Mars

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Wie jeder Mensch auf Erden bin auch ich in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass alle Marsianer, ob groß und grau oder klein und grün, unsere Feinde sind. Ja, sie haben uns vor 100 Jahren buchstäblich aus heiterem Himmel angegriffen und millionenfachen Tod gebracht. Ja, sie haben unsere größten Städte zerstört, um dort ihre Türme zu bauen und stolze Nationen und Völker an den Rand der Vernichtung getrieben. Ja, sie haben Millionen von uns entführt und entweder mit schrecklichen Experimenten grausam umgebracht oder zur Zucht der Hybriden missbraucht. Und auch wenn sie uns letztlich unterschätzt haben, wir sie bekämpfen, bezwingen und nach jahrezehntelangem entbehrungsreichem Kampf von unserem Planeten vertreiben konnten, wird wohl kein Mensch jemals einem Marsianer Vertrauen entgegenbringen.

Nun, so dachte auch ich Zeit meines Lebens. Und doch nenne ich heute wenigstens zwei Marsianer meine Freunde. Von ihnen möchte ich nun berichten.

Hezumion erwachte wie aus einem fürchterlichen Alptraum und musste feststellen, dass die Realität noch viel schrecklicher war. Auf ihm und um ihn herum lagen Trümmer, umgestürzte Möbelstücke, Teile der Behausung, die ihm eben noch Schutz geboten hatte. Viel war davon nicht mehr übrig, so hatte er freies Blickfeld auf die rauchenden Ruinen, die gerade noch ein Dorf der Ar'Veen waren. Sein Dorf. Das Dorf seiner Leute.

Hezumion rappelte sich auf, lief ein paar Schritte, schaute sich um, rief Namen. Doch niemand antwortete ihm.

Was hatten sie getan? Was war nur in sie gefahren?

Er konnte sich nur vage erinnern. Die letzten Tage schienen von einem Schleier vernebelt. Sie waren wie im Rausch gewesen, hatten sich stark gefühlt und unbezwingbar. Sie hatten gefeiert und der Welt ins Gesicht gelacht.

Und dann war das unvermeidliche Strafgericht der Ar'Soom über sie gekommen.

Was hatten sie sich nur gedacht?

Sie waren nicht mehr sie selbst gewesen und nun waren sie alle tot, das Dorf und der Stamm vernichtet.

Die Samen!, fiel es Hezumion mit einem Mal siedendheiß ein.

Er lief zu der Stelle, an sich das Silo befunden hatte. Auch hier fand er nur noch Trümmer vor, wie alles pulverisiert von den Todesstrahlen. Aber vielleicht waren die unterirdischen Kammern ja unversehrt. Also begann er zu wühlen und zu graben. Es lag genug Schutt umher, den er als Werkzeug nutzen konnte, sodass er tatsächlich bald eine Bodenklappe freilegen konnte. Nur wenig später hatte er sie aufhebeln können und kletterte an der Leiter in das finstere Kellergewölbe hinab.

Licht konnte er dort unten keines machen, jegliche Infrastruktur des Dorfes war komplett zerstört. Doch das war auch nicht nötig. Er tastete sich zielsicher zu den Regalen vor und sammelte so viele Samen ein, wie ihm nur möglich war.

An dieser Stelle ist vielleicht ein kleiner Exkurs in die Biologie der Ar'Veen vonnöten - oder Kleine Grüne Männchen, wie sie hierzulande gemeinhin genannt werden.

Die Ar'Veen ähneln eher Pflanzen als Tieren auch wenn sie selbst bei näherem Hinsehen wie - nun ja - kleine grüne Männchen aussehen. In dieser Gestalt schlüpfen sie körperlich ausgewachsen aus Schoten, die an strauchähnlichen Pflanzen wachsen. Sobald sie geschlechtsreif sind, produzieren sie in regelmäßigen Abständen Samen, die sie ausscheiden. Diese Samen können beliebig lange gelagert werden, bis sich irgendwann ein anderer Ar'Veen entscheidet, einen oder mehrere Samen aufzunehmen, wo diese dann keimen und wiederum ausgeschieden werden. Dann müssen sie aber recht bald eingepflanzt werden, damit aus ihnen die Schotenpflanze wächst. Womit sich der Kreis einmal geschlossen hätte.

Hezumion folgte in diesem Moment allein dem Trieb, seinen ausgelöschten Stamm doch noch zu retten. Er nahm so viele Samen in sich auf, wie nur möglich war, und tastete sich zurück zur Leiter. Er wusste noch nicht wie - aber irgendwie musste er es schaffen, an einen sicheren Ort zu gelangen, wo er die in ihm reifenden Keimlinge einpflanzen konnte. Vielleicht zeigten die Ar'Soom ja Gnade und gaben seinem Stamm eine zweite Chance.

Wie die Venus zu ihrem Monde kamWo Geschichten leben. Entdecke jetzt