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Einnicken, aufwachen, auf die Uhr schauen und registrieren wie die Zeit verrinnt. Die Zeit in Gefangenschaft, vertane Zeit in Unfreiheit. Festgenagelt in dieser feuchtheißen Gruft. Ich blicke durch den vergitterten Fensterspalt und sehe strahlend blauen Himmel. Kein Wölkchen ist zu sehen. Das perfekte Urlaubswetter!

Die Firma in Deutschland kommt mir in den Sinn: 'Projekte, Produkte, Tagesgeschäft, permanenter Zeitdruck und Stress. Zeit ist Geld. Das Schwimmen im Haifischbecken.'

Ich erinnere die Kopfschmerzen nach Feierabend, die Fettleibigkeit - trotz Sport - und den Bluthochdruck. Das hat sich unweigerlich als Folge des Leistungsdrucks und des schnelllebigen Lifestyle eingestellt. "Ein Leben auf der Überholspur", flüstere ich. Dennoch liebe ich meinen Beruf, brauche den Stress, den Kick. Langweilig ist die Stelle im Betrieb nicht, ganz und gar nicht.

Beim Betrachten des Spinnwebenteppichs am Bett über mir, fällt mir zu meinem Berufsleben in Deutschland nur das Wort "Masochismus" und "Gefangen im Netz" ein.

Das Gegenteil dazu sind die Philippinen mit dem entschleunigten Leben. Zeit spielt scheinbar keine Rolle.
Ich grinse in mich hinein: 'Niemand hat es eilig. Wer in einem Land der tropischen Hemisphäre rennt, schwitzt unweigerlich, erhitzt sich, bekommt einen Kreislaufkollaps und fällt tot um. Zack, bumm!'

Entschleunigen und Stress abbauen. Das waren auch Gründe hierher zu reisen. Elf Monate in Deutschland rennen, einen Monat in Asien entschleunigen, um dann gut erholt zurückkehren. Die Batterien voll aufgeladen. Genug Energie für kommende Aufgaben.

Mein Sarkasmus ist zurück und ich sage zur fleißigen Spinne an der Unterseite des Bettes über mir: "So ist das, Entschleunigen im Knast."

Ein neues Projekt in der Firma hatte mich gezwungen, im Dezember auf die Philippinen zu reisen. Meine favorisierten Monate sind April und Mai. In der Zeit ist das Klima vorteilhaft, da wenig Regen. Außerdem ist im Mai die Fiesta im Dorf und die ist unterhaltsam und interessant: Basketballturniere, Küren des schönsten Mädchens im Dorf, Hahnenkämpfe, Karaokesingen, Openairdisco bis spät in die Nacht und viele andere Aktionen. Die Familien tischen Unmengen bester Speisen auf und es gibt natürlich auch Unmengen von Alkohol.

Ich lache leise: "Die Fiesta ist nichts anderes als ein großes Besäufnis!"

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Draußen vor der Zelle tut sich etwas. Da sind laute Stimmen von Teenagern. Sofort springe ich vom klapprigen Bettgestell, das bedenklich ächzt. Am Drahtzaun stehen meine Besucher: Der Kagawad Jacub Castro, Franco und die zwei Teenager Silas und Mikel-Loy. Die Teenager winken fröhlich und rufen meinen Namen. Kurze Zeit später kommt der Wachmann, dann das Geklimper der Schlüssel und das Zauntor schwingt quietschend auf. Der Schlüsselbund klimpert erneut, das Vorhängeschloss knackt und die Zellentür quietscht wie eine wundervolle Melodie beim Öffnen. Ich bin so dermaßen froh, dem Kerker zu entfliehen, dass ich alle vier Besucher überschwänglich und herzlich umarme und registriere wie sich meine Freunde, als Reaktion auf die unerwarteten Emotionen und innigen Umarmungen, versteifen.

'Handgeben okay, emotionale Umarmung von Freunden – wie in Deutschland üblich – nicht okay', durchzuckt es mich. 'Aber egal,' denke ich weiter, 'da müssen die Asiaten jetzt durch. Ich bin, wie ich bin!'

Wir setzen uns auf die Plastikstühle und Colakisten. Die Vier haben Softdrinks, Einwegbecher, Hefestücke und einige Chipstüten mitgebracht. Obschon es kurz nach 13 Uhr ist, gibt es keine weiteren Besucher am Zellenvorplatz. Kagawad gibt dem Wachmann erneut einige Marlboro und der begibt sich, zufrieden grinsend, zurück zur Schranke.

"Was bin ich froh, Euch zu sehen", spreche ich mit vollem Mund und spüle das gezuckerte Hefestück mit Cola runter.

Auch die Besucher kauen Hefeteile. Kagawad und Franco schweigen, sind zurückhaltend und benehmen sich so, als hüten sie ein Geheimnis. Silas und Mikel-Loy hingegen sind aufgeregt.

REISE INS VERDERBEN - by NOKBEW™Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt