6. Kapitel

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Langsam schlug ich die Augen auf und gähnte demonstrativ. An den Wänden hatte ich inzwischen auch Fotos von Wotan aufgehängt. Seit einer Woche war ich nun schon Woti's Besitzerin. Ich ritt ihn inzwischen schon mit Sattel und Zaum. Aber gesprungen war ich noch nicht. Das will ich heute ausprobieren. Mein Herz begann schneller zu schlagen wenn ich daran dachte! Ich riss die Bettdecke beiseite und quälte mich in meine Reithose. Dann eilte ich die Treppe runter und schlang mein Müsli runter. Als ich im Stall ankam nahm ich vom Hacken Wotans Halfter. Dort ist früher Amigos gehangen. Es kullerte mir wieder eine Träne über die Wange. Egal wie sehr ich mich bemühte, ich konnte die Trauer nicht überwinden wenn ich an ihn dachte. Seufzend lief ich zur Koppel. Aber als ich Woti sah, wurde meine Laune sehr viel besser. Er galoppierte munter in der Koppel herum. Als er mich sah blieb er stehen und spitzte die Ohren. Dann erkannte er mich,wieherte und trabte auf mich zu. Ich streichelte ihm über die Stirn und ich legte ihm ein Halfter an. Dann führte ich ihn in die Stallgasse und putzte ihn. Ich musste daran denken wie oft ich mit Amigo hier gestanden war. Es war als ob sich in meinem Kopf ein Fotoalbum öffnet. Die Bilder streiften durch meinen Kopf und ich fing wieder an zu schluchzen. Warum konnte ich bei der Erinnerung an Amigo nicht lächeln? Weil es zu schmerzhaft war. Ich wollte ihn gemeinsam mit Wotan um mich haben, ihn streicheln können und ihn liebhaben können. Aber ich konnte es nicht. Und das bereitete mir Kummer und Schmerz. Wotan schien meine Trauer zu spüren, denn er drehte den Kopf zu mir und schleckte mir die Tränen vom Gesicht, solange bis ich keine mehr übrighatte. Ich atmete tief durch und holte den Sattel und das Zaumzeug. Dann rief ich Leon an. Er sollte mir beim springen helfen. Nach dem ersten "Pieeeep" hob er ab und sagte dass er gleich da sein werde. Derweilen holte ich meinen Schutzpanzer und den Helm. Mama will das ich beides trage. Ich glaube sie hat Angst mich auch noch zu verlieren. Dann zog ich über meine Stiefeletten meine Cheps und ging schließlich wieder zu Wotan. Er sah mich treu an und fragte sich wahrscheinlich was ich heute mit ihm vor hatte.

Da musste ich lächeln. Ich führte ihn hinaus auf den großen Sandplatz hinter dem Armenhaus. Alles was dort war hatten wir selbst gemacht. Den Platz überhaupt hatten wir erschaffe:mit Sand und Holzpfählen. Dann noch die Hindernisse. Alles bunt bemalte Holzstangen. Die Stangen hatte Mamas Bruder für uns gezimmert. Ich sah mich auf dem Platz um. Er war wirklich groß! 60x30 m hatten wir Platz. Da kam auch schon Leon auf den Platz getrottet. Er nickte mir grüßend zu und ich lächelte ihn an. Was war das? War er etwa gerade rot geworden? Ich hatte aber keine Zeit mehr darüber nachzudenken, denn ich musste ja Woti aufwärmen. Ich führte ihn fünf Minuten auf dem Reitplatz herum, gurtete nach, stellte mir die Steigbügel ein und stieg auf. Ich schnalzte einmal mit der Zunge und er setzte sich in Bewegung. Derweilen hatte Leon den Pacours aufgebaut:Ein paar Trabstangen zum aufwärmen, ein Kreuzal, ein In-Out und einen Steil. Ich sah mir die Hindernisse etwas unsicher an. Ist jetzt auch schon egal. Ich gab Wotan eine Schenkelhilfe und er trabte an.

Im schnellen Galopp ritt ich auf das Kreuz zu. In der letzten Viertelstunde bin ich mit Wotan nur ein bisschen über Trabstangen und Cavaletti getrabt. Aber jetzt wurde es ernst. Ich sah das Hinderniss vor mir und erkannte den richtigen Absprungpunkt. Wenn ich die letzten drei Galoppsprünge noch verkürzte würde es passen. Ich saß einmal kurz im Sattel ein und er verstand diese klitzekleine Hilfe ubd verkürzte die letzten Galoppsprünge etwas. Dann nahm ich den Leichtsitz ein und Wotan hob ab. Seine Hinterbeine stemmten sich kräftig vom Boden ab und wir flogen über das Hinderniss. Es war ein hammer-cooles Gefühl. Dann sah ich den Boden und bereitete mich auf die Landung vor. Er setzte wieder am Boden auf und galoppierte im korrekten Galopp weiter. Ich glaube ich habe gegrinst wie ein Honigkuchenpferd, so toll hat sich das angefühlt. Ich parierte Woti durch und lobte ihn ausgebig. Er schnaubte zufrieden. Leon baute derweilen den Steilsprung etwas höher. Ich trabte ihn wieder an und als Leon fertig war ritt ich das Hinderniss erneut im Galopp an. Wotan spitzte die Ohren. Hindernisse schienen ihn magisch anzuziehen. Ich gab ihm etwas mehr Zügel und merkte, dass es wieder perfekt passen würde. Wir hoben ab, flogen und landeten. Grnau wie nach Plan. Ich klopfte ihm den Hals während ich Leon zuhörte, der mir noch ein paar Tips gab, wie es noch besser ginge. Gehorsam nickte ich und nahm die Zügel wieder auf.  Leon deutete auf das In-Out und gab mir noch ein paar Tips eie ich es anreiten sollte. Gerade und nicht in Schlangenlinien. Ich nickte und galoppierte mit Woti auf das In-Out zu. Zack-zack-tack. Und wir waren drüber. Oke eindeutog nicht mein Lieblingshinderniss. Hat sich nich gerade wie fliegen angefühlt. Aver Leon sagte es sah suler aus also war es wahrscheinlich auch so. Mir solls Recht sein. Ich klopfte Woti nochmal den Hals und trabte ihn dann ab.

Als ich ins Haus kam saß Mama mit gesenktem Kopf am Küchentisch. Sofort merkte ich, dass irgendwas nicht stimmte. Sie hörte meine Schritte auf dem knarrenden Fußboden und hob den Kopf. Ihr Gesicht sah verweint aus. "Mam?! Was ist los? Geht's dir nicht gut?" Ihre Antwort war kurz und schockierend:" Schatz, das Armenhaus muss wahrscheinlich wegen zu wenig Geld geschlossen werden."

Wotan ✔Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt