3.00. Unfrei - Zweiter Tag (Beten Sie?)

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>>> Drittes Kapitel <<<

Seit es hell geworden ist, beseitigt ein gepflegter und gutaussehender älterer Herr die Reste des gestrigen Besuchstages. Er stopft die von Katzen, Ratten, Mäusen und Ameisen angefressenen Essensreste in große Stahltonnen neben dem Maschendrahtzauntor. Vor wenigen Minuten ist ein Wachmann gekommen. Er trägt den großen Schlüsselbund für die Zellen, schließt aber zuerst eine der rechten Zelle auf. Jetzt herrscht ein reger Verkehr zur Toilette links neben deiner Zelle. Die Arrestierten nehmen dort ihre Morgentoilette und sie duschen auch. Immer wenn ein Philippino deine Zellentür passiert, hörst du das: "Hey, Joe!"
Einige Male möchtest du leicht genervt zurückrufen: "Mein Name ist nicht Joe." Du lässt es aber. Alle Ausländer werden mit 'Joe' betitelt. Und alle Ausländer sind US-Amerikaner. So die weit verbreitete Handlungs- und Denkweise vieler Philippinos.
Deine Notdurft hast du am frühen Morgen in eine Plastikflasche erledigen müssen. Andere Möglichkeiten gibt die Zelle nicht her. Es gibt kein Bad, nicht mal eine Waschgelegenheit. Aber auch die anderen Arrestierten tragen Flaschen mit Urin zum Bad und entleeren sie dort. Du müsstest jetzt auch langsam mal größer. Noch ist es auszuhalten.

Nach dem verheulten Nervenzusammenbruch gestern Abend und der fast schlaflosen Nacht zuvor, hast du geschlafen wie ein Stein. Nun geht es gegen sieben Uhr. Dein Zusammenbruch war kurz nach 22 Uhr.
'Bis jetzt', rechnest du gedanklich, 'sind es also mehr als 31 Stunden in Haft.'
Du schüttelst den Kopf und damit die unnötigen Gedanken fort. Mental und emotional bist du stabil. Viel mehr stellst du dir nun die Frage, ob der nette Officer Sarang heute nicht kommt. Du entschließt dich noch eine Viertelstunde zu warten, um dann den müden und mürrisch dreinblickenden Wachmann zu fragen. Inzwischen tippelt Zelle zwei zum Bad. Die Frauenzelle scheint eine Toilette zu besitzen. Vielleicht sind die aber als Letztes an der Reihe.

'Gestern um diese Uhrzeit hast du schon mit Officer Sarang Kaffee getrunken', erinnerst du sehnsüchtig. Du wünschst dir eine Toilette, eine Dusche und einen Kaffee.

Der ältere Herr, der eben noch lautstark Colaflaschen einsortierte und Colakisten stapelte, schwingt nun den Besen und kommt offensichtlich zum Ende seiner Aufräumarbeiten. Als Schutz seiner Hände hat er zwei Plastiktüten über sie gezogen und an den Unterarmen verknotet. Der Herr ist für seine Tätigkeit eigentlich einen Tick zu gut gekleidet. Lange helle saubere Blue Jeans mit Bügelfalte, weiße Segelschuhe und ein modisches dunkelblaues Hemd mit dem riesigen aufgestickten gelben Polo-Logo auf der Brust. Er trägt graues, kurzgeschorenes Haar und hat sonnengebräunte Haut. Schlanke sportliche Figur und ein hageres Gesicht mit hellen braunen Augen. Die Schirmmütze ist schick.
'Er wirkt eher wie ein Chefarzt auf einem Segeltörn als ein Müllmann', wunderst du dich. Der Herr scheint deine Gedanken zu erraten, denn er lächelt dich freundlich an. Er öffnet zwar den Mund, bleibt aber stumm. Ein Gespräch kommt nicht zustande.
Du setzt gerade zur Frage an den Wachmann an, da kommt gewohnt sportlich Officer Sarang um die Gebäudeecke.

"Gott sei dank!", flüsterst du.

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Nach der wohltuenden Toilette mit Dusche sitzt du nun wieder im gewohnten Kreis. Officer Sarang und Officer Pangunang. Sarangs Sohn quält bereits Papas Laptop mit 'Counter Strike.'
Der Polizeischüler ist zurück und hat - wieder von deinem Geld - Brötchen und gezuckerte Backwaren besorgt. Auch heute schlürft ihr den penetrant süßen Fertigkaffee. Mit vollen Backen kaut ihr schweigend die Backwaren.

"Was ist mit seiner Mutter?", platzt du mit der Frage an Sarang heraus, als John - Sarangs Sohn - ein zweites Brötchen nimmt.

"Ähm, ja", Sarang ist über die Frage überrascht und du bereust es, sie gestellt zu haben. Sarang lächelt aber sofort milde und antwortet: "Sie ist weg. Von heute auf morgen, einfach weg. Vielleicht sind es auch die Dienstzeiten. Fast niemals zu Hause und wenn ja, dann zu kaputt für irgendetwas vom anstrengenden Dienst"
Sarang rührt mit abwesendem Blick den Kaffee um: "Vielleicht waren wir auch einfach zu jung. Erste große Liebe und so."

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