2.37. (Un)Geduld

13 8 0

Ich kann wahrlich nicht behaupten, ein geduldiger Mensch zu sein. Das bin ich noch nie gewesen. Wie soll es auch anders sein, denn die Eigenschaft Geduld wird in Deutschland nicht gerade großgeschrieben. Alles muss sofort, gleich und jetzt geschehen. Und ich, der in der Industrie in einer Entwicklungsabteilung für neue Produkte angestellt ist, habe das Wort 'Geduld' schon lange aus meinem Vokabular gestrichen. Dort ist Geduld ein Unwort, denn Geduld bedeutet:

'Sich Zeit nehmen'. Aber Zeit ist Geld!

Ich habe keine Geduld und stehe seit einer halben Stunde mit der Stirn an den rostigen Gitterstäben der Zellentür. Nichts, wirklich absolut nichts passiert.

Ich stelle die schlimmsten Gedanken zu der VISA-Karte an: 'Franco und Kagawad räumen das Konto leer und ich sehe Franco, Kagawad und die VISA-Karte nie wieder.' Ich erschrecke über meine dummen Gedanken und frage mich: "Warum bin ich nur so misstrauisch?"

Räudige Katzen machen sich auf dem Zellenvorplatz über Essensreste her. Obwohl eine leichte Brise fettiges Papier und zerrissene Tüten an den Maschendrahtzaun drückt, ist es brütend heiß. Der widerwärtige Gestank in der Zelle hinter mir umschließt mich, wie die Umarmung eines Monsters.

"Verdammt, ich muss Sabine und der gesamten Familie Bescheid geben. Lasst mich bitte telefonieren!", flüstere ich, würde das aber viel lieber laut hinaus in die Welt brüllen. Die gegenüber gelegene verwitterte Wand des Polizeigebäudes anschreien, um so ordentlich Frust abzulassen.

Von Minute zu Minute werde ich nervöser, laufe auf den drei Quadratmetern in der Zelle im Kreis, stehe wieder an der Tür und laufe wieder im Kreis.

Die Eltern, deren Kinder und die zwei Teenager haben das Polizeigebäude bisher noch nicht verlassen.

Endlich, an der Schranke tut sich etwas. Kagawad und Franco diskutieren mit dem Schrankenwärter, wedeln mit großen Tüten von Gaisano und zeigen zu mir. Erleichtert stoße ich die Luft aus.

"Was für bescheuerte Gedanken mich plagen!", spreche ich erleichtert und vorwurfsvoll zu mir selber und flüstere: "Kagawad und Franco brennen mit meiner VISA-Karte durch! Meine Gedanken sind verrückt und absurd!"

Der Wachmann von der Schranke verschwindet im Gebäude und ist kurze Zeit später mit dem Schlüsselbund und den Teenagern Silas und Mikel-Loy (die kommen mit dem Wachmann aus dem Gebäude) zurück. Gemeinsam mit Franco und Kagawad kommen sie zu mir. Der Wachmann aus dem Wachturm übernimmt die Stellung an der Schranke.

Oh, diese wunderbaren Geräusche, wenn das Vorhängeschloss beim Aufschließen knackt und die Tür beim Öffnen quietscht.

"Zehn Minuten, erlaubt Ihnen Ma'am Papillio", murrt der Wachmann.

Kagawad Jacub Castro hält ihm sofort die geöffnete Schachtel Marlboro unter die Nase und zuckt auffordernd mit den Augenbrauen. Der Wachmann zieht gleich drei und zündet sich sofort zufrieden, wie ein sattes Baby, eine an.

Wir setzen uns auf das stehengelassene Colakistenarrangement und teilt das Geld wie besprochen auf. Feierlich übergibt Franco die VISA-Karte, vier Quittungen vom Geldautomat über jeweils 5000 Piso und die Tüten von Gaisano mit den Utensilien, die ich am frühen Nachmittag auf der Einkaufsliste notiert hatte. Von den 20.000 Piso bleiben nur 3450 Piso für mich. Den Betrag übergibt Franco ebenfalls mit sichtlichem Stolz und übertrieben feierlich. Kagawad schaut indes, wegen Francos Getue, diskret beiseite und raucht auffällig konzentriert. Silas und Mikel-Loy sitzen stumm, mit breitem Lächeln und glänzenden Augen etwas abseits, denn jeder von den Beiden, ist jetzt stolzer Besitzer eines blauen Tausend-Piso-Scheins. Die sind sofort in den Hosentaschen verschwunden. Kagawad und Franco bekommen jeweils 1500 Piso.
"Die Eltern bekommen dann später", verspricht Franco und bekreuzigt sich. Kagawad nickt betreten.

'Merkwürdig, dass Franco das ausführende Organ ist und nicht Kagawad. Der ist zum Handlanger degradiert. Aber Franco ist mir emotional einfach näher. Franco, mein Ziehsohn', sinniere ich, während ich Kagawad anlächel und dessen Unbehagen spüre.

Der Wachmann räuspert sich und schaut auf seine große Military-Armbanduhr.

"Bitte sagt der Polizistin, dass ich unbedingt meine Familie anrufen muss ", flehe ich Kagawad an.

Der nickt heftig, aber Franco antwortet, bevor Kagawad das tun kann, mit entschlossenem Gesichtsausdruck: "Ja, klar, Tommy, keine Sorge!"

Kagawad nickt mit besorgter Miene.

Silas fügt schnell hinzu: "Machen wir, Tommy."

"Sir", spricht Franco zum Wachmann, "da ist doch bestimmt eine Minute? Für ein Gebet?"

Der Wachmann nickt teilnahmslos und schnuppert zufrieden an der Marlboro, die er sich waagrecht unter die dicke Nase hält.

Wir sitzen im Kreis, haltet uns die Hände, ich denke amüsiert: 'Wie im Kindergarten' und Franco betet inbrünstig in englischer Sprache. Mit "Lord! - Lord! - Lord!", einem kurzen "Amen" und Bekreuzigungen meiner Besucher endet das Gebet.

'Das waren mindestens fünf Minuten', sinniere ich und auch der Wachmann steht schon mit genervtem Gesichtsausdruck an der Gitterstabtür und schwingt ungeduldig den Schlüsselbund.

Es folgt ein schnelles "Auf Wiedersehen."

Die Tür quietscht erbärmlich und das Vorhängeschloss knackt bedenklich. Der Wachmann verschließt auch sehr sorgfältig das Drahtzauntor.

"Kagawad, Franco, wo bleibt Ihr die Nacht?", rufe ich den Freunden nach.

Franco dreht sich um: "In der Kirche der Born Again Gemeinde. Der Pastor räumt schon den Saal für uns frei. Ernesto und Rica, weiß ich nicht. Bestimmt bei Silvia."

Die Vier winken und verschwinden an der Gebäudeecke aus meinem Sichtfeld.

Nun heißt es wieder Warten und in Geduld fassen. Auch, wenn es schwerfällt.

Copyright © by NOKBEW™

REISE INS VERDERBEN - by NOKBEW™Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt