2.32. Geldgeschichten

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Nachdem ihr aus dem Büro getreten seid, begrüßt ihr euch schweigend, aber herzlich. Kagawad umarmt dich, dann Franco. Die beiden Teenager Mickel-Loy und Silas begrüßen dich nur mit einem Handschlag. Dabei holen eure Arme weit aus, so dass die Hände laut klatschen. Genau so, wie sich gute Freunde, Jugendliche und Rapper begrüßen. Cool eben.

Die Polizistinnen, die Eltern und die Kinder sind noch in Sarangs Büro. Sarang hat es eilig. Er drückt euch förmlich durch den Windfang und zur Tür des Polizeigebäudes hinaus. Eine ausgiebige Begrüßung oder Unterhaltung ist auch deshalb nicht möglich.

Bei der Ankunft am Zellendorm könnt ihr einen flüchtigen Blick in die Zelle rechts neben deiner Zelle werfen. Die Tür wird gerade geöffnet und ein schlanker Häftling schlüpft in die Zelle. Schnell schließt der Wärter die Zelle wieder ab.
Der Zellendorm (das Zellengebäude) erinnert dich stark an Pferdeboxen. Die Zellen haben auch etwa die Größe von Pferdeboxen oder Hundezwinger.
Aber in dieser Zelle hausen auf drei Plateaus etliche Männer.
"Das können gut und gerne 30 Arrestierte sein", flüsterst du zu Kagawad. Der nickt nur.
Rings um die Zellenwände herum, das erste Plateau aus grobem Holz und darüber eine weiteres Plateau. Auch auf dem rußschwarzen Boden liegen - wie auf den Plateaus - weiche Matten, Pappen, Kleidung, Bettzeug und sonstige Habseligkeiten ungeordet herum.
Also drei Etagen einschließlich dem schwarzen Boden. Männer liegen, sitzen oder hocken gekrümmt auf den Etagen. Zum Stehen ist es zu niedrig. In einer Ecke etliche Wasserkanister und Eimer. Der strenge Geruch aus der Zelle schlägt euch ins Gesicht und erinnert dich eher an das Affenhaus im Berliner Zoo als an Pferdestall oder Hundezwinger.
Die Arrestierten erblicken dich und sammeln sich sofort mit erstaunten oder grinsenden Gesichtern hinter der Gittertür. Jetzt hörst du aber kein: "Hey, Joe!"
Entsetzt schüttelst du den Kopf und denkst nur: 'Warum halten die so viele Menschen auf so engem Raum? Das sind doch absolut unwürdige Bedingungen. Sollst du nun deine Einzelzelle als Luxus ansehen?'

Wie am Morgen herrscht auch jetzt reges Treiben auf dem Vorplatz. Frauen, Männer, Jugendliche und Kinder tummeln sich vor dem Zellendorm. Sicherlich Familien, Verwandte und Freunde der frisch Arrestierten.
Die Familie des Weggesperrten verlässt den Vorplatz. Das sind die netten Leute, die dir vor kurzem Cola und Brötchen gaben.
Die vier Kinder grinsen breit und sagen fröhlich: "Bye-bye."
Der Opa zwinkert dir zu: "Meine Enkel mögen Sie."
Franco fragt verwirrt: "Kennst Du die?"
"Eigentlich nicht", schaust du den über die offenen Kanäle springenden Kids, der dicklichen Mutter und dem zahnlosen Opa nach.

Glück für euch, dass die Familie gerade geht. Ihr nehmt auf den freigewordenen umgedrehten Cola-Kisten Platz. Mickel-Loy und Silas räumen den zurückgelassenen Müll in ein riesiges rostiges Ölfass.
Nun erst bemerkst du die Tüte in Kagawad Jacub Castros Hand. Alle nennen ihn nur 'Kagawad,' denn das bedeutet Ortsvorsteher.
Er holt einige kleine Flaschen Cola und ein großes flaches spiralförmiges Gebäck aus der Tüte. Jetzt streicht er die Tüte glatt, legt diese auf die umgedrehte Cola-Kiste (die als Tisch dient) und arrangiert darauf die Getränke und die pfannengroße Zuckerschnecke.
"Ensaymada", fordert er dich fröhlich auf, ein Stück abzureißen.
Er greift in seine rechte riesige aufgenähte Hosentasche und kramt ein Feuerzeug und eine Flasche mit der Aufschrift 'Ethyl Alcohol, 70% Solution' heraus.
"Schau mal, hier ist eine LED am Feuerzeugboden. Da hast Du Licht in der Nacht. Und Alkohol zum Desinfizieren der Hände."
"Danke, Kagawad", kaust du auf dem gebutterten Zuckerstück herum.
Kakawad greift indessen in die linke Tasche seiner knielangen Hose und kramt vorsichtig eine flache Pappschachtel hervor: "Lion Tiger, gegen die Mücken."
"Ah", entgegnest du, "dann macht das Feuerzeug ja doppelt Sinn."
"Ja", antwortet Kagawad schnell, "damit kannst Du die Spiralen Lion-Tiger anzünden. Der kleine Metallständer ist auch drin. Ist eine neues Päckchen. Habe ich alles in Sendong gekauft, als wir am Busterminal warteten."
"Sage, was Du bekommst, Kagawad."
Der winkt nur ab.

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