3.06. Marielous Unglück

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Marielou hat ein wunderschönes Wochenende hinter sich. Sie steigt gut gelaunt aus der Motorela, die soeben am Waitingseat im Dorf ihre Wendeschleife gedreht hat. Ein paar kleine Kerle versuchen am zerschlissenen Basketballnetz Körbe zu werfen und wirbeln dabei ungehörig viel Staub auf.
"Hallo, Lou", grüßen die schmutzigen Knirpse. Einige sind ihre Cousins. Marielou streift sich das schulterlange glatte Haar nach hinten, kann sich ein Lächeln beim Anblick der verstaubten Zwerge nicht verkneifen, grüßt freundlich zurück und verharrt kurz auf dem von der Sonne erhitzten Platz. Das Dorf ist, abgesehen von den kleinen Basketballspielern, menschenleer und es ist auffallend still.
'Beunruhigend still', denkt Marielou verwirrt.
Ältere Frauen mit Wäschekörben eilen tuschelnd vorbei, ohne ihr Beachtung zu schenken. Es liegt eine ungute Stimmung in der Luft. Marielou hat dafür Antennen. Irgendetwas stimmt heute nicht. Es geht gegen zwölf Uhr und die Luft flimmert in der Mittagshitze. Das gesamte Wochenende ist sie auf Veranstaltungen im College gewesen und übernachtet hat sie bei ihrer gleichaltrigen Cousine in Sendong City. Ihr Cellphone hatte sie nicht dabei.
'Vielleicht ist jemand verstorben oder plötzlich schwer erkrankt?', fragt sie sich und blickt sich ungläubig um.
Sie erinnert sich vieler Situationen, auf die Stimmungen - ähnlich der heutigen - folgten: 'Nachbarschaftsstreit, Streit zwischen Betrunkenen oder ein lautstarker Ehekrach. Nach Unfällen oder nachdem ein Taifun das Dorf heimgesucht hatte.'
Marielou tippt auf Unfall. Vielleicht ist etwas beim Fischen passiert? Oder ein Motorradunfall?
Die Knirpse zu fragen, das wird wohl zu nichts führen, entscheidet sie und eilt nach Hause.

Die attraktive 18-jährige Marielou besucht das erste Semester des Sendong City Colleges. Sie ist die Jüngere von zwei Töchtern der Eheleute Wilfredo und Janeth. Auch diese Familie gehört zum Taslig-Clan. Wilfredo ist der jüngere Bruder von Romolo Taslig (Aboys Vater) und Marie-Ann, die die Mutter von Vicente ist (Vicente ist Phils Mutter).

Marielou erreicht, atemlos vom schnellen Gang durch das Labyrinth von Häusern und Hütten, den Landstreifen, der dem schwarzen Sandstrand vorgelagert ist. Hier stehen die einfachen Hütten der Fischerleute unter hohen Kokosnusspalmen. Das kleine Fischerboot ihrer Eltern ist mit dem Kiel nach oben auf zwei Holzgestellen aufgebockt. Der Vater repariert den Holzrumpf. Es riecht nach Expoxidharz und Ölfarbe. Die Mutter sitzt breitbeinig im Staub und flickt mit Nylonfaden und einer großen Holznadel das Fischernetz.

"Mama, Papa!", platzt Marielou in die Situation, "Ist etwas passiert?"
Ihre Mutter springt sofort auf und umarmt Marielou heftig: "Das weißt Du noch nicht, Lou? Mit Tommy ist etwas passiert!"
"Ja, was denn?", unterbricht ungeduldig Marielou ihre Mutter. Sie stehen sich jetzt gegenüber.
Wilfredo schaut auf und legt sein Werkzeug beiseite. Er schüttelt den Kopf: "Der Tommy ist in Talungan verhaftet worden. Da war ein sehr komischer Bericht heute morgen in den Nachrichten. Hast Du die Nachrichten nicht gesehen?"
"Samstag sind wir mit dem gesamten Semester am Teklos-Wasserfall gewesen. Gestern hatten wir den ganzen Tag Veranstaltungen im College. Die anschließende Party ging dann wirklich bis spät in die Nacht. Wir haben deshalb heute früh lange geschlafen. In Talungan verhaftet? Tommy habe ich doch noch gesehen. Das war Samstagmorgen, bevor er mit den Kindern nach Talungan reisen wollte. Ich habe ihn im Apartment besucht. Er hat mir 500 Piso für die Aktionen in der Schule geschenkt und wollte sich mit den Jungen am Busterminal treffen. Tommy sagte, Aboy und Phil würden mit ihm reisen und wohl noch drei andere? Bin mir aber nicht sicher." Marielou erschrickt: "Ist etwas mit den Kindern?"
Ihre Mutter schluchzt: "Die sind wohl im BSWD. Romolo, Vicente und Michael, Rica und Ernesto und Lang und Matthew sind sofort nach Talungan gefahren."
Ihr Vater ergänzt: "Kagawad, Franco, Silas und Mikel-Loy begleiten die Eltern. Die Kinder sind okay. Im BSWD. Wir wissen auch nichts Genaues."
"Aber, aber", stottert Marielou, "das ist ein Missverständnis. Warum ist Tommy verhaftet? Kinder im BSWD?"
Wilfredo wendet sich wieder den Reparaturarbeiten am Fischerboot zu: "Wir können nur beten, dass sich das schnell aufklärt." Er schüttelt erneut den Kopf. Mürrisch fügt er hinzu: "Ich muss weitermachen. Deine Ma und ich, wir wollen heute Nacht fischen."
Auch Marielous Mutter sitzt wieder auf dem Boden und zieht das Fischernetz zu sich: "Wir haben den Bericht über Tommy in den Nachrichten gesehen. Tommy wurde in einem Hotel verhaftet. In der Nacht. Die Jungen haben schon geschlafen, das konnten wir erkennen. Aber warum Tommy verhaftet wurde, das sagte der Bericht nicht. Alles sehr merkwürdig."
"Das glaube ich nicht!", ruft Marielou panisch. "Ist mein Cellphone geladen? Ich rufe gleich Tommy an. Oder Franco. Der hat sein Cellphone bestimmt dabei. Ich muss Tommy helfen. Er wollte doch mit mir diese Woche ins College. Die Gebühren für das kommende Semester bezahlen."
Nun ist Marielou verzweifelt: "Mist, was mache ich denn jetzt? Tommy muss sofort raus. Warum verhaftet? Was wirft man ihm denn vor?"
Marielous Eltern wenden sich ihrer Arbeit zu. Sie schauen fragend, aber haben auf auf die Fragen ihrer Tochter keine Antwort.
Marielou läuft in ihre einfache, aber gemütliche Hütte. Die Wände bestehen aus geflochtenen Blätter der Nipapalme, das Dach aus Wellblech. Vor der Hütte befindet sich eine kleine Veranda mit Stühlen und einem Tisch aus Bambusrohr.

"Mist, kein Load", vernehmen die Eltern wenige Sekunden später den Schrei von Marielou. Schon steht sie wieder bei ihren Eltern. Das einfache rote Cherrymobile in der Hand.

Nun ist Marielou mit wehendem Haar auf dem Weg zum Sari-Sari-Store im Dorf. In der linken Hand das Cherrymobile, in der rechten 50 Piso für Load. Vater hat ihr das Geld murrend gegeben. Sie selbst hat keinen einzigen Piso mehr in der Tasche.
Marielou bleibt im Labyrinth der Häuser und Hütten abrupt stehen. Sie ist kurz vor einer Panikattacke.
Sie überlegt: 'Was hat das mit Tommy zu bedeuten? Auch wenn Tommy schnell rauskommen sollte, er wird sofort das Land verlassen. Meine Eltern können mit dem bisschen Fischfang kaum das College finanzieren. Aber ich muss studieren. Sonst komme ich nie aus diesem gottverlassenen Dorf.'
Marielou ändert ihren Plan. Zuerst ihre beste Freundin Ning besuchen und Ning um Rat bitten. Das Loadkaufen kann warten.
'Bestimmt hat Ning Load in ihrem Cellphone oder Ning weiß schon mehr als ihre Eltern. Ning weiß ja sonst auch immer alles', grübelt Marielou.

Die süße, äußerst gutaussehende Ning hat zwar mit Marielou die Highschool zu Ende gebracht, vom College will Ning aber nichts wissen. Ning lässt sich lieber von ihren vielen Freunden aushalten. Hauptsächlich sind es Bekanntschaften aus dem Internet. Auch einige reiche Ausländer sind darunter. Wie und wo Ning immer neue Bekanntschaften im Internet auftreibt, bleibt Marielou ein Rätsel. Ning hat jedenfalls immer Geld für sich und ihre Eltern. Sie wird bestimmt auch einige einflussreiche Leute in Sendong City kennen. Vielleicht können die helfen oder zumindest einen guten Rat geben. Marielou ist fest entschlossen zu helfen. Sie muss aktiv werden. Tommy tut ihr leid. Ausgerechnet der nette Tommy, verhaftet? Marielou versteht die Welt nicht mehr.

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