2.38. Das Telefonat

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Inzwischen ist es nach 18:15 Uhr und bereits stockfinstere Nacht.

Es ist so dermaßen viel passiert heute und deshalb fällt es mir jetzt schwer, mich zu erinnern, wem ich heute Morgen eine SMS gesendet habe: 'Das war eine an Marie, meiner Lebensgefährtin und eine an meine Mutter. Aber habe ich auch eine SMS an meine Schwester Sabine gesendet?' Eigentlich ist das egal, denn es reift die Erkenntnis, meine Mutter wird schon alle informieren. Ich bin sehr in Sorge darüber, was sicherlich gerade in diesen Minuten zuhause passiert. Meinen Leuten habe ich geschrieben, dass ich arrestiert worden bin und wir könnten gegen neun Uhr in der Früh heute telefonieren. Das entspricht 16:00 Uhr hier auf den Philippinen. Die Familie wird also ab neun Uhr in der Früh warten und jetzt ist es schon über zwei Stunden später!

'Die machen sich doch wahnsinnige Sorgen!', denke ich und bekomme sogleich ein ungutes Gefühl in der Magengrube. 'Tommy meldet sich nicht, da muss etwas Schreckliches passiert sein', wird der Tenor sein. Die schlimmen Geschichten über die philippinische Polizei und dass die nicht gerade zimperlich mit den Delinquenten umgehen, sind auch in Deutschland bekannt. Dann die schockierenden Fernsehberichte über die überfüllten Gefängnisse des Landes.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto größer wird meine Sorge um die Familie. Verzweifelt presse ich Hände und Stirn an die Gitterstabtür und komme erneut ins Grübeln: 'Diese verdammte Hilflosigkeit und die Abhängigkeit von anderen.'

"Haben die Officers mich und das Telefonat mit meiner Familie vergessen?", flüstere ich in die Dunkelheit. Viel lieber möchte ich das laut in die Welt brüllen.

Verärgert und zerknirscht überlege ich: 'Soll ich auf mich aufmerksam machen? Vielleicht mit etwas an die Gitterstabtür schlagen und laut brüllen?' Ich komme zum Schluss, das wäre der falsche Weg.

Inzwischen ist die starke Beleuchtung auf dem Polizeigelände eingeschaltet worden. Nur die zwei Halogenstrahler an der Gebäudewand mir gegenüber leuchten funzelig gelb.

Jetzt beobachte ich, wie die Eltern ohne ihre Kinder aus dem Polizeigebäude kommen. In ihrer Begleitung sind Kagawad, Franco, die zwei Teenager und ein mir unbekannter Officer. Die Körpersprache zeigt ganz deutlich die gedrückte Stimmung der Gruppe. Dennoch drehen sich alle kurz um, suchen mich im Lampenlicht, sehen  meine Arme, die ich durch die Gitterstäbe gestreckt habe und winken mir dann verhalten zu. Ich winke so stürmisch, wie ich das in meinem Leben noch nie zuvor getan habe und bete, der Officer möge zu mir kommen und mich bitte telefonieren lassen.

"Gott sei Dank!", stoße ich erleichtert die Luft aus den Lungen.

"Er trägt den großen Schlüsselbund bei sich! Der Officer trägt tatsächlich den großen Schlüsselbund bei sich!" Ich kann den Jubelschrei nicht unterdrücken.

Räuspern und Husten als Antworten aus den anderen Zellen.

"Sorry, Leute!"

Das Schloss knackt und die Tür quietscht beim Öffnen. Welche wunderbaren Geräusche!

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Ma'am Papillio sieht mitgenommen aus. Auch für sie war wohl die letzte Nacht und der heutige Tag sehr anstrengend. Sie gibt mir den Rucksack mit den Gadgets und 20 Minuten zum Telefonieren.

'Wie wird die Familie reagieren?', frage ich mich. Vor Sorge und Aufregung zittern mir die Hände. Nervös schalte ich das Cellphone ein und finde 62 SMS! Schnell scrolle ich durch die Liste. Etwa 40 SMS mit philippinischen Nummern, der Rest beginnt mit "+49", der internationalen Vorwahl für Deutschland. Zuerst eine SMS an Marie: "Bitte ruft jetzt an!" Den gleichen Text sende ich an meine Mutter und Sabine. Wenige Sekunden später klingelt es. Es ist die Nummer meiner Mutter.

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