3.00. Dritter Tag in Haft (Beten Sie)

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Seitdem es hell geworden ist, beseitigt ein älterer Herr die Reste des gestrigen Besuchstages. Er stopft die von Getier und Insekten angefressenen Essensreste in die großen Stahltonnen neben dem Drahtzauntor. Vor wenigen Minuten ist ein Wachmann gekommen. Er trägt den großen Schlüsselbund für die Zellen, schließt aber zuerst eine der rechten Zellen auf. Jetzt herrscht ein reger Verkehr zur Toilette links neben meiner Zelle. Heute früh bin ich wahrlich nicht bei bester Laune. Kein Frühstück mit dem netten Officer Sarang, das lange Warten auf den Wachmann und jetzt immer noch weder Toilette noch Dusche. Das Warten macht mich fertig.

Die Arrestierten nehmen ihre Morgentoilette. Immer wenn ein Filipino meine Zellentür passiert, höre ich das: "Hey, Joe!"

Einige Male möchte ich genervt zurückrufen: "Mein Name ist nicht Joe.", lasse es aber. Alle Ausländer werden mit 'Joe' betitelt und sind US-Amerikaner. Das ist die weit verbreitete Handlungs- und Denkweise vieler Filipinos. Die Notdurft habe ich am frühen Morgen in eine Plastikflasche erledigt. Andere Möglichkeiten gibt die Zelle nicht her. Es gibt weder Toilette noch Waschgelegenheit. Auch die anderen Arrestierten tragen Flaschen mit Urin zum Bad, um sie dort zu entleeren. Ich müsste jetzt auch langsam einmal richtig, aber noch ist es auszuhalten und hoffe, bald an der Reihe zu sein.

Nach dem verheulten Nervenzusammenbruch gestern Abend und der fast schlaflosen Nacht zuvor, habe ich wie ein Stein geschlafen. Nun geht es gegen sieben Uhr.

'Bis jetzt', rechne ich gedanklich, 'sind es also mehr als 31 Stunden in Haft.'

Die unergiebigen Gedanken verscheuche ich mit einem heftigen Kopfschütteln. Mental und emotional fühle ich mich stabil. Viel mehr stelle ich mir nun die Frage, ob der nette Officer Sarang heute nicht kommt. Ich entschließe mich noch eine Viertelstunde zu warten, um dann den müden und mürrisch dreinblickenden Wachmann zu fragen. Inzwischen tippeln die Arrestierten aus Zelle zwei zur Toilette. Die Frauenzelle scheint eine Toilette zu besitzen. Vielleicht sind die aber als Letztes an der Reihe.

'Gestern um diese Uhrzeit habe ich schon mit Officer Sarang Kaffee getrunken', erinnere ich wehmütig. 'Verdammt! Ich brauche jetzt sofort eine Toilette, eine Dusche und einen starken Kaffee!', fleht meine innere Stimme.

Der ältere Herr, der eben noch lautstark Colaflaschen einsortiert und Colakisten gestapelt hat, schwingt nun den Besen und kommt offensichtlich zum Ende seiner Aufräumarbeiten. Zum Schutz der Hände hat er Plastiktüten über sie gezogen und an den Unterarmen verknotet. Der Herr ist für seine Tätigkeit eigentlich einen Tick zu gut gekleidet. Lange helle saubere Blue Jeans mit Bügelfalte, weiße Segelschuhe und ein modisches dunkelblaues Hemd mit einem riesigen aufgestickten gelben Polo-Logo auf der Brust. Er trägt graues, kurzgeschorenes Haar und hat sonnengebräunte Haut, eine schlanke sportliche Figur und ein hageres Gesicht mit hellen braunen Augen.

'Er wirkt eher wie ein Chefarzt auf einem Segeltörn, denn als ein Hausmeister', wundere ich mich. Der Herr scheint meine Gedanken zu erraten, denn er lächelt mir freundlich zu. Er öffnet zwar den Mund, bleibt aber stumm. Ich setze gerade zur Frage über den Herren an den Wachmann an, da kommt gewohnt sportlich Officer Sarang um die Gebäudeecke.

"Gott sei Dank!", flüstere ich.

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Nach der Toilette und einer wohltuenden Dusche in der Polizeistation, sitze ich nun wieder im gewohnten Kreis mit Officer Sarang und Officer Pangutana. Sarangs Sohn quält bereits Papas Laptop mit "Counter Strike." Der Polizeischüler kehrt zurück und hat wieder Pandesalbrötchen und gezuckerte Backwaren besorgt. Das Wechselgeld lasse ich ihm als Trinkgeld. Auch heute schlürfen wir den penetrant süßen Fertigkaffee und kauen mit vollen Wangen die Backwaren.

"Was ist mit seiner Mutter?", platze ich mit der Frage an Officer Sarang heraus, als John, Officer Sarangs Sohn, ein zweites Brötchen nimmt.

"Ähm, ja", Officer Sarang ist über die Frage überrascht und ich bereue es, sie gestellt zu haben. Der Officer lächelt aber sofort milde und antwortet: "Sie ist weg. Von heute auf morgen, einfach weg. Vielleicht sind es die Dienstzeiten. Bin fast niemals zu Hause und wenn, dann bin ich zu kaputt für irgendetwas." Officer Sarang rührt mit abwesendem Blick im Kaffee: "Vielleicht waren wir auch einfach zu jung. Erste große Liebe und so."

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