Erde

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Auch wenn ich auf der Erde und der Venus schon ziemlich herumgekommen bin und viele Dinge gesehen habe, die gemeinhin kaum geglaubt werden, ist mir das Wesen der Magie lange Zeit fremd geblieben. Menschen, die sich damit befassten - oder es behaupteten -, habe ich immer als gelinde gesagt verschroben erlebt.

Das änderte sich erst, als ich Rachel McKinnon kennenlernte. Sie hat mir auch erläutert, dass Magie tatsächlich ein äußerst schwieriges und zehrendes Handwerk ist, das seinem Anwender enorm viel abverlangt. Für kleinste Ergebnisse muss man gewaltigen Aufwand betreiben, der stets Raubbau am eigenen Körper darstellt.

Und das ist nur ein Grund, aus dem magische Betätigung in fast allen irdischen Staatengebilden streng reguliert und in weiten Teilen verboten ist.

Und doch ist die Magie auch eine Berufung, eine innere Verpflichtung gar für jene, die mit einem Talent dafür gesegnet sind - oder gestraft. Zumindest galt dies immer für Rachel, die ihre Begabung akzeptierte und in den Dienst der Allgemeinheit stellte.

Auch wenn es sie einiges an Opfern gekostet hatte.

Sie stammt, wie man so sagt, aus recht gutem Hause, ist die älteste Tochter einer ehrbaren Familie von den britischen Inseln, die viele große Männer und Frauen in ihrer Ahnenreihe vorzuweisen hat - Ingenieurinnen, Kriegshelden, Parlamentarier, die alle ehrbar, treu und mutig dem Reich und der Menschheit gedient haben. Ihr Großvater Robert erlangte in den ersten Mars-Kriegen als der Knight of Skye sogar einiges an Berühmtheit.

Zumindest aus Sicht ihrer Familie kehrte sie dieser Tradition und Verpflichtung den Rücken zu, als sie sich ihrem natürlichen Talent hingab - woran besagter Großvater im Übrigen nicht ganz unschuldig war. Doch das ist eine andere Geschichte.

Rachel verließ Familie und Heimat mit achtzehn Jahren, zog über das Land und ließ sich dort von weisen Frauen und verborgenen Geheimzirkeln ausbilden. Nach ein paar Jahren zog sie nach London und eröffnete dort eine Detektei, mit der sie schnell eine gewisse Reputation erwarb.

So war es auch der Auftrag einer Mandantin, der ihr Schicksal in Richtung unserer Geschichte lenkte.

Eine verzweifelte Mutter war an sie herangetreten. Man hatte ihren Sohn entführt. Das heikle daran war, dass auch besagter Sohn über magisches Talent verfügte und hier wohl das Motiv der Entführung zu suchen war. Denn während Rachel sich mit ihrer Tätigkeit in einem rechtlichen Graubereich bewegte, gab es natürlich auch Mächte, welche die Magie gezielt und organisiert zu gänzlich illegalen Zwecken nutzen wollten. Und solche rekrutierten ihre Reihen gern auf diesem Wege, denn magiebegabte Menschen wuchsen nicht auf den Bäumen. Natürlich traf so etwas meist einfache und arme Familien, die nicht auf sonderlich engagierte Hilfe von Staat und Kirche hoffen konnten.

Ihre ersten Ermittlungen hatten Rachel nach Hamburg geführt - und dort möchte ich sie endgültig in die Handlung eintreten lassen, denn hier fand ihre erste Begegnung mit einer ihrer anderen Schicksalsgenossen statt.

Der Tag, an dem dies geschah, begann für Rachel um die Mittagszeit. Sie erwachte, schreckte hoch und stellte fest, dass sie an dem kleinen Tisch eingeschlafen war, der ihr in dem Herbergszimmer als Schreibtisch diente.

Als erstes erbrach sie sich in den Papierkorb, der neben dem Stuhl stand, auf dem sie saß. Das war eine der harmloseren Begleiterscheinungen ihrer Profession.

Tatsächlich waren der Schlaf und die dazugehörigen Vorbereitungen elementarer Bestandteil ihrer Ermittlungstätigkeit. Romantisierende Magie-Vorstellungen mit Duftkerzen und Beschwörungszirkeln, in denen dann schaurig-schöne Dämonen oder der ätherische Geist der eigenen Großmutter Auskunft über die Geheimnisse des Kosmos geben, entsprechen leider nicht mal ansatzweise der Realität.

Wie die Venus zu ihrem Monde kamWo Geschichten leben. Entdecke jetzt