Als jeder von ihnen ein Glas vor sich stehen hatte, fragte Avis seinen Freund: "Also? Du bist aus dem Studium geflogen, deine Eltern haben das nicht akzeptiert und dich rausgeschmissen?" Das leichte Lächeln in Frederics Gesicht erstarb. "Fast... Ich habe das Studium geschmissen, mein Vater hat mich zusammen Geschrien und ich hab ihm den Kiefer gebrochen. Dann haben sie mich rausgeschmissen." Avis verschluckte sich. "Scheiße... ich dachte du hättest das inzwischen unter Kontrolle." "Es war einfach zu viel..." seine Stimme wurde leiser und erstarb. Für ein paar Sekunden starrte er nachdenklich ins Leere. Dann schien Frederic sich wieder zu fangen. Er hatte wieder das leichte Lächeln im Gesicht, auch wenn Avis es ihm nicht wirklich abkaufte. "Meine Mutter hat geschrien. Mein Vater hat mich Beschimpft, ich wäre eine Enttäuschung, ich sei ein Fehler gewesen... Dann lag er plötzlich blutend auf dem Boden. Ich hab meine Sachen geschnappt und bin weggerannt." Sie waren so lange Freunde, Avis kannte Frederic. Der Drache war keine schlechte Person. Er hatte Probleme und konnte auch mal ausrasten, aber immer hatte er es hinterher bereut. Nachdem Frederic sein Auge ruiniert hatte, war er Avis fast zwei Jahre lang kaum von der Seite gewichen. Hatte ihn vor den anderen Beschützt und war einfach ein guter Freund geworden. Rückblickend bedauerte es Avis kein bisschen. Die Narbe gehörte zu ihm, mit allem anderen hatte er sich abfinden können und dadurch waren sie später beste Freunde geworden. Irgendwie Ironisch... "Aber genug der schlechten Laune, ich bin weg von meinen Eltern, habe einen Job, ein Dach überm Kopf und jetzt sogar einen meiner besten Freunde wieder getroffen. Läuft also irgendwie. Und bei dir? Erzähl mal aus dem Leben des unverbesserlichen Klassenstrebers." "Naja, BWL Studium... sonst gibts kaum was. Niemand gestorben, niemand ernsthaft verletzt. Die Preise für Federpflegemittel sind gefallen, also bleibt mehr Geld für Spiele und Alkohol. Mein Leben ist langweilig. Ach ja, mein Mitbewohner hat angefangen zu schnarchen. Hast du schonmal einen Tiger schnarchen hören? Klingt nicht schön." Tim war ansonsten ein super Typ um sich mit ihm ein Zimmer zu Teilen, doch in letzter Zeit hatte sein tiefes Brummen Avis regelmäßig um den Schlaf gebracht. "Können gerne Tauschen, dann kann ichs mir auch mal anhören." erwiderte Frederic. "Wo wohnst du jetzt eigentlich? Deine Eltern sind vermutlich nicht sonderlich gut auf dich zu sprechen, oder?" "Nee, ein paar Briefe von Familienanwalt und ein einstweilige Verfügung war das einzige was ich in den letzten Jahren von ihnen bekommen habe. Wohne grad bei Carl Semkin. Kann sein, dass du ihn noch kennst. Fuchs. Etwas kleiner, caramelfarbenes, meist wirres Fell. War ein Jahr unter uns." Carl Semkin... Avis überlegte ein paar Sekunden. Er hatte ihn ein paar mal flüchtig gesehen, ein unauffälliger Typ.

Es war kälter geworden. Frederic hatte sein zweites Export vor sich stehen, Avis noch seinen ersten Caipirinha. Thematisch driftete ihr Gespräch über die Vergangenheit. Ihre gemeinsame Schulzeit, vergangene Abenteuer, doch immer wenn es in die Nähe der letzten Jahre kam, wechselte Frederic schnell das Thema. Avis hätte gerne noch mehr erfahren, wollte seinen Freund auch nicht drängen, da er merkte, dass es für den Drachen ein schwieriges Thema war, egal was er selbst behauptete. Die Zeit verstrich. Der Pegel seines Glases sank langsam dem Boden entgegen. Frederic hingegen war bereits bei seinem vierten Bier angekommen. Drachen waren zwar allgemein für ihre erstaunliche Trinkfestigkeit bekannt, doch anhand seiner glasigen Augen, konnte man erkennen, dass der Alkohol bereits Wirkung zeigte. "Wie kommst du nach Hause und wo wohnen du und Carl eigentlich?" "Northern Coast. Trader District." Die gegend am Hafen hatte nicht den besten Ruf. Im ehemaligen Handelsbezirk waren vor einigen Jahren reihenweise neue Wohnblöcke hochgezogen worden. Was soll man sagen, der Boom blieb aus und die Gegend verkam. Avis warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Es war kurz nach 0 Uhr. "Also, wie kommst du nach hause? Holt Carl dich ab?" Frederic wollte lachen, verschluckte sich jedoch an seinem Export. Als er endlich wieder Luft bekam, erwiderte er nur: "Selbst wenn er es jemals schaffen würde den Führerschein zu machen, steige ich niemals zu ihm ins Auto. Entweder ich finde einen Bus, oder ich laufe." "Anderthalb Kilometer? In dem Zustand? Komm, ich fahr dich. Mein Auto steht noch am Selling Point." Frederic versuchte noch zu widersprechen, doch Avis bestand darauf. Als der Drache aufstand, musste er sich an der Lehen seine Stuhls festhalten. Wackelig lief er ein paar Schritte, wobei sein Körper versuchte, mit dem Schwanz das Schwanken auszugleichen. Doch Avis sah, dass es ohne sein Eingreifen zu Katastrophe kommen würde und griff seinen Freund unter dem Arm und legte diesen über seine Schulter. Das Gewicht des Drachen zog ihn fast zu Boden. "Sorry..." nuschelte Frederic und richtete sich wieder halbwegs auf. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg... langsam. Einen betrunkenen Drachen durch die Innenstadt zu schleifen, war schwieriger, als Avis es sich vorgestellt hatte. Nicht nur das Gewicht seines Freundes machte ihm zu schaffen, auch der lange, kräftige Schwanz machte einige Probleme. Dieser schien ein Eigenleben zu haben und hielt sich gerne an Laternenpfähle, Zäune und ähnlichem fest, wobei er kleinere Dinge, wie Konservendosen, Flaschen oder Steine auch mal einige Meter mit schleifte. Vor ihnen ragte das große Gebäude des Selling Points auf. Der halbrunde Bau, war kaum beleuchtet, die Läden waren geschlossen. "Scheiße!" entfuhr es Avis. Er hatte sein Auto im Parkhaus abgestellt und das war um diese Uhrzeit bereits geschlossen. Er "stellte" Frederic an der Wand ab, der begonnen hatte in den Taschen seiner Jacke zu wühlen, und rüttelte an der Tür. Normalerweise war das Parkhaus länger geöffnet als der Rest des Einkaufszentrums, doch die Tür bewegte sich keinen Millimeter. "Ehm Sorry. Das mit dem nach hause fahren wird schwierig." Doch Frederic beachtete ihn nicht, sondern wühlte noch immer in seinen Taschen. Dann zog er mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck eine Plastikkarte aus seiner Tasche und taumelte, sich mit einer Hand abstützend, an der Wand entlang. Avis folgte ihm zögernd.

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