Mond

12 1 2
                                                  

Auch wenn der Mond der Erde immer dieselbe Seite zuwendet, kann man doch in den Genuss kommen, auf Luna einen Erdaufgang zu beobachten. Allerdings muss man sich dazu zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle aufhalten und eine ganze Menge Geduld aufbringen.

Prinz Argentum von Luna brachte diese Geduld auf und dazu noch eine unstillbare Sehnsucht nach anderen Welten im Allgemeinen und der Erde im Besonderen. Also schlich er sich so oft er konnte zu dem genau berechneten Moment davon, an dem er sich den Aufgang der Erde anschauen konnte. Das Betreten der erdzugewandten Seite des Mondes war ihm wie jedem Roboter bekanntlich untersagt. Da sich die Grenze zwischen Vorder- und Rückseite aber ganz leicht hin und her bewegte, ist die Frage, ob ein Punkt in diesem Schwankungsbereich gerade der Erde zu- oder abgewandt ist, vom Zeitpunkt abhängig.

Der Prinz bewegte sich also stets in einer juristischen wie auch selenographischen Grauzone, wenn er seine geheimen Ausflüge unternahm. Diese Tatsache hätte ihn aber nur schwerlich vor einer peinlichen Befragung und ernsten Tadelung durch König und Kronrat bewahrt, sollten sie jemals ans Tageslicht kommen.

Doch das war es ihm wert. Als mir Argentum erstmals davon berichtete, wie er dort im Mondstaub saß und der blauen Perle meiner Heimatwelt dabei zusah, wie sie sich vom grauen Horizont löste, um sich im schwarzen Samt des Alls zu betten, meinte ich seine Sehlinsen leuchten zu sehen. Auch wenn er sowohl Erde als auch Venus mittlerweile aus deutlich größerer Nähe erblickt hat, schwärmt er noch heute von diesen Augenblicken der Stille, die er und die Erde sich teilten.

So richtig kann diesen Vorgang aber ohnehin nur ein Roboter genießen, dem es möglich ist, zehn, zwölf Tage reglos auf einem Kraterhügel zu hocken, denn so lange dauert ein Erdaufgang mindestens.

Und nur ein Roboter war in der Lage, die Geschwindigkeit seiner Wahrnehmung von jetzt auf gleich wieder sehr schnellen Ereignissen anzupassen. Ereignissen wie dem Absturz eines Raketenschiffs der Kaiserlich Eurasischen Raumflotte direkt in dem Krater, in dem er sich gerade aufhielt.

Es kostete Prinz Argentum wohl nur Bruchteile einer Sekunde zu entscheiden, wie er vorgehen sollte. Seine einprogrammierte Neugierde tat ihr übriges. Noch ehe sich die Regolithstaubwolke gelegt hatte - was bei einem sechstel Erdschwere zugegebenermaßen seine Zeit braucht - rannte er aus seiner flugs eingenommenen Deckung hinter dem Kraterberg auf das Wrack zu. Dabei nahm er stetig Messungen vor - ohne jedoch seine Aktivortung zu bemühen. Einerseits bewahrte er auf seinen geheimen Ausflügen grundsätzlich absolute Funk- und Emissionsstille - sie sollten ja geheim bleiben. Andererseits sollten ihn etwaige Überlebende des Raketenschiffes so spät wie möglich bemerken. Denn schließlich war dies zweifelsohne ein Fahrzeug des Feindes.

Da er erst vor vierzig Jahren auf dem Mond konstruiert und aktiviert worden war, kannte der Prinz die Menschen nur aus den Berichten der älteren Roboter sowie aus Aufzeichnungen aus der Zeit bis zum großen Roboter-Aufstand von 1951. Ihm waren also alle Fakten bekannt, doch blieb es rein theoretisches Wissen. Die bevorstehende direkte Begegnung mit den Wesen, die dereinst ihre Schöpfer waren - und mit denen sie sich offiziell noch immer im Kriegszustand befanden -, brachte seine Flüssigkristallbahnen vor Aufregung schier in Wallung.

Dennoch zwang er sich innezuhalten. Das Raketenschiff hatte sich bei dem Absturz tief in den Mondboden gegraben. Etwa zwei Drittel des Zylinderkörpers ragten in flachem Winkel heckseitig in den schwarzen Himmel, die flach einfallenden Sonnenstrahlen ließen das Wrack einen scheinbar endlosen Schatten werfen, der bedeutungsschwanger in Richtung Erde wies.

Außer der rapide abnehmenden Wärmestrahlung und der verhältnismäßig schwachen radioaktiven Strahlung am Heck des Schiffes konnte Argentum keine Emissionen anmessen. Offenbar sendete die Rakete zur Zeit kein Notsignal ab und es war auch keine Streustrahlung von irgendwelchen internen Vorgängen zu entdecken.

Wie die Venus zu ihrem Monde kamWo Geschichten leben. Entdecke jetzt