Wiedersehen

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Langsam schlenderte er durch das Kaufhaus, die Hände in seinen Hosentaschen. Der Blick seiner Augen wanderte über die Auslagen in den Schaufenstern. Im Glas spiegelte sich sein Gesicht. Ein blauer Vogel, mit einem gelben und einem roten Augen starrte ihn an. Die Narbe über seinem linken Auge war immer noch gut zu sehen. Doch ihn interessierte sein Spiegelbild nicht, sondern das, was hinter dem Glas lag. Das Cover des neuen "Messenger Effect" zog seinen Blick magisch an. Innerhalb weniger Augenblicke hatte er entschieden, dass sein Monatskonto das abkönnen musste und er betrat den Laden. Regalreihen voller Musik und Filmen erstreckten sich vor ihm. In den Gängen dazwischen herrschte ein reges Treiben. Ein kleiner Katzenjunge, vielleicht 9 oder 10 Jahre alt bettelte seine Mutter an, die Fassungslos auf die Preisschilder starrte. Ein paar Meter weiter konnte man die nächste Eskalationsstufe betrachten, wo ein Wolfsjunge begonnen hatte, Dinge aus den Regalen zu werfen, während seine Mutter hilflos daneben stand. Schnellen Schrittes näherte sich ein Angestellter des Ladens, doch Avis zweifelte, dass dieser die Situation deeskalieren könnte. Ein lauter Knall hinter seinem Rücken schien ihm Recht zu geben und ließ zusätzlich darauf schließen, dass der Junge irgendetwas größeres Umgeworfen hatte. Den Schreien der Mutter nach zu urteilen, etwas großes und teures. Avis lächelte. Ein ganz normaler Samstag Vormittag. Er hatte die Spielabteilung erreicht. Direkt vor ihm stand eine große Pyramide eingeschweißter "Messenger Effect" Packungen, "Play best on Game Station 4!" erklärte ein Banner darüber. "Schön wär's" dachte er, während er in den Regalen dahinter nach der Last Gen Version suchte. Mit seiner neuen Errungenschaft machte er sich auf den Weg zur Kasse. Auf dem Rückweg kam er noch einmal an der Stelle vorbei, an dem der Wolfsjunge seinem Unmut lauf gelassen hatte. Eine Ausstellungsvitrine war umgestürzt. Glasscherben sprenkelten den Boden. Der Angestellte, ein älterer Wolf, mit hellgrauem Fell, war dabei das Glas zusammen zu fegen. "Kannst du bitte den anderen Gang nehmen, hier gab es gerade... einen Unfall." Er schaute Avis mit einem gezwungen Lächeln an, wobei er seine Reißzähne entblößte. Doch sah er dadurch nicht bedrohlich, sonder ehr noch Hilfloser aus. Avis folgte der Bitte und hatte endlich die Kasse erreicht. Die Wolfsmutter mit ihrem Kind standen vor ihm in der Schlange. Der Junge lächelte glücklich, in der Hand die Verpackung einer Action Figur. Die Mutter schleifte ihn sichtlich genervt hinter sich her. Piep. "Das macht 36.22." Avis war an der Reihe. Er legte "Messenger Effect" auf das Band. Eine mit schwarzen Schuppen bedeckte Hand, griff nach der Hülle, suchte den Barcode und zog ihn über den Scanner. "Kann ich bitte ihren Personalausweis sehen?" fragte eine raue Stimme. Hinter der Kasse saß ein schwarz geschuppter Drache. Er hatte ein langes krokodilartiges Maul, gespickt mit spitzen Zähnen. Zwei hellblaue Augen mit schwarzen Schlitzpupillen starrten ihn an. Avis zog das kleine Plastikkärtchen aus seinem Geldbeutel und reichte es dem Verkäufer. "Avis? Avis Jay?" Ja, das ist mein Name... der steht da auf dem Ausweis, dachte Avis. Was wollte der Verkäufer von ihm. "Ja..." stotterte er irritiert. "Hab ich mich so sehr verändert?" fragte der Drache. Sollte Avis ihn kenne? "Ich bins. Frederic Blake" Es dauerte ein paar Sekunden, bis sein Verstand den Namen zuordnen konnte. Was erstaunlich war, immerhin sah er in jedem Spiegel das Ergebnis eines ihrer frühen Zusammentreffens. Sein Gesicht verzog sich zu dem Vogel äquivalent eines Lächelns. "Was zur Hölle machst du an einer Kasse?" "Arbeiten, oder wonach sieht es aus? Eine Wohnung kostet Geld, Essen auch, eigentlich fast alles außer Atmen kostet irgendwie Geld." erwiderte Frederic. "War da nicht das Ding mit den reichen Eltern, den fast die halbe Stadt gehört?" Inzwischen hatte sich eine Schlange hinter Avis gebildet. "Lief nicht so gut. Sollen wir uns später treffen? Dann können wir drüber reden." das Thema schien für ihn sensibel zu sein. Auf jeden Fall zu sensibel für die Öffentlichkeit. "Klar..." erwiderte der Blue Jay. "Gut. 16:30, am Nordausgang." fügte der Drache noch schnell an, bevor er sich dem nächsten Kunden zu wandte, der ungeduldig wartete.

16:20. Avis stand vor dem Nordausgang des Selling Point. Der kalte Wind wehte durch die Straße. Seine Federn stellten sich auf. Trotz seiner Jacke, fror er. Doch für Frederic hielt er es gerne aus, jedenfalls wenn der Drache bald auftauchte. Eine Tür klapperte hinter ihm und eine schwarze Hand legte sich auf seine Schulter. Er fuhr herum. Zwei große blaue Augen fixierten ihn. Dann schloss sein alter Freund ihn in die Arme. "Verdammt lange nicht gesehen. Seit wann bist du wieder da?" Vor vier Jahren war Frederic nach New Berlin gezogen. Seine Eltern hatten ihn auf eine Eliteuniversität geschickt. Natürlich waren sie sich damals sicher gewesen, sie würden trotz der Distanz in Kontakt bleiben. Wofür gab es Green Book, InstApp und alle anderen sogenannten "Sozialen" Medien, aber über die Jahre... "Zwei Jahre" Er ließ den Drachen los. "Zwei Jahre? Du bist schon zwei Jahre zurück?" Frederic nickte, sein Blick ging an Avis vorbei, irgendwo auf den Boden, er konnte seinem Freund nicht in die Augen schaun. "Studium lief nicht gut. Bin rausgeflogen. Anderthalb Jahre, dann war ich weg." Er machte eine kurze Pause. "Lief einfach scheiße danach. Aber was ist mit dir? Immer noch auf dem Weg zum Superstar?" "Maximal in der Unternehmensberatung... BWL-Studium." Fredrics Blick wanderte an seinem Freund hinab. "Anzug, Krawatte und Aktenkoffer würden gut zu dir passen. Definitiv besser wie mir. Weißt du wie teuer Anzüge mit Flügel Schlitzen sind? Die gibts nicht von der Stange, alles Einzelstücke." "Aber jetzt mal ernsthaft, wollen wir hier weiter in der Kälte stehen, oder suchen wir uns einen Ort, wo es wärmer ist?" Avis zog die Schultern hoch. Seine Federn raschelten, als er sich schüttelte. "Gerne. Schuppen sind bei den Temperaturen ziemlich scheiße. Irgendwelche Vorschläge, die Läden in denen ich normalerweise bin, sind glaube ich nicht der Richtige Ort um ein Wiedersehen zu feiern." "Wir doch waren früher oft im Top Wing. Den Laden gibts noch." Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Die Bar war etwas entfernt. Der Weg führte durch die Innenstadt. Die Straßen waren belebt, aber nicht überfüllt. Trotzdem leitete Frederic sie über kleinere Seitenstraßen und Gassen. Viele der kleinen Wege waren Avis nie aufgefallen, doch Frederic schien sich in diesem Labyrinth aus zu kennen. Unterwegs kamen ihnen zum Teil ziemlich schräge, bis beängstigende Gestalten entgegen. Doch Frederic hatte die Hände in die Taschen gesteckt und schien kein bisschen beunruhigt, vielleicht etwas erschöpft, aber trotzdem waren die Winkel seines langen Mauls zu einem Lächeln nach oben gezogen. Ein Neonschild vor ihnen zeigte einen stilisierten Vogel Flügel. Avis nickte dem Kellner zu. Der schlanke, hoher Falke im Jacket kam zu ihnen herüber.

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