Heroes wear Haix - Eine Blaulichtgeschichte

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Sonnabend, 23. Mai

7:57 Uhr

Ich stieg aus der U-Bahn, etwas missmutig, schließlich war es Sonnabend früh und ich musste arbeiten. Nicht nur acht Stunden, wie es der gemeine deutsche Durchschnittsbürger gewohnt ist, sondern volle 24 Stunden. Das nennt sich dann Bereitschaftsdienst, wird dementsprechend schlecht bezahlt und ist genau so spektakulär wie es sich anhört.

Ich entschied mich, die Rolltreppe zu nehmen. Aus zivilem Ungehorsam stand ich auf der linke Seite der Rolltreppe. Es störte aber keinen, weil außer mir zu dieser unchristlichen Zeit nur zwei Leute aus der U-Bahn ausgestiegen waren. Eine ältere Dame weit hinter mir, die trotz frühsommerlicher Temperaturen einen Pelzmantel und einen farblichen passenden Rauhaardackel trug, und ein sportlich gekleideter Mann knapp oberhalb der besten Jahre, der flott die Treppe erklomm. Mein ziviler Ungehorsam fiel also keinem auf. Oben angekommen blieb ich mit meinem linken Absatz am Ende der Rolltreppe hängen. Nachdem ich gerade noch einen uneleganten Sturz abgefangen hatte, hinkte ich fluchend auf die kleine Bank zu, die neben dem Wartehäuschen für die Trambahn stand. Kritisch betrachtete ich den Schaden. Wie die meisten Frauen hatte ich eine ausgesprochene Vorliebe für teure Schuhe (und Handtaschen und Sonnenbrillen usw.). Dieses war nun ausgerechnet ein edles Modell von Manolo Blahnik, das ich mir bei einem USA-Besuch vier Wochen zuvor gegönnt hatte. Ein kleiner Kratzer am Absatz zeugte von meiner Ungeschicklichkeit, oder vielleicht war dies auch die Strafe für den vorausgegangenen zivilen Ungehorsam. Seufzend polierte ich den Absatz ein wenig, was eigentlich keine Besserung brachte, mir aber das Gefühl gab, etwas für meine Babys getan zu haben. Ich schob meine Sonnenbrille ins Gesicht, obwohl es eigentlich nur wenige Meter bis zum Klinikeingang waren. Dann kramte ich noch in meiner Handtasche nach meinen Zigaretten. Ich musste eine ganze Weile suchen. Insgeheim verfluchte ich Marimekko dafür, so große und unübersichtliche Taschen herzustellen, deren einziger Zweck es war, gut auszusehen. Aber wenn es um praktische Dinge geht, setzt der weibliche Verstand ja bekanntlich aus, vor allem, wenn es sich um eine original Marimekko-Tasche handelt. Schönheit geht nun mal über Praktikabilität. Schließlich hatte ich die Zigaretten irgendwo zwischen Telefon, Lipgloss und unzähligen Taschentüchern gefunden. Es ist wohl ein Gerücht, dass Ärzte weniger rauchen als die Allgemeinbevölkerung. Sie sollten es vielleicht nicht tun, aber sie tun es ja doch. Oder gerade. Auch eine Form zivilen Ungehorsams vermutlich. Anästhesisten führen jedoch die schlechten Angewohnheiten ganz weit vorne kann. Das kommt daher, dass man den ganzen Tag in einem quadratischen Raum ohne Fenster sitzt und auf einen Monitor starrt und die meiste Zeit des Tages zwischen Routine und schierem Terror verbringt. Jeder Berufsanfänger greift nach zwei Tagen im OP-Saal automatisch nach der Zigarette, das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Die, die es nicht tun, haben entweder Nerven wie Drahtseile oder absolut keine Vorstellungskraft. 

Ein Blick auf die Uhr riss mich aus meinen Tagträumen. Um 8.00 Uhr ist im Notarztdienst Schichtwechsel. Jetzt war es schon 8.02 Uhr. Panisch warf ich meine halb aufgerauchte Zigarette auf den Boden, trat sie wohlweislich nicht mit meinen Manolo Blahniks aus und schritt so schnell es mir meine fünf Zentimeter-Absätze erlaubten zum Eingang des Klinikums. Das Zentralklinikum war mit Abstand das hässlichste Gebäude, das je erbaut werden durfte. Typisches grau-oranges 80er Jahre-Design, das von außen an eine Mischung aus Toaster und U-Boot erinnerte und von innen auch nicht wirklich besser war. Dafür bot es immerhin Platz für über tausend Betten und eine Unmenge an Personal, so dass ich auch nach drei Jahren noch das Gefühl hatte, nicht mal ein Drittel der Ärzteschaft zu kennen. Was vermutlich auch stimmte. Am Empfang der Notaufnahme saß jedoch ein bekanntes Gesicht. Pfleger Markus grinste mit aufmunternd zu.

„Na, Laura, was hast Du heute, Hausdienst oder Notarztdienst?“

„Notarztdienst.“ Murmelte ich schlecht gelaunt, was mir auch sofort wieder leid tat, denn Markus war eigentlich ganz nett und mit seinen rotblonden Locken irgendwie auch ganz niedlich, wenn auch mit seinen geschätzten 22 Jahren etwas zu jung für mich. Dabei fiel mir dann gleich ein, dass in zwei Wochen mein dreißigster Geburtstag anstand. Im Gegensatz zu den meisten Frauen in meinem Umfeld fand ich diese Zahl aber gar nicht erschreckend, sondern freute mich sogar ein wenig darauf. Dreißig, das klingt irgendwie schon mehr nach erwachsen sein und ernst genommen werden, fand ich. Außerdem gefiel mir der Gedanke, auf das unvermeidliche „Sie sind aber noch eine junge Ärztin!“, das man als weibliches Mitglied dieses Berufstandes etwa fünf Mal am Tag zu hören bekommt (für gewöhnlich mit einem etwas zweifelnden Unterton beladen) sagen zu können: „So jung bin ich gar nicht mehr, ich bin immerhin schon 30.“ Das klingt doch schon mal viel besser als: „Ich bin ja schon 29.“ Das konnte man sich auch sparen. Da konnte man dann gleich sagen: „Ich mach den Job hier noch nicht lange“, was zumeist ja nicht einmal stimmte. Allerdings hatte meine sehr lebenserfahrene Freundin Lisa mir neulich erklärt: „Dreißig ist cool, aber warte mal, bis du einunddreißig wirst, das ist dann eine echte Katastrophe!“. Ich weigerte mich, das zu glauben.

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