2.36. Penetranz

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Es geht gegen 15:30 Uhr. Der Platz vor dem Zellenhaus ist gut mit Besuchern und Arrestierte gefüllt. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen.

Einer der Besucher hat Jacub Castro vom Gemüsegroßmarkt erkannt. Dann hat es sich schnell herumgesprochen, dass Jacub Castro ein Kagawad (Ortsvorsteher) sei und diese Tatsache hat mich vor aufdringlichen Fragen der neugierigen Filipinos geschützt. Ein Kagawad ist eine Respektsperson.

An eine Unterhaltung mit den Teenagern ist nun, nachdem der Kagawad und Franco gegangen sind, nicht mehr zu denken. Wir sitzen auf den Colakisten neben meiner Zellentür und nun stürzen die Fragen der enthemmten Filipinos wie ein Tsunami über uns herein. Fragen zu meiner Person, zur Tatsache inhaftiert zu sein und was man mir vorwerfe und dass die Vorwürfe ja wohl nur dazu dienten, mir das Geld aus der Tasche zu ziehen. Viele Fragen kann ich nicht verstehen, da sie in der Sprache Visayan sind. Die Sprache, die im mittleren aber hauptsächlich im südlichen Teil der Philippinen gesprochen wird. Einige Filipinos sprechen auch ein wenig Englisch.

Ich verstehe Fragen, wie: "Bist Du Amerikaner? Sind die Teenager Deine Söhne? Sprichst Du Visayan? Bist Du verheiratet und wie viele Kinder hast Du? Findest Du die philippinischen Frauen - die Philippinas - attraktiv und sexy?"

Es sind wirklich viele Fragen und alle Fragen kommen stets zur gleichen Zeit. Ich bemühe mich redlich, alle Fragen zu beantworten, bin aber schnell überfordert. Auch Silas und Mikel-Loy stecken in angeregten Unterhaltungen. Nachdem die Menge, die nun im Halbkreis um uns steht, herausgefunden hat, dass ich Deutscher sei, kommen die Fragen, ob ich Adolf Hitler und Dirk Nowitzki (den NBA-Basketballer) persönlich kennen würde oder ob ich sogar mit denen verwandt sei?

Von da an ist es mir zu blöd. Mein Kopf schmerzt und die letzten 18 Stunden waren alles andere als ein Zuckerschlecken. Hinzu kommt der Schlafmangel. Jetzt ist der Punkt erreicht, wo das lustige Frage-Antwortspiel in Stress ausartet und mich nervt. Die penetrant fragende Meute bemerkt meine Bedrängnis nicht. Ich stehe abrupt auf, streiche die kurze Hose glatt und schüttel mich.

Die Filipinos weichen zwar ein wenig zurück, die vielen Fragen oder die anerkennenden Worte zu meinem Aussehen, wie ikaw gwapo (du bist gutaussehend) oder taas ilong (lange Nase) prasseln weiter auf mich ein. Der gut beleibte Wachmann erkennt dann doch die Bedrängnis und verscheucht die aufdringliche, aber weiter fröhlich durcheinander plappernde Menschenmenge.

Nachdem ich wieder sitze, nicke ich dem Wachmann dankend zu, denn der hat die Frage- Antwortstunde erfolgreich beendet.

Wir sitzen auf den umgedrehten Colakisten. Silas und Mikel-Loy haben von Kagawad jeweils eine Marlboro erbettelt.

"Ausnahmsweise", hat Kagawad gesagt.

Genüsslich rauchen die zwei Teenager und fühlen sich sichtlich erwachsen. Den Wachmann interessiert das Rauchen der Jugendlichen nicht die Bohne. Hat er doch von Kagawad auch zwei Marlboro bekommen. Eine Zigarette steckt schon im Mundwinkel, brennt aber noch nicht, die andere steckt hinter dem rechten Ohr.

Ich stehe erneut auf und spähe durch den Drahtzaun. Kagawad und Franco unterhalten sich angeregt mit den Eltern zwischen dem Gebäudeeingang und der Schranke. Silas erklärt im holprigen Englisch, dass ich intensiv beten müsse, dann wird schon alles wieder gut. Mikel-Loy ergänzt, ich soll unbedingt die Bibel studieren. Er bläst dabei, wie ein geübter Raucher, den blauen Rauch gen Himmel.

Ich bin gerade mehr an dem interessiert, was zwischen Eingang Polizeigebäude und Schranke passiert, denn an einer Unterhaltung mit Silas und Mikel-Loy. Den Jungen scheint das recht zu sein. Sie genießen schweigend die Marlboros, die Aufmerksamkeit und die Bewunderung der Besucher.

Ich begebe mich die wenigen Schritte zum Drahtzaun, immer unter den freundlichen Blicken des Wachmanns.

Am Eingang wird nun auch geraucht. Kagawad und Franco sind bereits fort. Ich sehe Officer Sarang neben Michael stehen. Dann verschwindet Officer Sarang ins Gebäude. Es wird zwischen Eltern und Kinder sofort heftig diskutiert. Verstehen kann ich nichts. Die Distanz zwischen uns ist zu groß und die Filipinos um mich herum sind zu laut. Es entsteht offensichtlich eine hitzige Diskussion zwischen Erwachsenen und Kindern. Ich beobachte, wie die Söhne geschüttelt werden und anfangen zu heulen. Dann weinen auch die Mütter. Anschließend werden die Kinder umarmt und geherzt. Der Wachmann im Turm an der Schranke ruft der Gruppe etwas zu. Michael gibt dem Schrankenwärter eine Zigarettenschachtel. Officer Sarang kommt aus dem Gebäude und begleitet die Eltern-Kindgruppe hinein.

Ich stehe am Zaun, die Hände habe ich auf Augenhöhe in die Drahtmaschen gekrallt. Hinter mir die unruhigen Arrestierte und ihre liebe Verwandtschaft. Jede meiner Aktionen wird von den beiden Teenagern, dem Wachmann, den Arrestierten in den Zellen und den Leuten auf dem Vorplatz genau beobachtet.

Der Ausländer im Kerker, die Sensation!

Mir ist nach allem anderen zumute, nur nicht zur Senstation. Darauf kann ich gerne verzichten.

Ich begebe mich wieder zu Silas und Mikel-Loy. Plötzlich ertönen hinter mir durchdringende Gongschläge und lassen mich vor Schreck hochfahren.

"Time! - Time! -Time!", ruft laut der Wachmann und schlägt weiter mit einem daumendicken Stahlstab gegen das hängende rostige Stahlrohr, dass den Durchmesser einer Panzerkanone aufweist.

Mir klingeln die Ohren. Alle erheben sich in Zeitlupentempo und beginnen halbherzig, den Müll in die Stahltonnen zu befördern. Der Wachmann mahnt zur Eile, er habe schließlich nicht den ganzen Tag Zeit. Der meiste Müll bleibt deshalb liegen. Auch Cola-Kisten und andere Utensilien bleiben dort, wo sie sind.

Wir verabschieden uns, wie wir uns begrüßt haben. Mit einem coolen, weit ausholenden Handschlag.

"Bis Morgen, Tommy", freuen sich die beiden Teenager.

"Bis Morgen", antworte ich traurig.

Schnell bitte ich Silas und Mikel-Loy, sie sollen einen der Officers sagen, dass ich meine Familie anrufen muss und dass mir das die Polizistinnen versprochen hätten.

"Machen wir" und "Ja, Tommy" antworten die zwei Jungen pflichtbewusst.

Alle Arrestierten sind bereits weggeschlossen und ich bin der letzte. Schnell sage ich zum Wachmann: "Sir, ich muss meine Familie informieren und die Polizistinnen haben das Benutzen vom Cellphone versprochen", und füge hinzu: "Kann ich den Kagawad und seinen Begleiter Franco später noch mal kurz sprechen? Die bringen einige Dinge, die ich benötige."

Der Wachmann brummt etwas in seinen ungepflegten Dreitagebart. Die Marlboro glimmt jetzt. Er hebt und senkt kurz die dicken Augenbrauen. Das bedeutet: "Ja!"

Die Tür quietscht und das Vorhängeschloss knackt. Der Wachmann verschließt das Drahtzauntor, schultert das Gewehr und entfernt sich schnellen Schrittes.

Augenblicklich ist es, abgesehen von leisen Unterhaltungen aus den anderen Zellen, still.

lch frage mich leise: "Werden sie mich und mein Handy einfach vergessen?"

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REISE INS VERDERBEN - by NOKBEW™Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt