-Flops der Marke 'Islander' auf. Mikel-Loys sind knallrot, die von Silas dunkelblau.
"Schick", stellst du anerkennend fest.
Das erfüllt die Jungen sichtlich mit Stolz und Mikel-Loy dreht seine Füße am gestreckten Bein in der Luft.
"Haben wir im Gaisano gekauft, auch T-Shirts. Danke Tommy für die 1000 Piso", berichtet froh Silas. Mickel-Loy bedankt sich ebenfalls.
Das ist für Franco die perfekte Überleitung, die Brücke zu seinem Thema. Er blickt hilfesuchend zum Kagawad und es platzt aus ihm heraus: "Tommy, wir haben kein Geld mehr. Wir haben heute Morgen für die Jungs und Dich gekocht und Süßes, Cola und kleine Dinge, die die Jungs brauchen, gekauft.
Auch hat fast jeder von uns ein T-Shirt oder etwas anderes für sich gekauft." Franco blickt auf die neuen Islander der Teenager und redet gedankenverloren: "Wir haben ja auch gestern Abend und heute Früh gut gekocht und gegessen."
Silas grinst: "Und gut getrunken!" Mikel-Loy lacht laut.
Franco schaut beide finster an. Die Zwei schweigen sofort.
"Ist schon Okay, Franco", reagierst du gelassen. "Ihr sollt natürlich gut essen und trinken!" Beim Wort "Trinken", grinst du schief und gütig die Teenager an. Die und auch Kagawad grinsen lausbubenhaft zurück.
"Was braucht Ihr denn? Ich brauche ja auch noch etwas zum Abendessen. Ein Moskitonetz wäre gut und Mineralwasser."
"Das gleiche wie gestern", antwortet Franco wie aus der Pistole geschossen.
"Gott!", stöhnst du, "Also wieder 20000 Piso? Das sind erneut fast 400 Euro. Addiert mit gestern sind das schon fast 800 Euro!" Bei dem Gedanken wird dir kurz heiß. Du wischst Schweiß von der Stirn: "Lange kann ich das nicht durchhalten. Wie ist denn Euer Plan, wegen Rückreise und so?"
Erschrocken ergänzt du: "Franco, Du bleibst doch hier in Tugalm City? Ich brauche Hilfe. Hier gibt es ja nicht mal Verpflegung und auch kein sauberes Wasser."
Franco nickt mit zufriedenem Gesichtsausdruck: "Ja, natürlich bleibe ich hier in Tugalm City. Michael hat sich auch dazu entschieden, vorerst hierzubleiben. Das hat er vorhin gesagt."
Kagawad führt aus: "Also ich muss zurück, mich um meinen Obst- und Gemüsestand im Markt kümmern. Auch mein Posten als Kagawad ruft. Ernesto und ich, wir werden sofort mit Attorney Padernesto reden. Rica und Lang bleiben noch. Sie kommen bei Ricas Tochter Silvia unter. Matthew, Vicente und Romolo müssen ebenfalls zurück ins Dorf. Silas und Mikel-Loy fahren selbstverständlich heute mit zurück."
Die zwei Teenager schauen traurig. Ihr Abenteuer ist damit vorerst beendet.
Franco hat es plötzlich eilig: "Gut Tommy, wir holen also vier mal 5000 Piso."
"Bringt genug Lechon Manok (gegrilltes Hühnchen) für alle, Kekse, Mineralwasser und eine billige Taschenlampe", erwiderst du.
Kagawad und Franco sind schon auf dem Weg. Die zwei Teenager leisten dir Gesellschaft. Sie öffnen bereits die Tüten mit Kartoffelchips.
Kagawad dreht sich noch einmal um und schaut auf seine Uhr: "Die Polizistinnen werden bestimmt bald mit dem Verhör fertig sein, Tommy. Dann kannst Du mit den Eltern reden."

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