●11 - Die Fortsetzung nach der keiner Gefragt hat...

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Seit einer guten Stunde saßen Fen und ich am Fluss und grübelten über die Prophezeiung.
Mittlerweile waren wir soweit, dass wir uns ziemlich sicher waren, der erste Absatz sei eine Hochzeitseinladung.
Fen hatte den zweiten Absatz auch schon entziffert, weigerte sich aber, dies einzusehen.

Fluchend lief Fen im Kreis. Das machte er wirklich oft...
Ich fragte mich immer noch, was diese ganzen »Zufälle« sollten? Erst unsere Kleidung, dann die Sprache und noch die Himbeeren, die plötzlich zu Edelsteinen wurden.

»Loki!«, schrie Fen plötzlich in die Luft. Ich zuckte zusammen.
»Anwesend.«
Als ich die Stimme erkannte, lief es mir eiskalt den Rücken herunter.

Fen schaute finster auf etwas hinter mir. Naja... Auf jemanden.
Loki kam langsam und gelassen aus dem Wald spaziert. Ein selbstsicheres Grinsen zierte sein halb zerstörtes Gesicht. Ich drehte mich um und Loki blieb vor mir stehen. Ziemlich dicht vor mir.
Fen schob sich knurrend zwischen uns und drückte mich ein paar Schritte von dem Gott weg.

»Wie kann ich helfen?«, fragte Loki mit einer so überzeugenden Freundlichkeit in der Stimme, dass ich sie ihm fast abgekauft hätte. Aber nur fast.
»Denn der Taten Tuende, mit Silber im Munde,
wird von Feind zu Freund, für kurze Zeit«, zitierte Fen knirschend die Prophezeiung.
»Poetisch, klasse! Dein Vater wäre stolz«, neckte Loki und grinste wieder.

»Das ist die Prophezeiung.« Fen knirschte wieder etwas mit den Zähnen.

Mir fiel erst jetzt auf, wie extrem der Größenunterschied zwischen Fen und Loki war. Mein Freund reichte dem Gott nicht einmal bis zur Schulter.

»Ah, Prophezeiungen«, seufzte Loki und legt den Kopf kurz in den Nacken, um dann wieder Fen anzusehen, und durch den Schwung fielen ihm ein paar der dunkelroten Locken ins Gesicht. Seine Feueraugen flackerten, und ich glaubte zu wissen, dass Loki einfach nur um den heißen Brei herumredete.

Und da ich mir sicher war, dass Fen folgendes nicht tun würde und mich dieser Wettkampf im Wer-kann-am-besten-nicht-zum-Punkt-kommen, anfing zu nerven, begann ich zu sprechen: »Die Prophezeiung sagt, du wirst uns helfen.«
Ich klang erstaunlich selbstbewusst. Aber ich war ja auch genervt...
»Wirst? Ich habe euch bereits geholfen, mehr als einmal.« Jetzt schaute Loki mich an.
»Ach echt?«

Loki lachte kurz, dann zeigte er erst auf mich und dann auf Fen. »Das war ich, eure Kleidung.«
Dann zeigte er auf unsere Münder. »Und woher bitte glaubt ihr, Altnordisch sprechen und verstehen zu können?«
Fen schaute wie ein sehr genervtes Auto, welches erst dann auf die Lösung kam, wenn man sie ihm vor die Füße warf, und welches das ziemlich scheiße fand.

»Und die Himbeeren, die zu Edelsteinen wurden, waren auch mein Werk«, grinste Loki und schien stolz auf sich zu sein.
»Ich kann euch auch gleich noch ein weiteres Mal helfen.« Er schaute mitleidig auf den Speer in Fens Hand. »Wirklich ein trauriger Anblick...«, meinte er und nahm Fen den Speer ab.
»Dieses primitive Etwas...« Und da zerbrach Loki den Speer in der Mitte.

»Ey!«, rief Fen und schaute auf den am Boden liegenden Speer.
»Kein Stress, Puppy
»Wie bitte!?« Entgeistert schaute Fen zu Loki, welcher ihn aber ignorierte. Aus einer Hosentasche zog Loki einen dunklen Holzstab. Er schlug kurz mit der flachen Hand auf den Stab und wie durch Magie (Was es wahrscheinlich ja auch war...) wuchs der Stab zu einem bestimmt 100 Zoll langen Speer mit seltsamen Zeichen im Holz eingeschnitzt.
Die etwa 30 cm lange, silberne Spitze war mit schnörkeligen, sich windenden Symbolen verziert.

»Ich hab dem Zwerg gesagt, er solle sich an Gungnir orientieren, hat er gut hinbekommen.« Er reichte Fen den kunstvollen Speer. »Wieso?«, fragte Fen und beäugte den Speer ehrfürchtig.
»Ach, das ergibt sich noch. Ich hab mich bei den Christen eingeschlichen, lustiger Haufen, und ich glaube, zumindest einer sollte 'ne vernünftige Waffe haben«, antwortete Loki.

»Ich vertrau dir trotzdem nicht«, sagte Fen.
»Schade. Aber nicht weiter schlimm. Ich bringe euch jetzt zu der Kirche, näher kann ich nicht, außerdem ist die Stunde gleich um.«

»Zu welcher Kirche?«, fragte ich. Dann fiel mir die erste Strophe der Prophezeiung wieder ein. Die Hochzeit.
»Zu welcher Hochzeit?« korrigierte ich mich.
»Zu gar keiner, das war auf mich bezogen, der Ort, zu dem ich euch nur bringen kann. Von dort aus müsst ihr alleine weiter kommen. Ich bin von da an verhindert...«

»Die Schüssel läuft voll?« Fen schaute zu Loki auf. Lokis unbeschwerter Gesichtsausdruck verdunkelt sich. »Ja.«
Dann schien sich Loki zu fangen und klatschte in die Hände. »Also gut.«
Ohne Vorwarnung packte Loki mich und Fen an den Armen und die Welt fing wieder an, sich zu drehen. Lokis Griff um meinen Arm war kaum spürbar, selbst eine Feder hätte sich schwerer angefühlt. Lag das daran, dass Loki gar nicht wirklich hier war? Wahrscheinlich.

Ja, mir war wieder eingefallen, wieso mir der Name Loki bekannt vorkam. Geschichtsunterricht 6. Klasse, nordisch-germanische Mythologie, da kam kurz die Geschichte mit Loki, Baldur und der Lokasenna vor.
Loki saß irgendwo auf einer Insel in der Nordsee fest, gemeinsam mit seiner Frau Sigyn und einer Schlange, die kontinuierlich Gift in sein Gesicht tropfen ließ, und wäre Sigyn nicht so unfassbar treu und säße nicht mit einer Schüssel neben Loki um das Gift aufzufangen...
Naja, das tat sie zumindest, bis die Schüssel voll war.

Als ich wieder klar sehen konnte, standen wir drei mitten auf einem großen Platz, auf dem es ziemlich wuselig war. Wir waren erst ein paar Sekunden hier und schon wurde ich drei mal angerempelt.

Loki verabschiedete sich.
»Eine Kleinigkeit noch. Fen, ich weiß, du vertraust mir nicht – Wer soll es dir verübeln? –, aber glaub mir, nicht alles ist immer nur entweder schwarz oder weiß... Die Welt besteht aus Grautönen.
Und Cassiel, ich bin mir sicher, du findest, wonach du suchst.«
Er zwinkerte mir zu, ich runzelte die Stirn und weg war er.

Zwei Welten - Wie im Himmel so in Midgard Where stories live. Discover now