"Was willst du mir hier zeigen?" Fragte ich Zara neugierig als wir im Wald standen. Wollte sie mit mir zur Grotte? Wenn ja, wäre es ziemlich unglücklich, da ich keine Badehose mit hatte.
"Du wolltest doch meine Sichtweise kennenlernen. Und wir haben nur diesen Sommer Zeit. Komm mit."
Ich folgte ihr, merkte aber schnell, dass wir einen anderen Weg als den zur Grotte nahmen. Es war fast vollkommen still im Wald. Nur zwischendurch zwitscherten die Vögel ihr Morgenlied und man hörte die Geräusche, die wir beim Gehen machten. Mein Blick fiel auf Zaras Füße. Sie lief schon wieder barfuß und ihr Nagellack blätterte so langsam ab.
"Warum läufst du eigentlich meistens barfuß?" Fragte ich sie schließlich und wartete schon auf eine philosophische Antwort, doch sie meinte nur: „Ich mag Schuhe nicht so gerne."
Verwirrt runzelte ich die Stirn. Zara mag also keine Schuhe? Aber bevor ich noch weiter nachfragen konnte, blieb Zara plötzlich stehen.
"Psst." Machte sie und legte einen Finger an den Mund.
"Hörst du das, Max?"
Ich horchte in die leisen Geräusche des Waldes hinein. Der Gesang der Vögel, das Rascheln der Bäume, das Knacken im Unterholz. Es hatte sich nichts verändert, deswegen wusste ich nicht was ich hören sollte.
Unsicher schüttelte ich den Kopf und Zara fing darauf an zu lächeln.
"Das ist die Seele des Waldes. Das Rascheln der Bäume ist der Atem, das Gezwitscher der Vögel die Stimmen, das leise Rauschen des Wassers ist das Blut, welches alles antreibt, und die vielen Tiere sind die Sinneswahrnehmungen. Sehen, Hören, Riechen, Fühlen, schmecken. Alles hat seine eigene Seele und verbindet sich mit den anderen Seelen zu einem großen Ganzen. Verstehst du was ich meine?"
Ich nickte begeistert. Es war einfach der Wahnsinn, wie Zara für alles und jenem eine Erklärung fand.
"Und was ist der tiefere Sinn des Waldes?" Fragte ich und als ich ihr Grinsen sah, wusste ich schon die Antwort.
"Es ist die Natürlichkeit. Auf der ganzen Welt könnte sich Schlimmes abspielen, geht man aber in einen Wald, der noch eine Seele besitzt, ist man wie in einer anderen Welt. Er gibt einen Ruhe, Erholung und besonders Hoffnung. Wald bedeutet Leben in vieler Hinsicht. Und wenn du irgendwann so traurig bist, dass du nicht mehr weiter weißt, dann gehe in den Wald. Danach wirst du wissen, was zu tun ist. Zumindest schenkt mir der Wald immer die benötigte Ruhe."
Sie ging auf einen kleinen Beerenstrauch hin und pflückte kleine rote Beeren.
"Probiere sie. Man schmeckt förmlich die Seele des Waldes in ihnen."
Lächelnd drückte sie mir welche in die Hand und ich betrachtete sie skeptisch.
"Sind das nicht Vogelbeeren?"
Sie lachte und schüttelte den Kopf.
"Ach, Max! Das sind doch keine Vogelbeeren!"
Als sie sich selber ein paar Beeren in den Mund schob, tat ich es ihr gleich.
Es war wie eine Geschmacksexplosion in meinem Mund und sofort schob ich den Rest der Beeren hinterher.
"Die sind unglaublich lecker."
Meinte ich und stürzte mich förmlich auf den Strauch. Zara lachte immer noch und schließlich bekam sie Schluckauf. Es hörte sich lustig an, wie sie lachend Schluckauf hatte und vergeblich versuchte ihn zu unterdrücken.
Dadurch fing ich auch an zu lachen und nur wenig später lagen wir lachend auf dem Waldboden.
Als wir uns beruhigt hatten, meinte Zara urplötzlich: "Du bist ein guter Mensch."
Ich starrte verblüfft auf das Blätterdach über uns. In meinem Kopf ratterte es. Was meinte sie damit?
Schließlich fragte ich sie zögernd: "Wie meinst du das?"
Ich drehte mich zu ihr um, sodass ich sehen konnte, wie sie mit geschlossenen Augen auf dem Waldboden lag. Es war fast die gleiche Situation wie in der Nacht und alleine bei dem Gedanken daran wurde mir ganz warm.
Zara sprach, aber es war fast zu leise für meine Ohren: "Was ich damit meine? Das ich deinen tieferen Sinn jetzt kenne. Das meine ich damit, Max."
Verblüfft starrte ich sie an, aber sie redete nicht weiter.
Meinen tieferen Sinn?
Also besaß ich auch einen?
Voller Spannung beugte ich mich weiter zu ihr hin und fragte nervös: "Und was ist mein tieferer Sinn?"
"Das kann ich dir leider noch nicht sagen. Irgendwann, wenn der richtige Augenblick da ist, dann werde ich es dir erzählen."
Sie öffnete blinzelnd ihre Augen und als sie sah, wie ich sie anstarrte, lächelte sie träge.
"Das Frühstück müsste jeden Moment fertig sein. Lass uns zurückgehen."
Ich nickte und stand auf.
Zu zweit machten wir uns auf dem Weg zurück.
Aber es beschäftigte mich nur eins.
Nämlich, was sah Zara als meinen persönlichen tieferen Sinn?
War er positiv?
Oder doch negativ?


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