3.09. Aggressive Methode

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Die Eltern, Kagawad, Franco und die zwei Teenager müssen an der Schranke des Polizeigeländes eine Taschen- und Ausweiskontrolle über sich ergehen lassen. Anschließend trägt der Wachhabende ihre Namen in das Logbuch für Besucher ein. Ernesto, Ricas Ehemann, ist vor der Schranke auf die Gruppe gestoßen. Kagawad, Franco und die zwei Teenager gehen rechts am Polizeigebäude vorbei in Richtung Zellentrakt zu Tommy. In Begleitung eines Wachmanns verschwinden die Eltern im Windfang des Gebäudes.

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Nun sitzen die Eltern im Büro der beiden Polizistinnen, Ma'am Papillio und Ma'am Tolisan. Ma'am Tolisan hat die Eltern recht kühl empfangen und arbeitet jetzt wieder in der Kammer am Computer. Ma'am Papillio soll, laut Ma'am Tolisan, etwas später als vereinbart, eintreffen. Sie, Ma'am Tolisan, komme aber sofort zu ihnen. Den Eltern bleibt nichts weiter übrig, als ungeduldig und nervös die Poster an den Wänden zu studieren.
Michael flüstert Matthew zu: "Ich habe überhaupt keine Lust auf die Polizei."
"Das hat wohl keiner von uns", erwidert gelangweilt Matthew und reckt sich auf dem knarzenden Plastikstuhl, so dass die Rückenlehne bedenklich verformt wird. Er gähnt: "Ich habe Arbeit in Sendong. Meine Kunden werden nicht lange auf mich warten. Ich muss zurück."
Ma'am Tolisan sitzt nun endlich zwischen den Eltern und notiert freundlich auf Formularen Angaben zu den Familien. Etwa eine halbe Stunde später kehrt sie mit zufriedenem Gesichtsausdruck zurück in die Kammer und gibt die Daten in den Computer ein.

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Einige Minuten später schlägt die Bürotür auf und Ma'am Papillio stürmt mit wehendem Haar durch das Büro, direkt zu Ma'am Tolisan in die Kammer. Zu den Eltern sagt sie gehetzt: "Entschuldigung, ich bin gleich bei Ihnen. Ich hoffe, Sie warten nicht so lange?"
Die Eltern antworten nicht. Sie nicken nur kaum merklich mit den Köpfen. Bei geschlossener Kammertür reden die zwei Polizistinnen kurz miteinander. Jetzt sitzen sie bei den Eltern, die sich den Ermittlerinnen im Halbkreis gegenüber platziert haben.

"Sie kennen also Mr. Heger schon lange?", beginnt Ma'am Papillio die Befragung.
Ma'am Tolisan protokolliert wie am Tag zuvor auf gelbem Papier.
Zögernd beginnt Michael: "Ja, seit mehr als dreizehn Jahren. Vor einigen Jahren ist Tommy auf unserer Hochzeit gewesen. Hat Fotos gemacht."
Michaels Frau Vicente ergänzt: "Und brachte uns Tage später ein Fotoalbum vorbei. Das schenkte er uns."
Ma'am Papillio schaut den Ältesten der Gruppe, Ernesto, an. Ernesto spricht leise: "Wir sind Nachbarn. Ich kann das Haus von Frank sehen. Das ist der Ausländer, dem das Haus gehört."
Ma'am Tolisan fragt: "Ist das das Haus, das Mr. Heger gemietet hat? Dieser Ausländer, was hat der für eine Nationalität?"
Ernesto antwortet nervös: "Ja, das ist das Haus, was Tommy gewöhnlich mietet. Und der Eigentümer, der ist auch Deutscher."
Nun fragt Ma'am Papillio: "Und die zwei Deutschen, dieser Frank und Mr. Heger, leben gemeinsam im Haus?"
Ernesto zuckt mit den Schultern und schweigt.
Seine Frau Rica antwortet: "Soweit ich weiß, ist immer nur einer der Deutschen im Haus. Wenn der eine dort ist, ist der andere in Deutschland."
Vicente bemerkt: "Derzeit ist doch der Eigentümer des Hauses selber dort. Das ist der Grund, warum Tommy ein Apartment in Sendong City gemietet hat."
Rica nickt und schweigt.
Lang fasst zusammen: "Also: Die zwei Deutschen leben nie zusammen im Haus."
"Aber Freunde sind die schon", nickt Rica in Richtung der Polizistinnen.
Ma'am Papillio schaut nun Lang und Matthew an: "Und wie lange ist Mr. Heger dann im Dorf, wenn er das Haus mietet?"
Matthew antwortet: "Normalerweise so einen Monat. Tommy, also Mr. Heger ist, soweit ich das erinnere, immer zur Fiesta im Dorf. Wenn er dann abreist, lässt er den Schlüssel vom Haus bei mir. Ich bin es auch, der repariert, sollte im Haus etwas kaputt gehen. Ich schaue auch nach dem Haus, wenn es leer steht."
"Wann ist Fiesta im Dorf?", fragt und schreibt Ma'am Tolisan.
"Im Mai, Ma'am", entgegnet Lang, Matthews Ehefrau.
"Am 11. und 12. Mai ganz genau", präzisiert Romolo. Er reibt sich das Knie und bemerkt schief grinsend: "Arthrose, Ma'am."
Vicente wirft ein: "Tommy hat mir erzählt, er habe dieses Jahr zur Fiesta keine Zeit. Deshalb sei er diesmal schon Weihnachten gekommen."
Ma'am Tolisan fragt schnell, ohne auf Romolo und Vicente einzugehen: "Der Eigentümer, hat der keine Familie, die das Haus bewohnt?"
Matthew fühlt sich angesprochen: "Ja, doch, die Freundin wohnt zwei Dörfer weiter, in Richtung Tugalm City. Aber sie ist sehr selten im Haus in unserem Dorf. Sie lebt dann lieber bei ihren Eltern."
"Gut, gut", sagt Ma'am Tolisan und schreibt dabei in kaum leserlicher Schrift.
Ma'am Papillio blickt in die Runde: "Und Thomas Heger, so heißt der Mann doch richtig? Ihr Tommy, wie Sie ihn nennen, hat der auch eine Freundin hier?"
"Oder einen Freund?", erweitert Ma'am Tolisan Ma'am Papillios Frage ungerührt.
Die Eltern schauen sich fragend an.
Vicente antwortet: "Er, also Tommy, hat mal erzählt, er hätte eine Freundin in Cebu. Aber das sei vorüber. Hier im Dorf hat er wohl nichts, soweit ich weiß."
"Aber Mr. Heger wäre doch eine gute Partie! Ausländer, reich, gutaussehend, gebildet", fragt Ma'am Tolisan wieder betont beiläufig.
"Wir sind doch alle verheiratet, Ma'am, und so genau kennen wir das Privatleben von Tommy dann auch nicht", antwortet Lang und wischt sich mit einem kleinen Tuch Schweiß von der Stirn. Ihr und allen aus dem Dorf ist das Thema sichtlich unangenehm.
"Ich notiere," sagt Ma'am Tolisan mit Blick auf das gelbe Papier, "die Eltern kennen Mr. Hegers private Verhältnisse nicht, lassen aber ihre Kinder mit dem Ausländer reisen."
Rica ist nervös. Sie stottert: "Der Tommy, der hat, der hat doch eine Freundin in Deutschland."
Ma'am Papillio schüttelt mit ernster Miene den Kopf. Spitz fragt sie: "Kennen Sie die Dame? Hat sie Mr. Heger jemals ins Dorf begleitet? Hat Ihr Freund, Mr. Heger, Ihnen Fotos gezeigt?"
Die Eltern schütteln zaghaft die Köpfe.
Ma'am Papillio schaut zufrieden auf, dann blickt sie ernst mit zusammengepressten Lippen und mit zusammengekniffenen Augen in die Runde: "Alle Kinder haben Cellphones bei sich, die von Heger stammen. Was hat es damit auf sich? Vielleicht Geschenke an Sie? Geschenke, um an die Kinder heranzukommen?"
Ma'am Tolisan ergänzt in gewohnter Form: "Oder um Vertrauen aufzubauen?"
Ma'am Papillio reibt sich mit der rechten Hand Stirn und Schläfen. Ihre Augen sind geschlossen. Sie wirkt auf die Eltern konzentriert und nachdenklich. Bevor die Eltern antworten können, fragt sie in scharfem Ton: "Hat Tommy Ihnen Geld gegeben, damit die Kinder mit ihm reisen dürfen?"
"Oder andere Dinge wie Cellphones?", fügt Ma'am Tolisan streng hinzu.
Eine bedrückende Stille folgt. Nur die abgewetzten Kunststoffstühle knarzen auf dem polierten Betonfußboden. Die Eltern schweigen, rutschen aber nervös auf den Stühlen hin und her.
Nach wenigen Sekunden - für die Eltern eine gefühlte Ewigkeit - schreibt Ma'am Tolisan auf ihrem gelben Papier und liest dabei laut mit: "Keine Antwort auf die Frage, ob die Eltern Geld oder Güter bekommen haben von Mr. Heger, so dass die Söhne der Eltern im Gegenzug Mr. Heger besuchen und mit ihm reisen."
Die Frauen beginnen zu schluchzen. Ernesto schüttelt wie die anderen den Kopf: "Nein, nein, so ist das nicht!"
Romolo, dessen Knie jetzt offenbar stärker schmerzt, stöhnt: "Nein, ich, wir haben kein Geld von Tommy bekommen. Manchmal hat er mir ein wenig Geld für Bier spendiert. Aber ich habe auch Reis davon gekauft. Mit meinem Bruder Adon, das ist der Vater von Franco, hat er ein Fischerboot gebaut. Da war ich mit im Team. Adon hat Tommy aber vom Gewinn ausbezahlt. Das ist vorbei. Das Boot ist kaputt und Geschichte. Mein Bruder Adon, ist leider vor einigen Jahren verstorben. Gott hab ihn selig."
"Die Cellphones sind Weihnachtsgeschenke", kommt Rica mit zitternder Stimme auf die Frage der Polizistinnen zurück.
Ricas Ehemann Ernesto, Lang und Matthew, Vicente und Michael und Romolo nicken heftig.
Michael wiederholt: "Weihnachten, Geschenke." Er führt aus: "Das sind doch billige Cherrymobile- und Myphonecellphones."
"Aber die haben schon Kameras, Speicherkarten und MP3", kontert Ma'am Tolisan sarkastisch.
"Ma'am," flüstert kaum hörbar Vicente, "Ma'am, der Tommy ist ein guter Mensch mit einem großen Herz. Besonders für Kinder. Aber nicht nur für Jungen. Er unterstützt meine Cousine Marielou seit ihrer Highschoolzeit. Marielous Eltern, mein Onkel Wilfredo und seine Frau sind wie fast alle im Dorf arme Fischerleute. Marielou träumt, einmal dem Dorf zu entkommen. Das geht nur mit einer guten Bildung." Vicente wird immer lauter und energischer, während sie redet. Trotzig fährt sie fort: "Tommy bietet vielen jungen Menschen eine Alternative. Auch Franco, einer von Adons Söhnen wird von Tommy unterstützt."
Die Dorfbewohnen nicken.
"Und im Gegenzug tolerieren Sie den Missbrauch Ihrer Kinder?", ruft Ma'am Tolisan aggressiv.
Ernesto springt wütend auf: "Unterstellen Sie uns nicht immer diese Dinge! Mir hat Tommy nie Bargeld oder Sonstiges gegeben! Das ist Fakt, Ma'am."
"So beruhigen Sie sich doch!" Ma'am Papillio versucht, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Freundlich bittet sie Ernesto: "Und setzen Sie sich bitte wieder hin."
Rica ist während des Gesprächs auffallend zurückhaltend. Ihre langjährigen Freundinnen Lang und Vicente wissen genau, dass Rica seit Anbeginn der Befragung innerlich kocht. Ricas linkes Augenlid zuckt nervös und manchmal auch der Augenwinkel. Sie ist auch immerzu in unguter Weise mit ihren Fingernägen beschäftigt. Ihr Kopf ist - wohl des erhöhten Blutdruckes wegen - gerötet. Sie schwitzt stark. Jetzt kann sie sich nicht mehr auf dem Stuhl halten und springt so heftig auf, dass der Plastikstuhl nach hinten wegkippt. Sie kreischt, so dass Ma'am Papillio und Ma'am Tolisan reflexartig zurückweichen: "Wissen Sie, dass wir unsere Söhne nicht besuchen dürfen? Wissen Sie das? Haben Sie die Isolation angeordnet? Wir werden kämpfen und uns einen Anwalt nehmen!"
Nun schluchzt Rica: "Wir haben schon einmal ein Kind verloren! Wir möchten sofort unsere Kinder sehen!"
"Aber, aber, Ma'am Restito. Diese Anordnung gilt nur so lange, bis wir mit unseren Ermittlungen fertig sind. Nun beruhigen Sie sich bitte und setzen Sie sich alle wieder hin."
Ernesto stellt den umgekippten Stuhl wieder auf.
Ma'am Tolisan blafft die Eltern scharf an und gestikuliert dabei wild mit den kurzen dicken Armen: "Es besteht kein Grund hier laut zu werden." Sie schaut hilfesuchend zu ihrer Chefin Ma'am Papillio: "Isoliert sind Ihre Kinder maximal vier bis sieben Tage. Danach können Sie Ihre Söhne im BSWD besuchen."
Rica trocknet die Tränen aus den Augen: "Ich wollte den Jungen selbstgekochtes Essen, Obst und Getränke bringen. Dieser freche Wachmann..."
Ma'am Papillio fährt Rica ins Wort: "Das Essen hätten Sie doch abgeben können!"
"Habe ich doch." Rica hat sich wieder unter Kontrolle.
"Na, sehen Sie. Dann ist doch alles gut", entgegnet Ma'am Papillio und seufzt mit Blick zu Ma'am Tolisan: "Gut, ich denke, wir sind mit der Befragung am Ende. Haben Sie noch Fragen?"
Michael spielt mit der Marlboroschachtel: "Wann dürfen unsere Söhne heim und wann kommt Tommy raus?"
"Ma'am Papillio schaut kurz zur Decke: "Was die Kinder betrifft, ich denke - aus meiner Sicht - in etwa einer Woche. Aber das liegt dann in der Hand vom Fiscal, dem zuständigen Staatsanwalt."
Ma'am Tolisan ergänzt: "Aber wenn eine Anzeige gegen Mr. Heger ergeht und der Fiscal befindet, die Beweislage ist ausreichend...."
Ma'am Papillio unterbricht Ma'am Tolisan: "Ja, wenn der Fiscal meint, die Beweislage ist ausreichend, dann wird aus der Anzeige ein Criminal-Case (Fall) vor Gericht."
Nun redet wieder Ma'am Tolisan: "Und dann liegt die Entscheidungsgewalt über die Kinder und Mr. Heger beim Richter."
"Und zwar nur dort!", stellt Ma'am Papillio mit fester Stimme klar. Ihre Gesichtszüge entspannen sich. Sie blickt die Eltern milde an und ergänzt: "Vielleicht ist es besser, Sie zeigen Mr. Heger an, bevor es ein anderer tut."
Ma'am Tolisan nickt zaghaft mit gesenktem Blick.
Die Antworten sind eindeutig: "Niemals!" erklingt es im Chor und die Polizistinnen haben wieder alle Hände voll zu tun, die erregten Eltern zu beruhigen.
"Das ist nur ein Vorschlag", sagt Papillio schnell, als die Eltern wieder auf den Plastikstühlen Platz genommen haben.
"Gut!", kommt Ma'am Papillio zum Schluss, "Ob der Fall im Gericht landet, wann die Kinder zurück zu Ihnen dürfen und ob Tommy, ähm Mr. Heger dann entlassen wird oder nicht, entscheidet zuerst ein Fiscal."
"Nach Abschluss unserer Ermittlungen", wiederholt Ma'am Tolisan mit Nachdruck.
Michael versucht es noch einmal: "Aber die Kinder sagen doch nichts gegen Mr. Heger, ähm, gegen Tommy aus!"
"Wir werden unseren Bericht schreiben und dann geht das zum Fiscal", wiederholt ungeduldig und müde Ma'am Papillio und schaut auf ihre hübsche Damenrolex.
Vicente fragt besorgt: "Ma'am Papillio, Sie zeigen aber doch Tommy nicht an?"
Ma'am Papillio und Tolisan wechseln kurz Blicke. Ma'am Papillio ist die, die antwortet: "Nein, wir werden Mr. Heger nicht anzeigen."

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