Madame Mimi Moffat

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Günther sah sie schon von Weitem. Sie stand angelehnt an der gelben Wand des Discounters und genoss die Sonne.

Es war der erste richtig warme Tag des Jahres und die meisten Menschen wurden nach draußen gelockt. Im Park des Wohnblocks johlten die Kinder während ihre Eltern auf den Bänken saßen und ein Schwätzchen hielten. Andere nahmen, wie Günther, einen Einkauf als Vorwand, um nochmals nach draußen zu gehen.

Eigentlich brauchte er nichts, aber er wollte die Gelegenheit nutzen und ein paar Pfandflaschen abgeben. Sein persönlicher kleiner Frühjahrsputz - außerdem mochte er es nicht, wenn das tote Kapital faul herumlag. Für das Geld würde er sich etwas leisten: Erst wollte er sich eine Packung Bratwürstchen mitnehmen, um im Park mit Freunden grillen zu können. Aber dort war es ihm bereits jetzt zu voll und er glaubte nicht, dass sich bis in die kühleren Abendstunden daran etwas ändern würde. Rheinländer waren hart im nehmen, wenn es ums Grillen ging. Und so hatte er für sich entschieden, die Königin des Viertels auf eine Currywurst einzuladen als er sie dort in der Sonne stehen sah. Dafür würde das Pfandgeld fast reichen und ein bisschen konnte er drauflegen. Mit dem hinter ihm her holpernden Einkaufstrolley ging er auf Mimi Moffat zu.

"Dach, Mimi. Wie es et?"

"Jot, ech kann nit klare."

Nein, klagen würde sie nie. Hatte sie auch noch nie getan. Weder damals als ihr Bruder bei einem Verkehrsunfall starb, noch bei dem Tod ihres Verlobten.

Ihr Bruder, der Achim, war ein feiner Kerl gewesen und Günthers bester Freund. Zusammen hatten sie an ihren Mopeds geschraubt und waren damit stolz im Viertel herumgefahren. Dabei achteten sie mehr darauf, den Mädels zu imponieren als auf alles andere. Achim hatte den LKW zu spät gesehen und der Lastwagenfahrer hatte überhaupt keine Chance gehabt, Achim zu bemerken, der an der Baustelleneinfahrt vorbeifuhr. Damals entstanden die ersten Wohnklötze und der dazugehörige Park. Günther wollte wegen der Geschichte nie in einem davon wohnen, aber dort waren die Mieten noch halbwegs bezahlbar. Zumindest für ihn. Mimi lebte zusammen mit ihrer Mutter, die den Verlust des Sohnes nicht verkraftet hatte, in einer Sozialwohnung auf der anderen Seite des Parkplatzes auf dem sie sich jetzt befanden. Dort, auf der anderen Seite der Discounter und anderen Geschäfte, war nicht nur die Straße löchrig und kaputt.

Nach außen, für alle sichtbar, immer hübsch ordentlich, aber wie es dahinter ausschaut, interessiert keinen - das ganze Leben nur Fassade, dachte Günther. Aber ihm selbst war es doch auch zuerst peinlich gewesen, mit dem Trolley einkaufen zu gehen. Ein echter Kerl braucht ein Wägelchen für seine paar Einkäufe, lachhaft. Nur mit dem Alter machten sich eben die Jahre in der Fabrik bemerkbar. Täglich die gleichen Handgriffe und nach Feierabend in den Schrebergarten oder vor den Fernseher. Damals hatten sie natürlich andere Pläne gehabt. Sie wollten raus aus dem Viertel und etwas von der Welt sehen. Mit dem ersten verdienten Geld wollten sie alle zusammen ans Meer fahren. Er, Achim und Mimi sowie ein paar andere, die wahrscheinlich sowieso nicht mitgekommen wären. Aber sie drei, sie hätten das durchgezogen. Stattdessen hatten sie in diesem Sommer Achim beerdigen müssen. Mimi brach ihre Ausbildung ab und aus der Hoffnung, diese erneut aufnehmen zu können, sobald es ihrer Mutter wieder besser ginge, wurde nichts.

Günther leistete seinen Wehrdienst und als er zurück kam, hatte Mimi einen Mann kennengelernt, der sie, trotz der pflegebedürftigen Mutter im Schlepptau, heiraten wollte. Michael hätte nach seinem Studium den elterlichen Betrieb übernommen und ihnen eine gesicherte Zukunft bieten können, doch auch daraus wurde nichts. Als Michael eines Morgens erwachte, hatten sich seine Augen gelb verfärbt. Die Ärzte konnten nur noch die Diagnose stellen: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Keine vier Monate darauf war er tot.

Dumm, wie die Menschen oft sind, fingen sie an zu reden: Was hat das Mädchen bloß verbrochen, dass Gott sie so straft? Wenn das Schicksal so grausam ist, muss es dafür einen Grund geben, oder nicht?

Und selbst wer nicht redete, bedachte Mimi - ob beabsichtigt oder nicht - mit mitleidigen Blicken. Dabei ließ sie sich nie etwas anmerken, nahm jede Arbeit an, die es für sie gab und sorgte so gut für ihre Mutter und sich, wie es die Umstände eben zuließen.

Irgendwann kam das Gerücht auf, Mimi hätte ihrem Michael etwas ins Essen getan, damit sie nach der Hochzeit reich erben würde und hätte sich einfach bei der Menge des Gifts verrechnet.

"Wissen Sie, ich persönlich glaube das ja gar nicht, aber die Kundschaft ...", bekam Mimi nun immer öfter zu hören, wenn sie gekündigt wurde oder sich auf eine neue Stelle bewerben wollte. Günther hätte ihr gerne geholfen, aber das ließ sie nicht zu. Er konnte sie nur darauf hinweisen, ihren Stolz beiseite zu schieben und zumindest die Hilfe anzunehmen, die ihr zustand. Wie viele Nächte hatte er sich um die Ohren geschlagen, um herauszufinden, welche Rechte Mimi und ihre Mutter hatten, wie sie diese beim Amt geltend machen konnten und anderes mehr. Die Frauen, die er in seinem Leben kennengelernt hatte, reagierten darauf verständnislos und eifersüchtig. Dabei war Mimi wie seine Schwester. Sie waren zusammen aufgewachsen, hatten schlimme Zeiten durchgestanden und jetzt waren sie beide Ende vierzig, vom Leben gezeichnet. Er mit diesem lächerlichen Einkaufstrolley und sie mal wieder im Bademantel, den sie über einem dünnen Kleidchen trug. Diese Robe trug sie immer, wenn die altersschwache Waschmaschine streikte. Die Sachen ihrer Mutter wusch sie dann per Hand, aber ihre eigenen Sachen blieben dabei liegen. Von den Menschen, die an ihr vorbei gingen, erntete sie deswegen nur abfällige Blicke.

Günther wusste, dass manche Nachbarn Mimi als warnendes Beispiel für ihre Kinder benutzten: Passt auf, wenn ihr euch in der Schule keine Mühe gebt, endet ihr so wie die alte Frau Moffat! Als wäre das Leben so einfach. Und wer gab sich bitte Mühe, wenn nicht Mimi? Ihre Frisur war immer ordentlich, doch das fiel den meisten gar nicht auf. Heute hatte sie die Haare hochgesteckt, wie damals als sie noch jung waren und Pläne machten.

"Madame Mimi Moffat, fahrens met mech ans Meer?"

Mimi nahm die Zigarette aus dem Mund und grinste. Das Grinsen einer unbeschwerten Sechzehnjährigen.

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