3.03. Der Polizeimayor und Du!

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Es geht gegen neun Uhr. Du liegst auf dem wackeligen Etagenbett und hängst deinen Gedanken nach. Von Zeit zu Zeit bläst du in den Spinnwebenteppich an der Unterseite des Bettes über dir. Die Spinnweben bewegen sich in Wellen, vom Punkt ausgehend, den du anbläst. Spinnen sind nicht zu sehen, dafür umso mehr deren ausgesaugte Opfer. Die schwülwarme Luft steht. Dir kommt das Dorf in den Sinn. Der Plan war, dort ein Haus zu errichten. Neben dem Haus des Deutschen und direkt an der Flussmündung. Mit fantastischem Blick über das Meer und mit blutroten Sonnenuntergängen. Dazu hätten aber die schönen Akazienbäume gefällt werden müssen. Du schüttelst den Kopf und damit die unnötigen Gedanken fort.
"Fantastareien, Tagträume und Spinnerei.", flüsterst du und ergänzt frustriert: "Das war nichts anderes als das. Nichts anderes."
Dir ist bereits bewusst, dass du rennen wirst. Sobald du hier raus bist, wirst du rennen. So schnell wie möglich den erstbesten Flug nehmen. Nur raus aus dem Land. Nur weg! Alle Träume sind zerplatzt. Sie platzen gerade jetzt, in dieser unwürdigen Zelle, in dieser stinkenden Gruft.

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Durch den Fensterspalt unter der Decke hinter dir dringen Stimmen und jetzt auch blecherne Musik in die Zelle

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Durch den Fensterspalt unter der Decke hinter dir dringen Stimmen und jetzt auch blecherne Musik in die Zelle. Du stellst dich mit den Sandalen auf die kurze Kante des unteren Bettes und blickst aus dem Fenster. Auf einem Kunststofftisch haben Polizisten eine kleine Stereoanlage aufgebaut. Einer der Polizisten prüft ständig wiederholend das Mikrofon am Ende des Kabels: "Eins, zwei, eins, zwei. Zwo, zwo, zwo. Soundcheck, Soundcheck." Zwei Polizisten entfalten feierlich die philippinische Flagge. Sie tun dies, als würde es sich um rohe Eier handeln. Die Flagge wird an den Mast geknüpft. In Gruppen stehen Polizisten und Polizeianwärter und unterhalten sich leise. Alle sind in Uniform. Einige prüfen sich gegenseitig, rücken Mützen und Namenschilder oder die geflochtenen Bänder, die von der rechten Brust zur linken Schulter hängen, zurecht. Andere schneiden sich mit Nagelclipsern die Fingernägel. Wieder andere wischen sich den Staub von den schweren schwarzen Lackschuhen, so dass die Sonne darin glänzt. Keiner nimmt von dir Notiz, keiner entdeckt dich.
Ein Gong ertönt von irgendwo, die Musik wird auf minimal gestellt und das Testen des Mikrofons ist sofort beendet. Die Polizisten formieren sich. Die Männer rechts, die Frauen links, dahinter die Anwärter, auch getrennt nach männlich und weiblich. Du erkennst die Offiziere Sarang und Pangunang in der ersten Reihe. Ma'am Papillio und Ma'am Tolisan sind nicht anwesend. Der Mayor betritt feierlich den Platz und baut sich vor seiner Mannschaft auf. Links und rechts neben dem Mayor stellen sich Offiziere auf. Sicherlich die direkten Untergebenen des Mayors, dem Chef der Polizeistation.
Du erinnerst das Bild des Mayors in Sarangs und Pangunangs Büro und den Schauer, der dir den Rücken hinuntergelaufen ist. Der Mayor hat tatsächlich eine unheimliche Ähnlichkeit mit Idi Amin, dem verstorbenen blutrünstigen afrikanischen Diktator. Er und seine zwei Offiziere stehen jetzt aber mit dem Rücken zu dir.
Der Untergebene rechts vom Mayor nimmt das Mikrofon und klopft daran. Die Polizisten senken die Blicke und falten die Hände. Der Offizier betet. Danach öffnet er seine Bibel und beginnt daraus zu zitieren. Das gemeinschaftliche Amen und das gleichzeitige Bekreuzigen beendet das Gebet.
Der linke Offizier tritt hervor, hebt die Arme wie ein Dirigent und sagt: "Singing the National Anthem."
Die Melodie der Nationalhymne ertönt blechern aus der billigen Stereoanlage. Alle Polizisten haben die rechte Hand zum militärischen Gruß an der Stirn, die Anwärter die rechte Hand auf dem Herzen. Mit Inbrust wird mitgesungen. Währenddessen wird die Flagge gehisst.
Nun hält der Mayor eine kurze Ansprache in Visayan. Du verstehst kein Wort. Er schreitet die Reihen ab, gefolgt von den zwei Offizieren. Hier und da prüft er eine Uniform, lässt sich Fingernägel zeigen oder lässt einen Gürtel oder eine Schirmmütze zurechtrücken. Das dauert keine fünf Minuten und wirkt eher oberflächlich. Zurück vor dem Kunststofftisch stehen der Mayor und die zwei Offiziere wieder frontal zur strammstehenden Mannschaft. Einige Worte vom Mayor, Salutieren und die Mannschaft steht gelöst. Der Spuk ist vorüber.

Du lässt dich wieder auf das Bett nieder. Es vergeht keine Minute, da quietscht erbärmlich das Tor des Maschendrahtzauns beim Öffnen. Du springst auf. Genau im richtigen Moment stehst du an der Gitterstabtür. Idi Amin steht mittig, seine Offiziere haben sich links und rechts neben ihrem Mayor aufgebaut. Dunkle, fast schwarze Haut, fettiges aufgeschwemmtes Gesicht, riesige Schirmmütze mir rotem Band, aber keine 1,60 Meter groß, beschreibst du für dich im Stillen.
Seine Stimme ist tief und streng. Befehlston. Er spricht gebrochenes Englisch:
"Name?"
Du salutierst automatisch und stehst augenblicklich stramm, obwohl dir das sofort albern vorkommt. "Thomas Heger", antwortest du gehetzt.
Der rechte Offizier wiederholt: "Thomas Heger, Sir."
Du wiederholst atemlos: "Thomas Heger, Sir."
"Nationalität?"
"Deutsch, Sir."
"Warum hier?"
Es sprudelt aus dir heraus: "Sir, ich wollte nur eine Nacht im Hotel schlafen, am nächsten Morgen sofort zurück. Hatte Erlaubnis der Eltern. Wollten Schul..."
Der Mayor reagiert verärgert: "Beantworten Sie nur meine Frage."
Du weißt nicht zu antworten, der linke Offizier öffnet einen dünnen weißen Ordner aus Pappe und liest in militärischem Ton und viel zu laut vor: "Republic Act 7610, Sir."
Er klappt den Ordner zu. Alle drei nicken mit verächtlichem, angewidertem Gesichtsausdruck. Die Mundwinkel nach unten gezogen, die Augen zusammengekniffen. Ohne weitere Worte zu verlieren, drehen sich die Offiziere und der Mayor wie auf Befehl nach links und sind schon zur nächsten Zelle verschwunden.
Verwirrt setzt du dich auf das Bett. Weitere dir unbekannte Polizisten und Polizistinnen begaffen dich nacheinander. Dir ist die Situation plötzlich ausgesprochen peinlich. Es wird vor der Zelle über dich getuschelt. Du vernimmst deutlich die Schlagwörter: Deutscher, Hotel, fünf kleine Jungen, halbnackt, gerettet, Kamera, Missbrauch, 7610.
Dein Verdruss schlägt in Ärger und sofort in Wut um: 'Die machen dich hier zum Täter', schreit es in dir. 'Du musst etwas tun, etwas unternehmen, aktiv werden, dich endlich wehren!'
"Aber was?", flüsterst du, "Aber was?"
Du gehst zwei Schritte, kehrst um, gehst zwei Schritte, kehrst um. Mehr Platz gibt die Zelle - die stinkende Gruft - nicht her.
Das Tor des Zauns quietscht erneut. Es wird still, die Visite ist vorüber. Dein Blutdruck jedoch im ungesunden Bereich.

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Du hast geschlafen. Jemand rüttelt an der Zellentür: "Tommy, Tom, Essen, Cola, Padesal, Kekse." Es ist Michael, in Begleitung des Wachmannes von der Schranke. Schlaftrunken schaust du auf deine Armbanduhr: 10:42:43.
In gebrochenem Englisch mit Visayan durchsetzt redet Michael aufgeregt von Essen, Getränken und Keksen und schiebt dabei die Plastikdosen hochkant zwischen den Gitterstäben durch. Sogar an Besteck haben die Eltern gedacht.
"Ich bringe jetzt Essen zu den Jungs. Und Getränke und Süßigkeiten!", ruft Michael aufgeregt. Die schulterlangen Haare hat Michael zum Zopf gebunden.
"Das ist gut Michael. Wir müssen die Jungs ordentlich verwöhnen. Reicht das Geld?"
Michael zuckt unschlüssig mir den Mundwinkeln.
"Gut, hier sind 1000 Piso. Kauf Kekse, Schokolade und Cola."
"Danke, danke", nickt Michael schnell. Dann sagt er: "Tommy, Du brauchst einen Anwalt. Franco hat einen aber Attorney Padernesto aus Sendong ist auch gut."
"Lass uns darüber später reden. Besucht Ihr mich später?"
"Ja, klar. Wir sollen gegen ein Uhr bei Ma'am Papillio sein. Ich muss los, Tom. Das Essen ins BSWD bringen. Die Jungs haben doch bestimmt Hunger. Die Frauen haben viel gekocht. Bis später, Tommy."
Sehnsüchtig schaust du dem Wachmann und Michael hinterher.
Die Plastikdosen sind heiß, die Cola kalt. Du freust dich: 'Die Eltern kochen für dich, denken an dich, stehen also zu dir.'

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