Nichts als Betrug

89 2 0

Nichts als Betrug (Madame Mimi Moffat) - Sylvia Leopold

Der Wecker klingelte genau um zehn Uhr vierzig und erinnerte Madame Mimi Moffat daran, dass es an der Zeit war, mit dem Kreuzworträtsel aufzuhören und es dorthin zurückzubringen, wo sie es hergeholt hatte.

Sie legte den Kugelschreiber neben die Tageszeitung und wagte einen Blick durch das Küchenfenster auf die verschneite Anliegerstraße vor dem Wohnblock, in dem sie nun schon seit über fünfzig Jahren wohnte. Eine lange Zeit., dachte Moffat. Sie zog die Gardine ein kleines Stückchen weiter, damit sie die Zufahrtsstraße zum Haus besser überblicken konnte. Heute gab es nicht viel zu sehen, bis auf die einsame Fußspur, die quer über die Einfahrt durch den frisch gefallenen Schnee führte.

Um fünf nach neun hatte sie von hier aus beobachtet, wie ihr Nachbar Jonathan Favret das Haus verließ und den Gehweg entlang schlurfte, bis er aus ihrem Sichtfeld verschwand. Bereits Viertel nach neun war sie im Besitz seiner Tageszeitung und weitere fünf Minuten später schrieb sie die ersten Buchstaben in das Gitter des Kreuzworträtsels auf der vorletzten Doppelseite, zwischen den Tageshoroskopen und den Polizeimeldungen aus der Region.

Jetzt, eineinhalb Stunden später, musste sie bloß noch Favrets Tageszeitung unauffällig in seinen Briefkasten zurücklegen. So wie gestern. So wie vorgestern. Ach, so wie immer.

Wie immer! - Ewigkeit in fünf Buchstaben.

Moffat lachte in sich hinein. Seit einer Ewigkeit schickte sie Postkarten mit den Kreuzworträtsellösungen an die Redaktion von Favrets Tageszeitung. Leider bislang ohne Erfolg.

Sie notierte auf der Rückseite das Lösungswort aus dem heutigen Kreuzworträtsel. Sobald das Wetter wieder offener war, würde sie die Karte in den Briefkasten am Stadtparkkiosk werfen. Mit ihrem Wägelchen war sie ja ratz-fatz dort. Leider lösten sich manchmal die Bremsen ihres Rollators ohne ihr Zutun. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, wie sie an einer abschüssigen Stelle auf dem Glatteis ins Rutschen kam. Dennoch, bevor der Schnee abtaute, wollte sie noch einmal die Hamamelis im Stadtpark blühen sehen. Diese gelb blühende Winter-Zaubernussart öffnete ab Ende Januar ihre Blütenstände. Ein wundervoller Anblick, der sie immer wieder aufs Neue bezauberte. Und wer weiß, wie viele Winter sie noch erlebte. Außerdem brauchte sie neue Zigaretten. Irgendwohin musste sie die Schachtel verlegt haben.

Moffat faltete die Zeitung zusammen und holte aus der Schublade die Rabattcoupons heraus, die sie Favret immer als kleine anonyme Erkenntlichkeit mit in die Tageszeitung legte. Mal gab es ein Euro fünfzig Rabatt auf den gesamten Einkauf, oder zwei Brote zum Preis von einem, so wie gestern.

Sie fragte sich, ob ihr Nachbar überhaupt bis zur Rätselseite durchblätterte, vielleicht war es ihm aber auch egal. Sie wusste es nicht. Bislang schwieg sich Favret darüber aus und ging ihr aus dem Weg.

„Mit bestem Dank zurück, mein lieber Jonathan.", murmelte Moffat.

Noch während sie die Rabattaufkleber in die Tageszeitung schob, klingelte es an ihrer Wohnungstür.

Das kommt mir jetzt aber ungelegen.

Moffat kniff die Augen zusammen. Sie erwartete keinen Besuch. Sie hatte nichts bestellt und niemanden gebeten, vorbeizuschauen, vor allem, bei diesem Wetter.

Sie ließ die Zeitung fallen. Mit weichen Knien beugte sie sich zum Fenster und entdeckte eine zweite Spur. Favret war zurückgekommen. So früh?

Er wird unten bemerkt haben, dass die Zeitung nicht mehr in seinem Briefkasten lag und eins und eins zusammengezählt haben. Wie konnte sie nur so dumm sein zu denken, er würde das ewig schweigend so hinnehmen.

Nichts als BetrugLies diese Geschichte KOSTENLOS!