3.08. Verschwörung

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Die Sozialarbeiterin des BSWD, Ma'am Solano telefoniert mit dem Chef des Senders ABC-PTV, Steiner: "Ja, Sir Steiner, sorry, aber ich kann da jetzt nichts machen. Das ist eine Anordnung der Polizei. Keine Besuche und keine Medien. Die Kinder sind isoliert."
"Ma'am Solano, da ist immer ein Weg", tönt ungehalten Steiner aus dem Lautsprecher des Cellphones.
Ma'am hört, wie Steiner den Rauch seiner Zigarette scharf aus dem Mund bläst. Steiner fährt mit verschwörerischer Stimme leise fort: "Wir brauchen so schnell wie möglich ein weiteres Interview, Ma'am. Da springt dann natürlich für Sie, Ma'am, noch 'mal ein stattliches Sümmchen heraus."
"Ja, ja, natürlich, natürlich, Sir", stottert Ma'am Solano unterwürfig und wischt sich mit der linken Hand und einem Taschentuch Schweiß von der Stirn. "Aber nicht auf dem BSWD-Gelände. Hier ist das unmöglich."
Ihre Stimme wird um zwei Tonlagen höher: "Sir Steiner, Sir, mir fällt da gerade etwas ein. Eine gute Gelegenheit für ein schnelles Interview könnte doch sein, wenn die Jungen in die Hall of Justice (Gerichtsgebäude) zum Fiscal (Staatsanwalt) gebracht werden. Das Problem ist nur, wir, ähm, die Ermittler Ma'am Papillio und Tolisan, die sind noch lange nicht so weit."
"Ist ja auch kein Wunder, der Deutsche ist doch erst seit zwei Tagen inhaftiert", fährt Steiner in Ma'am Solanos Rede. Ma'am hört ein Piezofeuerzeug klicken und das Inhalieren von Steiner. Eine kurze Gedankenpause entsteht. Steiner bläst wieder den Rauch der Zigarette scharf aus. Er ist verärgert: "Das kann noch eineinhalb bis zwei Wochen dauern, bis der Fiscal die Kinder zu sich ruft. So lange können wir nicht warten, Ma'am. Manila sitzt mir im Nacken. Die wollen mehr Informationen und noch ein Interview. Dass wir exklusiv sind, Ma'am, das rechnet mir Manila hoch an. Aber ich muss liefern, Ma'am, sonst ist die Geschichte schnell verbrannt."
Ma'am Solano ist am Überlegen, ihre Stimme steigert sich noch mal um eine Tonlage: "Ich, Sir Steiner, ich werde mit dem Chef der Staatsanwälte reden. Den kenne ich privat. Einer seiner Staatsanwälte soll so schnell wie möglich selber die Kinder befragen."
Ma'am Solano springt auf. Sie schreit spitz: "Ich weiß, wie wir die Sache abkürzen können!"
"Ja, wie denn?", unterbricht Steiner Ma'am ungeduldig.
"Überlassen Sie das nur mir, Sir Steiner, und vertrauen Sie mir! Ich werde dafür sorgen, dass die Kinder in den nächsten drei Tagen in die Hall of Justice gebracht werden!"
"Drei Tage?", wiederholt Steiner nachdenklich. "Gut, ich telefoniere mit meinem Boss in Manila. Aber Ma'am, sorgen Sie dafür, dass keine anderen Medienleute mit den Kindern reden."
Seine Stimme wird lauter und nimmt eine drohende Tonlage an: "Verstanden, Ma'am?"
"Jaha!", singt fröhlich Ma'am Solano, "Verlassen Sie sich doch da ganz auf mich. Ich weiß, was zu tun ist. Ich weiß, wie ich die Kinder so schnell wie möglich in die Hall of Justice bekomme."
Ein wenig wundert sich Steiner über die plötzliche überschwängliche Fröhlichkeit der kleinen, dicken Frau und legt mit den Worten: "Ich verlasse mich auf Sie.", grußlos auf.

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In dem Moment betritt Juan B. Sala, Ma'am Solanos Chef, das Büro. Er schüttelt seinen unbehaarten, glänzenden Schädel: "Ich habe gerade mit einem der Väter gesprochen. Unglaublich! Unglaublich, wie naiv der ist. Ich denke alle Eltern sind so! Einfaches Volk. Fischer, Handwerker, Tagelöhner. Die finden das ganz normal, ihre Kinder mit einem Ausländer reisen zu lassen. Hier bei uns, auf den Philippinen, wo so einiges mit Kindern und Ausländern passiert."
Sala schaut seine langjährige Mitarbeiterin an und wundert sich: "Evelyn, geht es Dir gut? Du siehst mitgenommen aus?"
"Ja, ja, alles in Ordnung", stottert Ma'am Evelyn Solano. Sie wischt sich schnell erneut Schweiß von der Stirn, füllt ihren Becher mit kühlem Wasser am Dispenser und nimmt einen tiefen Schluck. Dann sagt sie ausdruckslos: "Die Eltern wissen doch nicht, was im Land los ist. In Sendong City, wo die Eltern und ihre Kinder herkommen, gibt es so gut wie keinen Tourismus. In Manila und in den anderen großen Städten, da sind doch die Brennpunkte für Sextourismus. Die Eltern sind über diese Themen nicht informiert. Die haben sicherlich auch kein eigenes Fernsehgerät und wissen deshalb von nichts. Die sind einfach naiv und unwissend."
Sala sitzt nun an seinem Schreibtisch und hört erstaunt zu: "Ja, da hast Du wohl recht, Evelyn. Naiv und ein wenig dumm."
Er beginnt fluchend, einen wüsten Stapel Papiere zu ordnen: "Wie ich diesen Papierkrieg hasse. Evelyn, ich möchte Dich bitten, diesen Fall mit den fünf Jungen zu übernehmen. Das ist das Beste. Du bist ja auch bei der Rettungsaktion dabei gewesen."
Ma'am Solano flötet bestens gelaunt: "Aber mit Vergnügen, Juan. Ich werde mir gleich noch mal die Jungen vorknöpfen. Ich denke erst mal nur drei der fünf. Den, den alle Aboy nennen und den Kleinsten, wie heißt der noch mal, Dan? Die haben nackt geduscht."
Sir Sala nickt kurz.
Ma'am Solano fährt fort: "Und den Phil, der ist doch nackt auf dem Bett herumgesprungen. Ich frage Dich, Juan, warum?"
Sala nickt wieder gedankenverloren. Er ist bereits in seine Arbeit vertieft und nuschelt abwesend: "Ja, Evelyn, das ist merkwürdig. Was mache ich nur mit den drei Straßenjungs, den Klebstoffschnüfflern? Ganz weit weg von hier bringen, das wäre wohl das Richtige."
Ma'am Solano redet, das nicht hörend, was ihr Chef sagt, einfach weiter: "Und danach werde ich richtig Wind in die Sache bringen. Was sage ich, Wind? Einen Taifun wird es geben!" Sie lacht gehässig und reibt sich die kleinen dicken feuchten Hände.
Sir Sala hört schon gar nicht mehr zu, antwortet aber dennoch: "Gut, Evelyn, tue, was Du für richtig hältst."

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